Läuse Die Rache der Gorillas

Bei der Jagd auf die großen Affen sprang einst die Filzlaus auf die Menschheit über

Irgendwo im Urwald, vor etwa 3,3 Millionen Jahren, findet eine entwicklungsgeschichtlich folgenreiche Begegnung statt: Ein Mensch und ein Gorilla kommen sich so nahe, dass ein paar Läusen der Art Pthirus gorillae der kühne Satz auf das Schamhaar des Menschen gelingt. Dort setzen sie sich fest. Davor lebte der Parasit nur zwischen den Haaren von Gorillas; durch den neuen Wirt eröffnet sich ihm nun eine völlig andere Welt: die menschliche Leistengegend. Während die Parasiten im Laufe der Jahrtausende immer wieder für Bissspuren und quälenden Juckreiz sorgen, entwickeln sie sich mithilfe der Schleifmaschine Evolution langsam weiter und passen sich allmählich den Bedingungen an, die um das menschliche Schamhaar herum herrschen.

So ungefähr muss es zugegangen sein, als die Menschheit sich die Filzlaus, wie die damals entstandene Art heute heißt, vom Affen eingefangen hat. Das zumindest behauptet der Infektiologe Robin Weiss vom University College London in der Fachzeitschrift Journal of Biology (online).

Während die Kleiderlaus Pediculus humanus mit ihren zwei Unterarten Kopflaus und Hautlaus nicht wählerisch ist und sowohl den Kopf als auch andere behaarte Teile des Körpers befällt, setzt sich die Filzlaus Pthirus pubis fast ausschließlich im Schamhaar fest. Das liegt vermutlich daran, dass die Kleiderlaus schon längst auf dem Menschen heimisch war, bevor die Filzlaus sich laut Genanalysen der University of Florida vor 3,3 Millionen Jahren aus der Gorillalaus entwickelte. Da die genetische Aufspaltung von Mensch und Gorilla schon über sieben Millionen Jahre her ist, habe der Affe seine Läuse erst später an den Menschen weitergegeben, folgert Weiss.

Und wie könnte der Mensch-Tier-Kontakt, der die Laus zum Absprung brachte, tatsächlich ausgesehen haben? »Bevor man der Fantasie freien Lauf lässt, sollte man wissen, dass Jäger sich von ihrer Beute Parasiten einfangen können«, sagt Weiss. Unsere Vorfahren jagten und verzehrten häufig Gorillas, und die heimatlosen Läuse wechselten den Wirt – ebenso unspektakulär wie folgenreich. Einen ähnlichen Mechanismus vermuten manche Forscher auch für die Ausbreitung von HIV: Über Schimpansenfleisch in Afrika dürfte das Virus erst vor Jahrzehnten auf den Menschen übertragen worden sein.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Affe | Afrika
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service