Eine allgemeine Weltgeschichte ist notwendig, aber unmöglich.« Jürgen Osterhammel bekräftigt den ersten und widerlegt den zweiten Teil dieser Bemerkung Leopold von Rankes. Seine voluminöse, aber sehr gut lesbare Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts ist ein Meilenstein deutscher Geschichtsschreibung, eines der wichtigsten historischen Bücher der vergangenen Jahrzehnte, ein großer Wurf. Sie bietet ein fundiertes Bild des 19. Jahrhunderts in globalhistorischer Erstreckung, das die neuesten Anstöße der Forschung verarbeitet hat und der heutigen Zeit mit ihrer beschleunigten Globalisierung entspricht. Allerdings wird sie nicht leicht zu rezipieren sein.

Weltgeschichte ist Geschichtsschreibung gegen den Strich. Das Interesse an ihr ist zwar in den vergangenen Jahren gewachsen. Neue globalgeschichtliche Zeitschriften, Programme und Bücher bezeugen es. Gerade die Jüngsten im Fach sind an transnationalen Ansätzen brennend interessiert. Doch Historiker sind darauf trainiert, zeit- und raumspezifisch zu argumentieren, genau hinzusehen, die Quellen in ihren Sprachen zu lesen und vom jeweiligen Kontext nicht allzu sehr zu abstrahieren. Der Stand der Forschung ist nur noch schwer zu überschauen. Es gibt gute Gründe und ist viel bequemer, im jeweiligen nationalgeschichtlichen Rahmen zu verbleiben. Insgesamt herrscht eine weit getriebene Spezialisierung vor.

Begriffliche Schärfe und Respekt für die Vielfalt treffen zusammen

Osterhammel legt mit seinem Buch ein Modell dafür vor, wie Globalgeschichte tatsächlich praktiziert werden kann. Er schreibt weder ein Handbuch noch eine Enzyklopädie, er zielt weder auf eine Theorie des 19. Jahrhunderts noch auf dessen chronologische Rekonstruktion. Vielmehr verfasst er ein mosaikartiges Epochenporträt in 18 sehr selbstständigen und gewichtigen Kapiteln zu großen Themen der Zeit, beispielsweise zu Sesshaftigkeit und Mobilität, Imperien, Staatsbildung und Nationalstaaten, Kriegen und Internationalismus, Revolutionen (Von Philadelphia über Nanjing nach St. Petersburg), zu Arbeit, Industrialisierung und Kapitalismus, sozialer Ungleichheit, Wissen und Wissenschaft, Religion, Grenzen und Diaspora, Zivilisierung und Ausgrenzung. Aber es gibt auch Abschnitte über Sichtbarkeit und Hörbarkeit , über Archive, Bibliotheken und andere Erinnerungshorte , über Oper, Statistik, Sozialwissenschaft und Fotografie als Selbstdarstellungsmedien des 19. Jahrhunderts. Viel Aufmerksamkeit wird der Geschichte der Uhren und der Kalender gewidmet, der Zeitmessung, ihren weltweiten Unterschieden und ihrer tendenziellen Vereinheitlichung. Das 19. Jahrhundert wird als Jahrhundert der Beschleunigung analysiert.

In jedem Kapitel finden sich theoretische Überlegungen, Begriffsklärungen und ausgefeilte Typologien, die der Autor dann wie Fangnetze benutzt, um reichhaltige empirische Befunde aus der Geschichte unterschiedlicher Länder, Regionen und Kontinente selektiv zu versammeln, zu strukturieren und zu verknüpfen. Dies gelingt einerseits durch den permanenten, sehr nuancierten Vergleich zwischen zeitlich und räumlich oft weit auseinanderliegenden Fällen, wobei Ähnlichkeiten wie Unterschiede interessieren und nach ihren Ursachen gefahndet wird, von falscher Vereinheitlichung wie fremdelnder Exotisierung gleich weit entfernt. Andererseits untersucht Osterhammel die im 19. Jahrhundert zweifellos dichter werdenden gegenseitigen Beeinflussungen zwischen Regionen, Kulturen und Zivilisationen. Das 19. Jahrhundert erscheint als ein Jahrhundert zunehmender Verflechtung weltweit. Durchweg reflektiert der Autor das eigene Vorgehen. Seine Abschnitte über die Periodisierung und die Räume der Geschichte gehören zu den besten des Buches. Es werden unterschiedliche Theorieangebote diskutiert; auch durch deren Relativierung und Dekonstruktion wird vergangene Wirklichkeit zur Darstellung gebracht.