USA Die mit dem Wolf heult
Bellen, fiepen oder drohend knurren – am Wolf Center in Minnesota kann man lernen, mit den Wölfen zu kommunizieren. 4000 leben hier, da wird doch wohl einer antworten
Jetzt heult Jesse schon wieder. Es sind minus 35 Grad Celsius. Mit meinen Zehen verbindet mich nur noch eine vage Erinnerung. Auf dem Weg vom Nasenloch zum Lungenbläschen verwandelt sich die Luft in stechend knisternde Kristalle. Ein weißer Mond erhellt die Szenerie. Und Jesse heult. Fordernd streckt sie ihre schmale Hand in meine Richtung und wedelt auf und ab. Na schön. Heule ich halt auch. Nach wenigen Sekunden fällt Thomas ein. Tiefer als wir Frauen, weniger klagend, ausdauernder, der einzige Mann in unserem Rudel. Wir stehen auf dem zugefrorenen Fall Lake im höchsten Norden Minnesotas und stoßen lang gezogene, uns bis vor Kurzem völlig fremde Rufe aus. Die kalte Wintersonne ist vor vielen Stunden untergegangen. Gleich danach sind wir losgezogen. Da hatten wir das erste, schwerste Heulen bereits hinter uns.
Es fand noch in der Wärme statt. »Lernen Sie das Wie und Warum des Wolfgeheuls kennen«, hieß es in der Beschreibung des Kurses »Wolf Communication«, einer Lerneinheit am International Wolf Center in Ely, Minnesota. In dicken Pullovern standen wir am Nachmittag im Auditorium des Wolfszentrums und legten unsere Köpfe erst befangen, dann mit wachsender Entschlossenheit in den Nacken. Die Hände formten wir vor dem Mund zum Trichter. Dann jaulten wir zur Zimmerdecke und ignorierten das heiße Schamgefühl, das sich in der Brust breitmachen wollte. Der Hörsaal ist nur durch eine Panzerglasscheibe von einem kleinen Waldstück getrennt. Darauf lebt die Hauptattraktion des Wolfszentrums: ein Rudel aus sechs sogenannten ambassador wolves – Botschafterwölfen. Vom Auditorium aus kann man sie aus nächster Nähe beobachten. Manchmal sogar Auge in Auge, wenn gerade wieder einer etwas müde hereinblickt.
Das Wolfszentrum, ein nichtprofitorientiertes Unternehmen, wurde Ende der 1980er Jahre mit dem Ziel gegründet, Besuchern mehr Wissen zu vermitteln über die wild lebenden Wölfe Nordamerikas. Auch in Amerika haben viele Menschen eine tief sitzende Angst vor diesen Tieren. Wann immer sie sich an Siedlungen heranwagen, fürchten die Menschen um ihr Leben. Seit 1993 ist das Wolfszentrum am Ortsrand von Ely in einem stattlichen, aus dicken Holzbalken gezimmerten Gebäude untergebracht. Jedes Jahr kommen etwa 43.000 Besucher.
Zum Heulen sind wir zum Glück nur zu dritt. Es kostet die ersten Male viel Überwindung, diese ungewohnt lauten, langen, schiefen Töne auszustoßen. Wilde Laute, die sich nicht an ein menschliches Gegenüber richten. »Macht einfach weiter, ihr gewöhnt euch daran«, ermunterte uns Jesse. »Und schön klingen muss es auch nicht.«
Jesse White-OBryant ist 26 und arbeitet seit vergangenem Sommer im Wolfszentrum. Als ausgebildete Lehrerin für Naturwissenschaften hat sie zuvor Schüler in Biologie, Chemie und Physik unterrichtet. Dann sehnte sie sich nach mehr Abenteuer und bewarb sich zunächst als Fallenstellerin bei einem Forschungsprojekt in der Region. »Beim Fallenstellen haben wir oft zum Spaß das Wolfsheulen imitiert«, erzählt sie. »Irgendwann gibt es dir ein befreiendes Gefühl, einfach so loszuheulen. Es hört dich ja kein Mensch.« Wenn sie heute irgendwo im Wald unterwegs ist, sagt Jesse, heule sie inzwischen fast automatisch. »Um zu lauschen, ob eine Antwort kommt.« Und oft hat sie Glück.
Wild lebende Wölfe beherrschen etwa sechs verschiedene Vokalisationsarten. Sie reichen vom kläglichen Fiepen über ein drohendes Knurren und Fauchen bis zum aufgeregten Bellen. Das Chorgeheul, das im Zentrum gelehrt wird, besteht aus lang gezogenen, mehrmals neu ansetzenden Uuuuu-uuuuuu-Lauten und wird vom ganzen Rudel gemeinsam ausgeführt. »Es bedeutet: ›Hier wohnen wir!‹, oder: ›Wir haben Nahrung gefunden!‹«, übersetzt Jesse. Es klingt ungefähr so, wie man es aus Filmszenen kennt, in denen gleichzeitig Wölfe und ein Vollmond vorkommen: ziemlich unheimlich.
- Datum 05.03.2009 - 08:08 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren