Filmpreisverleihung Ohne Angst anders sein

In dieser Oscar-Saison kämpfen Männer um ihre Würde

Eine Nachricht an die Damenwelt vorweg: Dieser Oscar-Jahrgang ist ein Triumph der Kerle. Lange gab es nicht mehr so viele interessante Männerrollen. Zwei alte Bekannte – Sean Penn und Mickey Rourke – feiern großartige Comebacks, als schwuler Bürgerrechtler der eine, als abgehalfterter Profi-Wrestler der andere. Zwei Kämpfe um männliche Würde: Dem einen wird sie von der Mehrheitsgesellschaft abgesprochen, dem anderen droht sie beim Abstieg im Alter zu entgleiten. Wenn es mit rechten Dingen zugeht, muss Sean Penn als Harvey Milk, der erste offen schwule Politiker Amerikas, den Oscar bekommen. Und Gus Van Sant für seine historisch genaue und politisch mitreißende Regie gleich noch die Trophäe für den besten Film dazu.

Milk , der jetzt in unsere Kinos kommt, ist mit Abstand der bedeutendste amerikanische Film des Jahres. Und der einzige, der seine Nominierung wirklich verdient. Wahrscheinlich werden Slumdog Millionaire und Benjamin Button das Rennen machen – zwei Märchen für Erwachsene, die bedeutsam tun, gerade weil sie eher schlicht gestrickt sind. Doch an Milk wird man sich noch lange erinnern. Und Sean Penn ist sein Kraftzentrum: Er hätte den Märtyrer Harvey Milk – erschossen von einem konservativen Expolitiker – als heiligen Sebastian der Schwulenbewegung spielen können. Das Thema hat einen enormen Sog zum Kitsch, weil Milk längst kein Mensch mehr ist, sondern eine Ikone der schwulen und lesbischen Bürgerrechtsbewegung. Doch Penn zeigt uns den Liebenden, den Empörten, den Mitfühlenden, der das Recht aufs Anderssein erkämpft und doch über die Minderheitenpolitik hinauswill. Nicht normal sein müssen und doch das Anderssein nicht fetischisieren: Ohne Angst anders sein, darum geht es. Das ist kein Minderheiten-, sondern ein Menschheitsthema.

Mickey Rourke als Wrestler – das klingt nach einer geballten Ladung Camp. Doch in dem ledrig-maskenhaften Fleischklops von einem Mann zuckt ein empfindsames Herz, das durch einen Infarkt sein Recht verlangt. Früher hätte Rourke diesen Typen mit einer Überdosis Pathos und Selbstmitleid gespielt – Marlon Brando auf Anabolika. Irgendetwas ist mit Rourke in der langen Zeit seiner Leinwandabstinenz passiert. Im alternden Körper des Testosteronmonsters regt sich Seelenhaftes. Ein echter Mann darf keine Angst vor den eigenen Gefühlen haben. Wer Paul Mazurskys The Wrestler (Kinostart: 26. Februar) sieht, wird schmerzlich daran erinnert, dass die weiße Unterschicht aus dem amerikanischen Kino nahezu vollständig verbannt ist. Dass sie ausgerechnet in diesem Krisenjahr mit Rourke zurückkehrt, könnte man für Vorsehung halten.

Noch drei große Männerrollen sind zu erwähnen: Heath Ledger wird zu Recht postum für seinen abgründigen Joker geehrt werden, der im guten Batman das Schlimmste hervorbringt. Frank Langella weiß aus Richard Nixon (Frost/Nixon) einen fast sympathischen, unglücklichen Aufsteiger herauszupräparieren. Und Richard Jenkins, bekannt aus Six Feet Under, hat endlich eine Hauptrolle (The Visitor) als verstockter Professor aus Neuengland, der durch ein Pärchen illegaler Einwanderer seine lange verschüttete Menschlichkeit wiederfindet.

Um die Frauen muss man sich in diesem Jahr Sorgen machen. Und dafür steht leider der Erfolg Kate Winslets, die auf dem besten Weg ist, sich selbst auf die Verkörperung des attraktiven Opfers festzulegen. Sie ist gleich mit zwei Studien über zu kurz gekommene Weiblichkeit auf dem Markt: In Revolutionary Road gibt sie eine Ehefrau, die an den engen fünfziger Jahren zuschanden geht, und selbst die NS-Täterin Hannah im Vorleser (Kinostart 26. Februar) gerät ihr zur Studie über zu spät erblühte Weiblichkeit. Das sollte bei einer klugen und schönen Frau, die auch anders kann , den Kitsch-Alarm auslösen.

Ob die Akademie den Mumm hat, statt Winslet die junge Anne Hathaway für ihre Bravourleistung in Rachels Hochzeit zu belohnen? Seit Brokeback Mountain weiß man, dass Hathaway mehr kann als betörend mit ihren Rehaugen funkeln. Sie spielt die Exjunkie-Schwester, die Schuld auf sich geladen hat und nun in Selbsthass und -mitleid zu versinken droht, mit befreiender Energie. Jonathan Demme ist mit diesem Film endlich wieder da. Und er hat die große Debra Winger für eine Nebenrolle mitgebracht (wo war sie bloß?). Das ist kein geringer Trost in diesem eher schwachen Oscar-Jahr.

 
Leser-Kommentare
  1. Der (großartige) Wrestler ist aber dann doch von Darren Aronofsky.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... für diese richtige Korrektur.

    Dass weder The Wrestler noch Doubt für die Auszeichnung als bester Film nominiert sind, ist wohl leider tatsächlich dem im Artikel anklingenden Hang zum Kitsch zu verdanken, der die Academy in den letzten Jahren zunehmend befallen hat. Beide Filme sind meiner Ansicht als Gesamtkunstwerke deutlich stärker als alle nun tatsächlich nominierten - einschließlich Milk, der unter diesen sicher der stärkste ist.

    Das Rennen um die Trophäe des besten Hauptdarsteller sehe ich offener als der Autor. Sean Penns Glanzleistung muss man keineswegs in Abrede stellen, wenn man Rourke dieselben Chancen einräumt, am Ende ausgezeichnet zu werden. Beide gehen in ihren Figuren derart auf, dass sie den Zuschauer das Schauspiel vergessen lassen.

    Die größte Enttäuschung unter den dieses Jahr mit Nominierungen überhäuften Blockbustern ist nach meiner Auffassung Finchers Benjamin Button, der mit Bildgewalt und Märchenfantasie fehlende Substanz kaschieren muss. Selbst Cate Blanchett, sicher eine der besten Schauspielerinnen der Gegenwart, wirkt mit ihrer Figur vergleichsweise blass und hat die Nominierung so wenig verdient wie Brad Pitt, dessen Attraktivität der Film zwar in grandiosen Einzelszenen einfängt, der in der Charakterdarstellung jedoch wenig zu tun hat und entsprechend wenig zeigt.

    Völlig unterbewertet sehe ich durch die diesjährigen Nominierungen Revolutionary Road von Sam Mendes. Dass weder Kathy Bates noch Leonardo DiCaprio für ihre großartigen Leistungen geehrt werden können, ist mir unverständlich. Wer den Film verkürzt als amerikanisches Vorstadtepos, beschränkt auf die 50er Jahre, begreift, dem sind ästhetische und erzählerische Kernelemente entgangen. Kate Winslets Charakterin ist, hier bin ich gänzlich anderer Meinung als der Autor, keine Opferfigur und mit ihrer Rolle im Vorleser überhaupt nicht zu vergleichen. Sie bewegt sich an der Grenze des Pathologischen und leistet in dieser Rolle Unglaubliches.

    ... für diese richtige Korrektur.

    Dass weder The Wrestler noch Doubt für die Auszeichnung als bester Film nominiert sind, ist wohl leider tatsächlich dem im Artikel anklingenden Hang zum Kitsch zu verdanken, der die Academy in den letzten Jahren zunehmend befallen hat. Beide Filme sind meiner Ansicht als Gesamtkunstwerke deutlich stärker als alle nun tatsächlich nominierten - einschließlich Milk, der unter diesen sicher der stärkste ist.

    Das Rennen um die Trophäe des besten Hauptdarsteller sehe ich offener als der Autor. Sean Penns Glanzleistung muss man keineswegs in Abrede stellen, wenn man Rourke dieselben Chancen einräumt, am Ende ausgezeichnet zu werden. Beide gehen in ihren Figuren derart auf, dass sie den Zuschauer das Schauspiel vergessen lassen.

    Die größte Enttäuschung unter den dieses Jahr mit Nominierungen überhäuften Blockbustern ist nach meiner Auffassung Finchers Benjamin Button, der mit Bildgewalt und Märchenfantasie fehlende Substanz kaschieren muss. Selbst Cate Blanchett, sicher eine der besten Schauspielerinnen der Gegenwart, wirkt mit ihrer Figur vergleichsweise blass und hat die Nominierung so wenig verdient wie Brad Pitt, dessen Attraktivität der Film zwar in grandiosen Einzelszenen einfängt, der in der Charakterdarstellung jedoch wenig zu tun hat und entsprechend wenig zeigt.

    Völlig unterbewertet sehe ich durch die diesjährigen Nominierungen Revolutionary Road von Sam Mendes. Dass weder Kathy Bates noch Leonardo DiCaprio für ihre großartigen Leistungen geehrt werden können, ist mir unverständlich. Wer den Film verkürzt als amerikanisches Vorstadtepos, beschränkt auf die 50er Jahre, begreift, dem sind ästhetische und erzählerische Kernelemente entgangen. Kate Winslets Charakterin ist, hier bin ich gänzlich anderer Meinung als der Autor, keine Opferfigur und mit ihrer Rolle im Vorleser überhaupt nicht zu vergleichen. Sie bewegt sich an der Grenze des Pathologischen und leistet in dieser Rolle Unglaubliches.

  2. ... für diese richtige Korrektur.

    Dass weder The Wrestler noch Doubt für die Auszeichnung als bester Film nominiert sind, ist wohl leider tatsächlich dem im Artikel anklingenden Hang zum Kitsch zu verdanken, der die Academy in den letzten Jahren zunehmend befallen hat. Beide Filme sind meiner Ansicht als Gesamtkunstwerke deutlich stärker als alle nun tatsächlich nominierten - einschließlich Milk, der unter diesen sicher der stärkste ist.

    Das Rennen um die Trophäe des besten Hauptdarsteller sehe ich offener als der Autor. Sean Penns Glanzleistung muss man keineswegs in Abrede stellen, wenn man Rourke dieselben Chancen einräumt, am Ende ausgezeichnet zu werden. Beide gehen in ihren Figuren derart auf, dass sie den Zuschauer das Schauspiel vergessen lassen.

    Die größte Enttäuschung unter den dieses Jahr mit Nominierungen überhäuften Blockbustern ist nach meiner Auffassung Finchers Benjamin Button, der mit Bildgewalt und Märchenfantasie fehlende Substanz kaschieren muss. Selbst Cate Blanchett, sicher eine der besten Schauspielerinnen der Gegenwart, wirkt mit ihrer Figur vergleichsweise blass und hat die Nominierung so wenig verdient wie Brad Pitt, dessen Attraktivität der Film zwar in grandiosen Einzelszenen einfängt, der in der Charakterdarstellung jedoch wenig zu tun hat und entsprechend wenig zeigt.

    Völlig unterbewertet sehe ich durch die diesjährigen Nominierungen Revolutionary Road von Sam Mendes. Dass weder Kathy Bates noch Leonardo DiCaprio für ihre großartigen Leistungen geehrt werden können, ist mir unverständlich. Wer den Film verkürzt als amerikanisches Vorstadtepos, beschränkt auf die 50er Jahre, begreift, dem sind ästhetische und erzählerische Kernelemente entgangen. Kate Winslets Charakterin ist, hier bin ich gänzlich anderer Meinung als der Autor, keine Opferfigur und mit ihrer Rolle im Vorleser überhaupt nicht zu vergleichen. Sie bewegt sich an der Grenze des Pathologischen und leistet in dieser Rolle Unglaubliches.

    • 795mar
    • 22.02.2009 um 19:18 Uhr

    So ein Quatsch!
    ''wenn es mit rechten Dingen zu geht'' dann muss Mickey Rourke den Oscar mit nachhause nehmen nicht Penn !!!
    Seany baby war sicher auch Klasse ,aber Mickey's Leistung hier ist einfach viel zu gut, authentisch und spektulär als dass ihm für diese Darstellung der Oscar nicht unangefochten zustehen würde .

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service