Zauberwort

New Deal. Der Name klingt immer noch wie eine Verheißung. Gerade jetzt, da weltweit die Milliardenpakete hochgestapelt werden, sprechen wieder alle enthusiastisch von Franklin D. Roosevelts großem Plan, der Mutter aller Konjunkturprogramme.

Dieser Enthusiasmus ist das Produkt einer beispiellosen Werbekampagne, die den New Deal seinerzeit virtuos als Bild einer besseren Welt verkaufte. Gebaut wurden im amerikanischen Kampf gegen die Große Depression eben nicht nur mehr als hunderttausend öffentliche Gebäude, eine Million Kilometer Straßen, annähernd achtzigtausend Brücken und ungezählte Staudämme.

Die besten und wichtigsten dieser Projekte bekamen auch eine eigene Ästhetik, stromlinienförmig wie bei den Riesenstaudämmen der Tennesse Valley Authority oder klar, kantig, wuchtig wie der Neubau der US-Zentralbank, des Federal Reserve Board an der Constitution Avenue: Staatsvertrauen, in Stein gehauen.

Aber der New Deal ging noch einen Schritt weiter – und auch das hat sein Ansehen bis heute geprägt. Teil der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, vielleicht der propagandistisch fruchbarste, war ein eigenes Förderprogramm für Maler, Schriftsteller, Fotografen und Musiker, das Federal Art Project und das Federal Writers’ Project. Bedeutende Künstler konnten sich dank dieser Unterstützung über Wasser halten, Maler wie Jackson Pollock, der Schriftsteller John Steinbeck oder Fotografen wie Walker Evans und Dorothea Lange, deren Aufnahmen von ausgemergelten Wanderarbeitern unser Bild der Depressionsära prägen – und von ihren Auftraggebern in Washington ganz gezielt zur Durchsetzung weiterer Hilfsprogramme für die »dust bowl migrants« aus dem Mittleren Westen eingesetzt wurden.

Die Maler des Federal Art Project wurden vor allem beauftragt, Schulen, Behörden, Flughäfen mit Gemälden auszuschmücken, die ebenfalls beides waren, Kunst am Bau – und Feier des Fortschritts unter Roosevelt.

Ob die Infrastrukturprogramme von heute je eine solche humanistisch-ästhetische Dimension bekommen werden, ist unmöglich zu sagen. Bislang hat ja die Krise selbst noch gar keine symbolischen Bilder hervorgebracht, kein einprägsames Image. Und noch ist nirgendwo zu erkennen, dass die Krisenbekämpfer der Gegenwart ein Gespür dafür entwickeln könnten, Windparks, Schnellstraßen, Schulgebäude seien womöglich mehr als bloße Projekte zur Ankurbelung der Wirtschaft.

Aber vielleicht, wer weiß, sind ja die Dorothea Langes und Walker Evans unserer Tage längst unterwegs und machen ihre Bilder, von chinesischen Wanderarbeitern oder von den Männern an den Fließbändern bei Opel. heinrich wefing

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service