Nun kommt sie auf Touren, die deutsche Historienmaschine, denn dieses Jahr ist ein Neunerjahr. Es fügt sich, dass den Schicksalsdaten unserer jüngsten Geschichte die 9 eingeprägt ist: 1919 – 39 – 49 – 89.

Was meinen wir eigentlich, wenn wir Deutschland sagen? Allein im letzten Jahrhundert gab es fünf davon. Fünf extrem verschiedene Staaten, Identitäten, Grenzen: Kaiser. Weimar. Hitler. Teilung. Und nun Berlin. Fünfmal Deutschland in achtzig Jahren, das ist vermutlich Weltrekord in nationaler Anarchie. Wie über Amerika gesagt wird, dort herrsche die Tradition der Traditionslosigkeit, ließe sich über Deutschland sagen: Hier herrscht die Form der Formlosigkeit.

Muss es nicht heißen: herrschte? Wie es aussieht, haben wir Deutschen nach über 150-jähriger Formsuche, Irrwege eingeschlossen, Irrsinn auch, eine nationale, politische, geografische Gestalt gefunden, in der wir leben können und die Welt auch. Endlich sind die streitenden Pole versöhnt: Einheit und Freiheit, Republik und Nation.

Wie ruhig wir geworden sind. Uns fällt mit der Einheit der größte nationale Triumph seit 1871 in den Schoß, und wir nehmen es technisch. Neue Postleitzahlen, neue Bundesstraßen, neue Länder. Die alte Unrast ist fort, das Große, das Katastrophische auch. Ist das die neue deutsche Gelassenheit? Oder haben wir so viel Valium, so viel Antigeschichtsphilosophika geschluckt, dass uns nichts mehr erreichen und erregen kann?

Die vorgeschlagene Deutung lautet: Es sei das glückliche Ende jenes Sonderweges, auf dem die Deutschen durch die Jahrhunderte irrten, während andere längst Nationen und Republiken waren. Diesen Pfad hätten wir nun verlassen und seien endlich angekommen – im Westen.

Dort wollen wir hinfahren, nach Paris und noch ein kleines Stück weiter.

1919: Versailles, im Spiegelsaal

Ein Gespenst geht um in Europas Geschichte, ein Geist namens Versailles. Es gibt Hoffnung, ihm zu begegnen früh um neun im Spiegelsaal des Sonnenkönigs, bevor die Touristen kommen.

Hier also – unter diesen Lüstern, in diesem Spalier aus siebzehn Fenstern und ebenso vielen Spiegeln. Manche sind vom Alter bestäubt wie das Schlossdach draußen vom Raureif. Goldene Sonnen allüberall, Zeichen des Gottes Apoll, in ihm spiegelte sich le roi soleil, Louis XIV. Hier schlug den Deutschen zwei Mal die Stunde. Erst die süße ihrer Revanche, dann die bittere der Revanche der anderen. Es soll eine kleine Erinnerungstafel geben, aber entweder ist sie abgeschraubt worden oder zu gut in all dem Goldblech versteckt.

Hier hatte der Geist von Versailles seinen ersten Auftritt, an einem ähnlich fahlen Wintertag wie diesem. Hier stand Bismarck am 18. Januar 1871 und machte seinen Preußenkönig zum deutschen Kaiser – im Allerheiligsten des französischen Königtums.

So feierlich, wie Anton von Werner sie später malte, war die Kaiserproklamation nicht. Es gab keine Krone. Keinen Thron. Kein Zeremoniell für den eigentlich modernen Akt der Bekanntgabe eines konstitutionellen Kaisertums. Nur eine knappe Ansprache, ein achtfaches »Hurra!«. Bismarck stritt bis kurz vorher mit seinem König darüber, was dieser denn genau werden sollte: Kaiser von Deutschland oder bloß Deutscher Kaiser.

Wilhelm und vielen preußischen Adeligen bedeutete ihre Preußenkrone ohnehin mehr als der Kaiser-»Mummenschanz«, wie ein Preuße die Szene beschrieb. Man muss sich die Stunde, in der Preußens König deutscher Kaiser wurde, so wenig grandios, so improvisiert wie möglich denken. Wie eine eilige Hochzeit ohne Ringe.

Rachegefühle gegen den Erzfeind waren im Spiel, Rache für den unvergessenen Raubzug Ludwigs XIV. gegen die Pfalz, die Schändung der Kaisergräber in Speyer, die napoleonische Besatzung. Doch das kochte erst später hoch. Am Tag von Versailles standen die siegreichen Deutschen vor Paris, Versailles war ihr Hauptquartier. Eine Zeichnung zeigt den Spiegelsaal voller Feldbetten.

Das Schloss des Sonnenkönigs war leer geräumt und verlassen, seitdem Pariser Fischweiber 1789 den letzten Bourbonen hier herausgeholt hatten. Ein halbes Jahrhundert später hatte sich der Bürgerkönig Louis Philippe erbarmt und daraus ein Museum französischer gloire gemacht. Das also war der Ort, an dem die Deutschen fern der Heimat ihren Kaiser ausriefen: französisches Museum und deutsches Lazarett. Dennoch, die Symbolik des Tages trägt weit – der im fremden Schloss gekrönte Sieg sollte der letzte sein. Seit 1871 hat Deutschland keinen Krieg mehr gewonnen.

Heutige Deutsche können sich nicht mehr vorstellen, wie der Schock der Niederlage 1919 ihre Vorfahren traf. Hatte doch der Feind nirgendwo die Reichsgrenze überschritten, ganz im Gegenteil standen deutsche Heere beim Waffenstillstand Ende 1918 tief in Frankreich. Und nun sollte Deutschland der große Verlierer des Ersten Weltkriegs und mehr noch: der allein kriegsverantwortliche Paria des zu schließenden Friedens sein?

Ein halbes Jahr lang war er unter den Siegern verhandelt worden. Nun war der Tag da. Hier, wo im Winter 1871 der neue deutsche Kaiser gestanden hatte, stand im Sommer 1919, am 28. Juni, der Tisch, auf dem die 440 Artikel lagen, die man bald nur noch, meist wütend, den Versailler Vertrag nennen würde. Alles wartete auf die Deutschen, die ihn unter Androhung der Wiederaufnahme des Krieges zu unterschreiben hatten.

Einer, der dabei war, der junge britische Diplomat Harold Nicolson, beschrieb den Moment so: » ›Faites entrer les Allemands‹, sagt Clemenceau in die Stille hinein. Seine Stimme klingt wie von weit her, aber scharf durchdringend. Dann wieder Totenstille. Durch die Tür am Ende des Saals erscheinen zwei Huissiers mit Silberketten. Sie marschieren im Paradeschritt. Hinterdrein kommen vier Offiziere, ein französischer, ein britischer, ein amerikanischer und ein italienischer. Und dann, abgesondert und bedauernswert, kommen die beiden deutschen Delegierten. Die Stille ist beklemmend. Ihre Schritte auf dem Parkettstreifen zwischen den Savonnerie-Teppichen hallen hohl im Doppeltakt wider. Sie halten die Blicke von diesen zweitausend sie anstarrenden Augen weggerichtet, zum Deckenfries empor. Sie sind totenbleich.«

Georges Clemenceau ist der französische Premier. Huissiers sind Amtsdiener, wie bei Gericht. Die vier Offiziere stehen für die Siegermächte des Weltkrieges; eigentlich sind es nur drei, Italien hat man mit territorialen Zusagen aus dem Bund mit Wien und Berlin gelockt. Und die beiden armseligen Deutschen sind Außenminister Hermann Müller und Verkehrsminister Johannes Bell, sie vertreten die junge deutsche Republik. In dieser Stunde im Juni 1919 endet der Erste Weltkrieg, mit diesem Friedensvertrag.

Für die Deutschen ist der Frieden eher ein Urteil. Sie verlieren ein Siebtel ihres Landes, ein Zehntel der Bevölkerung, ein Drittel ihrer Kohle- und drei Viertel ihrer Erzvorkommen, alle Kolonien; das deutsche Militär wird auf einen Rest von 100000 Mann geschrumpft.

Was aber daheim noch mehr Empörung auslöst, ist die Moralisierung der Niederlage durch die Sieger: Deutschland soll seine alleinige Kriegsschuld unterschreiben. Darüber ist in Berlin die erste Regierung der Republik zurückgetreten – voran der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann, erst vor Monaten zum Reichsministerpräsidenten gewählt.

Auf einer Kundgebung der Nationalversammlung in der Aula der Berliner Universität am 12. Mai 1919 schleudert Scheidemann seinen bekannten Fluch gegen Versailles: »Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in diese Fessel legt?« Äußerungen dieser Art sind zahlreich, von links bis rechts. Im Zorn über das »Diktat von Versailles« kennt Deutschland keine Parteien.

Den beiden vor Clemenceaus Tisch geführten Delegierten ist das alles nur zu bewusst. Die Unterzeichnung zieht sich hin. Es gibt in dieser Stunde nicht nur vier, es gibt 27 Sieger, sie alle haben ihren Auftritt mit Tinte und Löschpapier. »Wir blieben noch sitzen«, fährt Nicolson fort, »während die Deutschen abgeführt wurden wie Sträflinge von der Anklagebank.«

Dieser Tag prägt von Stund an die deutsche und das heißt die europäische Geschichte als Wasserzeichen: die Versailler 9. 1919 – 1939 – 1949 – 1989.

Zugleich debattiert die Nationalversammlung die Weimarer Verfassung und den Versailler Vertrag. Beides verschmilzt auf die unglücklichste Weise zu einem Bild, in dem die eben ausgerufene Republik als eine Maschine dasteht, dazu da, alle industrielle, monetäre, militärische Kraft aus Deutschland heraus in die Venen der Sieger zu pumpen. Natürlich war Versailles nicht ursächlich für den Weltbrand von 1939, aber es war Brandbeschleuniger, geliefert in hinreichender Menge und Qualität.

Versailles war die letzte der großen europäischen Friedenskonferenzen, vergleichbar nur dem Westfälischen Frieden von 1648, der Europas Dreißigjährigen Krieg beendete – und dem Wiener Kongress 1814/15, der es nach Napoleon neu ordnete.

Allein, es gelang nicht mehr. Die alte Zeit war vorbei. Neue Mächte und Ideen traten auf den Plan. Der junge amerikanische Idealismus in Gestalt von Präsident Wilsons Völkerbund. Die junge Sowjetmacht. Der Faschismus, noch kaum auf der Welt. Versailles war ein Tanz im zugigen Saal: Alteuropäische Machtpolitik dreht sich auf royalem Parkett zum Vorspiel moderner Totalitarismen und Untergänge.

In diesem Moment flattert eine Schulklasse in den Spiegelsaal und lässt sich nieder wie Spatzen auf einem Busch – dort auf dem Parkett, wo der Geist von Versailles seinen ersten und seinen zweiten Auftritt hatte. Ein Picknick in Versailles, der Spiegelsaal als Flokati, ein wenig Schauder und histoire – der kleine Regelverstoß aus der Werbung: Liberté toujours.

1939: Im Nirgendwo

Da ist nichts. Dieses Neunerjahr hat keinen Ort. Man kann 1939 nicht besuchen, es ist begraben, verweht. Die Reichskanzlei in Berlin, in der Hitler den Weltkrieg auslöste? Sand und Luft. Der Sender Gleiwitz in Oberschlesien, auf dessen vorgeblich Beschuss durch polnische Truppen am 31. August 1939 hin am anderen Morgen deutscherseits »zurückgeschossen« wurde? Ein Propagandatrick, zigmal entlarvt. Die Westerplatte in Danzig, wo auch »erste Schüsse« fielen? Ein polnisch-patriotischer Ort.

Dass von Hitler nichts blieb, nicht von ihm selbst, nicht von seinem Reich, sagt mehr als alle Erklärungen, alle Flüche. Eisenbahnschienen wurden zum Symbol des Vernichtungskrieges, und auf Schienen geisterte er selbst durch seinen ersten Krieg im Osten: der böse Geist auf Rädern, das erste Führerhauptquartier als Panzerzug – das Schweifende, Ortlose eines praktizierenden Nihilisten.

Am Morgen des 1. September 1939, am Tag des Angriffs auf Polen, erscheint er im Reichstag im feldgrauen Rock, den er erst »nach dem Sieg« wieder ausziehen werde, wie er in seiner Rede erklärt. Hitler habe es zuvor stets »schroff abgelehnt, den braunen Rock auszuziehen«, erinnert sich sein militärischer Adjutant Nicolaus von Below – jetzt trägt er »am linken Arm nicht die Hakenkreuzbinde, sondern das Hoheitsabzeichen der SS«.

Am Abend des 3. September – des Tags, an dem die Kriegserklärungen Englands und Frankreichs in Berlin eingehen – besteigt Hitler seinen Panzerzug auf dem Stettiner Bahnhof, fährt ins eroberte Polen und kommt erst drei Wochen später zurück. Mal steht der Zug in Hinterpommern, mal in Oberschlesien, mal fährt man Hitler zur Front, mal fliegt man ihn hin, so am 21. September an den Rand des umkämpften Warschau.

»Am 25. September«, berichtet von Below, »flog Hitler noch einmal in den Raum vor Warschau und verfolgte von einem guten Beobachtungsplatz aus die Ereignisse. Für diesen Tag hatte das OKH (Oberkommando des Heeres, Anm. d. Red.) den Angriff befohlen. Viele Teile der Stadt standen in Flammen. Es war ein unwirklicher Eindruck von einem sinnlosen Kampf. Zwei Tage später, am 27. September, bot der Kommandant von Warschau die Übergabe der Stadt an. Die letzten polnischen Kräfte kapitulierten am 1. Oktober auf der Halbinsel Hela vor Gdingen.«

Was nun kommt, ist in militärischen Begriffen nicht mehr zu fassen. Die SS übernimmt. Einsatzgruppen und der aus Volksdeutschen rekrutierte »Selbstschutz« haben freie Hand, zu morden, zu brennen, zu vergewaltigen. Polen 1939, das ist der Freilandversuch jener Vernichtungswut, die dann zwei Jahre später Russland und den ganzen europäischen Osten überzieht.

Wie ein Medium hat Hitler auf seiner polnischen Zugreise allen Ekel und Hass gegen den östlichen, namentlich jüdischen »Untermenschen« in sich gesogen und potenziert. Wie ein Medium sendet er ihn wieder aus. Im Oktober schon entzieht er Polen der Militärverwaltung und gibt es dem entfesselten Terror der SS, in deren Zeichen er im Reichstag auftrat, ganz anheim. Himmlers Adjutant Ludolf von Alvensleben am 16. Oktober vor Rekruten in Thorn: »Jetzt seid ihr das Herrenvolk. [] Seid nicht weich, seid erbarmungslos und räumt mit allem auf, was nicht deutsch ist und uns am Aufbau hindern könnte.«

Nein, Hitler und sein Jahr 1939 – sie sprengen diese Reihe: 1919 – 1949 – 1989. Hitler pervertiert die deutsche Formsuche. In seinem Anfang als radikalisierter Landser ihr Produkt, in seinem Aufstieg ihr Verführer, steht er am Ende da als ihr Verräter. Kaputter, deformierter, verlorener war das Land nie als nach ihm.

An diesem tiefsten Punkt der deutschen Geschichte steht die Suchbewegung still. Sie regt sich, von außen angestoßen, erst Jahre später wieder auf einer ehemaligen Klosterinsel in Oberbayern.

1949: Der Geist von Herrenchiemsee

Wen immer Bayern gegen sich hat, es hat seine Schönheit für sich. Dort draußen der Park, der See, die sanft knisternde Stille eines oberbayerischen Wintertages. In der Ferne die Berge, schneebedeckt. Unten am Ufer arbeitet das Eis, hängt im Schilf, eine Handbreit überm Wasser, wie Kommunionskerzenservietten.

Drinnen ein weißer Kachelofen, sonst sachlichste Ausstellungsarchitektur: Ein Glaskonstrukt ersetzt den Tisch des Konvents, umstanden von merkwürdigen Metallsäulen, eine für jedes damals hier vertretene Westzonenland. Ein Foto an der Kopfwand zeigt denselben Raum, den Konvent im August 1948. Wie klein sie ist, die Keimzelle der Bundesrepublik. Kaum größer als das Herrenzimmer einer alten Professorenvilla.

Die Holztäfelung ist nur Tapete, eine Mode der Zeit Ludwigs II. Es sind wenige Schritte hinüber zum Schloss des versaillesnärrischen Bayernkönigs, der Ludwig XIV. über die Maßen verehrte. Hier auf der Herreninsel ließ er sich dessen Versailles als Kopie nachbauen, samt Spiegelsaal, größer als das Original, vom Geld, das Bismarck ihm für einen besonderen Dienst hatte zukommen lassen: Ludwig II. war es, der 1871 für die deutschen Fürsten dem Preußenkönig die Kaiserwürde antrug.

Im früheren Augustinerstift wohnte er, um den Bau seines Herzensprojekts zu überwachen. In diesem Zimmer ließ er sich auftragen. Hier also wurde Deutschland westlich – in König Ludwigs Speisezimmer.

Westlich? Die 33 Herren, die sich im August 1948 hier trafen, um das Land zu entwerfen, in dem wir leben, hätten sich eher auf die Zunge gebissen, als dieses Wort zu gebrauchen: Westen. Weststaat – dass es dazu kommen könnte und sie dazu beitrügen, war ihre größte Sorge. Aber man war ja nicht blind. Der Weststaat kam. Das Wort hing in der Luft über dem Konventstisch, und man versuchte es durch ein anderes zu bannen: das Provisorium.

Wäre es möglich, den Konvent vom Heute her zu befragen, kaum einer der Herren hätte als Ziel die Ankunft im Westen genannt. Sie hatten andere Sorgen. Das Deutschland von 1919 war besiegt gewesen, gestraft, aber es hatte existiert. Jetzt, 1948, gibt es kein Deutschland mehr. Keine deutsche Regierung, keinen deutschen Staat. Das Land ist besetzt, steht unter alliiertem Kommando, seine Teilung zeichnet sich ab. Finis Germaniae.

Die Ministerpräsidenten der Sowjetzone haben drei Wochen zuvor die letzte gemeinsame Konferenz mit ihren Kollegen der Westzonen verlassen. Denen haben die drei westlichen Militärgouverneure am 1. Juli 1948 in Frankfurt den Auftrag – nein, den Befehl! – erteilt, ein föderales Staatswesen separat zu bilden. Der Nachkrieg endet, der Kalte Krieg ist da, Stalin gibt seine deutsche Beute nicht wieder her, ein satisfaktionsfähiger deutscher Weststaat ist schleunigst ins Werk zu setzen.

Der alliierte Befehl trifft auf deutsche Skrupel. Weststaat – das hieße doch, sich der Spaltung des Vaterlandes schuldig zu machen. Verrat an den Deutschen unter Stalin. Andererseits, man muss etwas tun. Es herrscht nicht nur Befehls-, es herrscht Realitätsnotstand. Deutschland kann sich nicht in seine Länder verkriechen, Europas Mitte kann nicht dauerhaft vor sich hin implodieren. Sie braucht eine Form.

Die Ministerpräsidenten der Westländer setzen einen Verfassungskonvent ein, gemeint als Expertenrunde, die ihnen einen Entwurf für so eine politische Form liefern soll. Der bayerische Ministerpräsident hat eine Idee. Er lädt die Herren an einen wunderbar ruhigen Ort, wohl nicht ohne Hintersinn – der Geist und durchaus auch die idyllische Gastlichkeit des Ortes würden schon dafür sorgen, dass der neue Staat so föderal, also so sehr im bayerischen Sinne wie nur möglich ausfallen würde.

Die Presse, verspricht er, wird die Herren dort nicht stören, es wird Ausflüge und ordentlich zu essen geben, damals ein starkes Argument, und die Gattinnen dürfen auch mitkommen. Auf der Insel gibt es zwei Telefone, und die Staatsregierung bittet die Ortspolizei, zwei Mann zu stellen, die ungebetene Gäste fernhalten.

Deutschland, das ist in jenen Tagen eine Bierdeckelskizze. Die abenteuerlichsten Teilungspläne kursieren, nicht mehr bei den Alliierten, diese Phase ist vorbei. Als sei ein Preis ausgesetzt, senden nun Privatpersonen selbst gemalte Deutschlandkarten mit selbst ausgedachten Staatsgebilden an den Verfassungskonvent.

Doch dann geschieht etwas Unerwartetes, fast ein Wunder, eigentlich zwei. Erstens denken die Herren auf der Insel nicht daran, sich zwei nette Wochen zu gönnen. Sie arbeiten. Das Vergnügungsprogramm wird auf einen kleinen Ausflug zusammengestrichen. Zweitens bringen sie etwas hervor, das die von Herrenchiemsee ferngehaltenen politischen Profis zwar als politisch nicht bindende Vorlage zu bagatellisieren suchen, das sich aber als so reif, so durchdacht erweist, dass es sich im Parlamentarischen Rat 1949 wie von selbst durchsetzt. Das Grundgesetz ist ein Produkt aus Herrenchiemsee.

Die 33 sind so gut wie vergessen. Sie, denen die Deutschen ihr spätes Glück zuallererst zu danken haben – was waren das für Leute?

Theodor Spitta war ein Bremer Patrizier, kulturprotestantisch geprägt, geboren 1873 als Sohn eines Überseekaufmanns, Goethe-Leser zeitlebens, ein philosophisch interessierter Liberaler mit internationalen Verbindungen, auch mit dem, was man heute soziales Gewissen nennt – und mit Ansichten, die im heutigen Justemilieu als stockkonservativ gelten würden. A man in full der deutschen ersten Jahrhunderthälfte.

Schon 1917 gehört er der Verfassungsdeputation an, die Bremens ständische Ordnung ablösen und ihm eine republikanische Konstitution geben soll. In der Weimarer Zeit geht er in die liberale Deutsche Demokratische Partei und dann in den Senat, regiert erst mit der SPD und ab 1920 als Zweiter Bürgermeister in einem bürgerlichen Senat. 1933 tritt er mit dem ganzen Senat zurück. Im Krieg wird der frühere Bürgermeister dienstverpflichtet als Hilfskraft bei der Baubehörde. Als der Krieg endet, ist er 72 und will sich zurückziehen. Daraus wird nichts. Man beruft ihn in den Herrenchiemsee-Konvent.

Noch im Krieg hat er ein Tagebuch begonnen. Es heute zu lesen reißt ein Fenster in diese allernächste, allerfernste Zeit auf. Das Wochenende eines bremischen Patriziers im Februar 1945:

Freitag. »Nachmittags Senatorentee bei Nebelthau; unsere Sorgen um Deutschland und Bremen besprochen.« In dieser Reihenfolge! Und es sind nicht nur Worte. Zwei Jahre später, Spitta ist wieder im Senat, wird er, mit Süd-Württemberg als einzigem Verbündeten unter den deutschen Ländern – die anderen, allen voran Bayern, sind entschlossen, die Gunst der föderalen Stunde zu nutzen –, dafür kämpfen, den wieder aufzurichtenden Bundesstaat, der immer noch »das Reich« heißt, durch Einkommensteuerhoheit zu stärken.

Samstag. »Abends gegen 8 Uhr Vollalarm, aber nur wenige Flugzeuge über Bremen. 14 Tote, 140 Verw, 30 Verschüttete.«

Sonntag. »Jüngers Arbeiter (die ausgezeichneten Abschnitte über die Technik als Mobilisierung der Welt durch die Gestalt des Arbeiters). Bombenabwurf. Im Bunker den gegenwartsnahen Thukydides gelesen.«

Der letzte Eintrag an Neujahr 1948: »Was wird dies Jahr uns bringen? Politische Hochspannung in der Welt, doch ich glaube nicht, dass es jetzt zum Dritten Weltkrieg kommen wird. [] Ungewissheit des deutschen Schicksals; Zusammenfassung der westlichen Zonen? Noch stärkere Trennung vom deutschen Osten?«

Theodor Spittas Tagebuch endet ein halbes Jahr vor Herrenchiemsee. Ein anderes setzt dort ein. Dessen Autor hat einen radikal anderen Weg hinter sich.

Hermann Louis Brill, geboren 1895 als Sohn eines Schneidermeisters im thüringischen Gräfenroda. Er verkörpert geradezu das sozialdemokratische Ideal der Emanzipation durch Bildung. Studiert sich hoch zum Lehrer und weiter zum promovierten Juristen. Der desillusionierte Kriegsfreiwillige von 1914 schließt sich 1918 der radikalen USPD an, wechselt aber bald zur Mehrheits-SPD. In der Weimarer Zeit ist Brill Abgeordneter im Thüringer Landtag, 1932 im Reichstag.

Ein ihn fortan prägendes Erlebnis ist seine Vernehmung Adolf Hitlers. In Thüringen kommt die NSDAP früh in die Regierung, 1930, und ihr Bildungsminister Frick versucht, Hitler einen deutschen Pass zu beschaffen, indem er ihn zum Polizeikommissar in Hildburghausen macht. Als Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses hierzu lädt Brill 1932 Hitler als Zeugen, und der erscheint tatsächlich.

Brill hat diese halbe Stunde später so beschrieben:

»Für mich war der 14. März 1932 einer der entscheidendsten Tage meines Lebens. Ich hatte Hitler gehört und gesehen, länger als 30 Minuten hatte er mir gegenübergestanden und auf meine Fragen antworten müssen. Ich besaß ein aus eigener Anschauung geschöpftes, wohlbegründetes Urteil über ihn. Er erschien mir damals als ein hysterischer Brutalist, ungebildet, zynisch, durch und durch unwahrhaftig, arrogant, unbeherrscht, bereit, jeden anderen physisch oder moralisch niederzuschlagen. Am 14. März 1932 fasste ich den Entschluss, mich diesem Mann zu widersetzen, zu jederzeit, überall, unter allen Umständen und mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln. Ich habe diesen Entschluss verwirklicht.«

Dieser stolze Satz charakterisiert ein schnörkelloses, manchmal schneidendes Selbstbewusstsein, das in seinem Herrenchiemseer Tagebuch wieder auftauchen wird.

Hitlers Regime jagt ihn 1933 aus allen Ämtern, er wird verhaftet, wieder verhaftet und durch den »Volksgerichtshof« wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« – er war in illegalen Gruppen aktiv – ins Zuchthaus Brandenburg und später ins KZ Buchenwald gesteckt. Nach seiner Befreiung berät er die kurzlebige amerikanische Militärregierung in Weimar und ist fünf Wochen lang erster Nachkriegs-Ministerpräsident von Thüringen, bis zur Übergabe des Landes an die sowjetischen Alliierten. Er führt die thüringische SPD im Kampf gegen die Unterwerfung unter die KPD. Schon Ende 1945 verlässt er Thüringen und geht nach Hessen. Von dort wird er als Staatssekretär nach Herrenchiemsee entsandt.

Eine Erkenntnis bei der Lektüre seines Tagebuchs ist die Kontinuität seiner geistig-politischen Biografie, die er schroff betont. Den heutigen Leser, für den die Hitler-Jahre wie eine Zeitmauer seine helle Gegenwart vom dunklen Rest aller anderen Zeit scheiden, muss das erstaunen, ja provozieren. Denn Brill betont nicht nur seine persönliche, sondern zugleich die deutsche Kontinuität. Von Neugründung und Stunde null will er nichts wissen.

Es kommt zu einer scharfen Debatte um diesen Punkt. Brills Gegenspieler, der bayerische Delegierte Hans Nawiasky, »trägt die Theorie vom Untergang Deutschlands als Staat vor«. Hintergrund ist der Föderalismusstreit: Wo kein deutscher Staat mehr ist, da sind nur noch Länder. Da geht alle Staatsgewalt von den Ländern aus. Bayern sieht – und will – das so. Brills Entgegnung gipfelt in einem persönlichen Bericht:

»Wenn sich im KZ Buchenwald mehrere hundert Häftlinge bewaffnen, die SS angreifen, einige SS-Leute töten, etwa vierzig von ihnen gefangen nehmen, das Lager gegen den in der Nähe stehenden Volkssturm absperren und wenn das alles am 11. und 12. April 1945 geschehen ist, also vier Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation, können diese Männer dann nach der Theorie des Herrn Nawiasky in einigen Jahren wegen Meuterei, Waffendiebstahl und Totschlag bestraft werden, weil die nazistische Staatsgewalt im Wege der debellatio rechtmäßig erst am 8. Mai untergegangen ist? Dr. Nawiasky kriegte einen roten Kopf.«

Debellatio heißt Einverleibung des besiegten Staates durch den Sieger. War Deutschland 1945 in dieser Lage? Was heute wie ein Professorenstreit wirkt, rührt für die Männer am Tisch an den Kern der Dinge. Die extremen Föderalisten ziehen eine Tabula rasa vor, auf der das deutsche Blatt neu gemischt wird. Männer wie Brill und sein Parteifreund Carlo Schmid, Sozialdemokraten also, spielen in dieser Lage den nationalen Grand mit vieren – alle vier Zonen sollen es sein.

Für Brill war 1945 nicht Finis Germaniae. Gerade für einen wie ihn, der Hitler unter Einsatz seines Lebens bekämpft hat, ist er ein Verbrecher, dem es einige Jahre gelang, den deutschen Staat zu usurpieren. Für Brill und seine Freunde steht fest, dass »das Deutsche Reich als rechts- und handlungsfähiges Subjekt der innerstaatlichen Rechtsordnung keinen Augenblick aufgehört hat, zu existieren«.

Es ist etwas anders gekommen, wie wir heute wissen. Das halbe Deutschland, das auf Herrenchiemsee Kontur annahm, fand seinen Platz in der einen Hälfte einer geteilten Welt. Aber es ist nicht egal, wie die Männer, die es begründeten, dieses Land gesehen und gedacht haben. Es ist nicht egal, weil es bedeutet: Hitler hatte nicht das letzte Wort. Sie hatten das letzte Wort. Und der Staat, den sie gründeten, war Resultat ihres Weges, so hart und krumm er auch gewesen war.

Nein, nichts war null.

War es ein langer Weg westwärts?

Wer aus dem linken Widerstand kam wie Brill, aus dem nationalkonservativen um Stauffenberg, selbst aus der inneren Emigration wie Spitta, der musste sich 1945 nicht neu erfinden. Und sein Land auch nicht. Das mussten die anderen, die Mehrheit. Vielleicht ist das Lied vom Westen am Ende nicht die große Erzählung von 1848 bis 1989, vielleicht war es eher die Melodie, die diejenigen summten, die 1945 Gründe hatten, sich und ihre Welt neu zu arrangieren.

Die 33 standen bis zum Gürtel in der dramatischen ersten Jahrhunderthälfte, mancher bis zum Hals. Gerade darum konnten sie Deutschland ein neues Drehbuch schreiben, eines mit Happy End. Ja, man wird auf Herrenchiemsee ein wenig unsicher, ob »Der Weg nach Westen« wirklich der Titel ist, der zu diesem Film passt.

1989: Berlin, irgendwo unterwegs

Es hat keinen Sinn, in Berlin nach dem einen, alles enthaltenden Ort zu suchen. Es gibt ihn nicht. Zu viele Bomben, zu viel Abriss, zu viel Krieg und Ideologie, und die große Gleichgültigkeit danach.

Was es gibt, sind Orte, denen sieht man ihre finest hour nicht an – wie die Oberbaumbrücke. In ihr ist gespeichert, was in den Abendstunden des 9. November 1989 geschah: Die Schleuse tat sich auf, ein Menschenstrom floss quer über die Spree. Er floss die ganze Nacht und hat seither nicht aufgehört zu fließen. Und es gibt die neuen Orte, die etwas ufohaften Staatsbauten der Berliner Republik.

Sie geben sich solche Mühe, so betonneutral, so unlesbar wie möglich dazustehen, das aber kolossal. Die Sphinx namens Kanzleramt hat ein Kritiker »Bahnhof von Bagdad« genannt. Baulich immerhin ist sie uns erhalten, die Form der Formlosigkeit – wir erinnern uns. Ja, wir erinnern uns jetzt ganz kolossal, und es fragt sich: Warum? Was erhoffen wir uns von der Vergegenwärtigung unseres Weges durchs letzte Jahrhundert?

Vermutlich die Einsicht: Es gibt ihn wirklich, diesen Weg. Da ist etwas wie Geschichte und nicht bloß das weiße Rauschen der Zufallsteilchen.

Erinnert sich jemand an Francis Fukuyama und seine Idee vom Ende der Geschichte? Sie passte so wunderbar in die goldene Periode nach dem Mauerfall. So ähnlich wie diese Theorie müssen die Gefühle junger Amerikaner in den betörenden Wochen nach dem gewonnenen Zweiten Weltkrieg beschaffen gewesen sein. Als amerikanischer Hegelianer hatte Fukuyama als Ziel und Ende der Geschichte natürlich das amerikanische Modell vor Augen, auf Dauer gestellt für alle.

Auch wir Deutschen hatten unsere Fukuyama-Stunde. Nach 1989 sahen wir uns eine leichtsinnige Dekade lang angekommen im Glück. Endlich ein Land mit einem einfachen Namen: Deutschland. Mit einleuchtenden Grenzen und einer irgendwie heilen Gestalt auf der Karte. Keine behelfsmäßigen Kürzel mehr: BRD, DDR. Es war mehr als Leichtsinn, es war Erlösung. Wie erlöst waren wir von einem schwierigen Herkommen.

Wie fern diese Empfindungen sind. Die Geschichte kommt nicht an, und sie geht nicht weiter – derzeit rennt sie, befeuert von dem, was wir »die Krise« nennen und nicht begreifen. Nie in persönlich erlebter Zeit lag die Zukunft dunkler da. Sie wird sich enthüllen, und sie wird anders sein. So viel ist sicher.