Neulich hörte ich von einer psychologischen Theorie, die meinen Blick auf die Welt verändert hat. Während ich dies schreibe, blicke ich aus dem Fenster, hinaus in den Februarschnee. Es gibt in der Wohnung wieder einmal keine Milch. Vor einigen Wochen wollte ich meinem Sohn mitteilen, dass er Milch kaufen soll, weil ich zu viel zu tun hatte. Es waren Ferien. Er schläft dann bis zwölf. Ich habe den Zettel auf den Frühstückstisch gelegt, dort, wo er sich immer hinsetzt, um seine Cornflakes zu essen. Der Zettel lag genau an der Stelle, auf der Tag für Tag die Cornflakes-Schüssel steht.

Als ich am Abend heimkehrte, stellte ich fest, dass er, wie immer, die Schüssel aus dem Schrank geholt und dann den Zettel ungelesen beiseitegeschoben hatte, die Schüssel stand jetzt an der Stelle, wo vorher der Zettel lag. Der Kühlschrank war leer. Ihn auf dem Handy anzurufen hat keinen Zweck. Er geht nie dran. Einige Tage später wollte ich ihn darum bitten, das Katzenklo zu reinigen. Ich machte die Küchentür zu, sodass er sie öffnen musste, um an den Kühlschrank und an seine Schüssel heranzukommen. Er musste und würde die Tür öffnen. Genau auf seiner Augenhöhe klebte ich den Zettel an die Tür. Ich schrieb mit rotem Filzstift. Er hat die Tür geöffnet und den Zettel nicht gelesen.

Die Theorie lautet, dass man sich immer über die eigenen Fehler besonders stark aufregt, sobald man sie bei anderen beobachtet. Wer oft und heftig über Unzuverlässigkeit klagt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit selber unzuverlässig, wer sich über Geiz aufregt, ist meist geizig. Unhöfliche meckern über Unhöflichkeit, Rücksichtslose über Rücksichtslosigkeit, Intriganten leiden unter dem Intrigantentum ihrer Umwelt, Aggressive brüllen: "Jetzt sei doch mal nicht so aggressiv, ey!", Kommunikationsverweigerer schreiben Glossen über die Kommunikationsverweigerung anderer und so weiter. Wenn man darüber nachdenkt, fallen einem sofort Dutzende von Beispielen ein, bei denen die Theorie stimmt. Falls man danach an sich selber und die eigenen Phobien denkt, wird einem ganz anders.

Als Al Gore, der Nobelpreisträger und berühmte Warner vor der Klimakatastrophe, im Januar 2004 in New York eine Rede über die Erwärmung des Weltklimas hielt, wurde in New York ein neuer Kälterekord aufgestellt, an genau diesem Tag. Im selben Jahr hielt Gore auch eine große Rede in Boston, dies war der kälteste Tag, den Boston seit 1957 erlebt hat. Im November 2006 trat Gore in Australien auf, es schneite, im australischen Frühsommer, eine Klimasensation. 2007, im März, löste eine Al-Gore-Rede in Washington extreme Schneestürme aus, es schneite auch heftig bei dem Gore-Besuch in London, zum ersten Mal seit 1922 gab es in London Schnee im Oktober. Als Gore aber 2007 in Harvard auftrat, war dies dort der kälteste Oktobertag seit sogar 125 Jahren. 2008 ging ein Gore-Besuch in Mailand mit Kälterekorden einher, und als Gore bei einer Anti-Erwärmungs-Klimakonferenz in Peru weilte, gab es dort sogar Kältetote. Im Mai.

Seit einiger Zeit spricht man deshalb in der Welt der Wissenschaft vom "Gore-Effekt", welcher eine starke, plötzliche, lokal begrenzte Abkühlung des Klimas bewirkt, sobald der Erwärmungsprophet Al Gore in der Nähe ist. Den Begriff "Gore-Effekt" verwendet man halb ironisch, aber nicht ganz ironisch, denn auffällig ist es ja schon. Andere sagen, der Gore-Effekt sei ein Beweis dafür, dass die Natur, möglicherweise sogar Gott, über Humor verfüge. Oder regt sich Al Gore deswegen so sehr über Klimaveränderungen durch andere auf, weil er selber welche auslöst?

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio