Mal was anderes◗
Die SPD möchte sich neu erfinden. Ob das gut geht?
Ein hoher, sehr hoher Raum, 25 Meter sind es vom Boden bis zur Decke, eine lange, sehr lange Rede, 70 Minuten von Anfang bis Ende. Frank-Walter Steinmeier erreicht nach 40 Minuten den kritischen Punkt. Bis dahin hat er hier, im Börsensaal der Hamburger Handelskammer, vieles richtig, manches gar richtig gut gemacht. Einen stimmigen Ton getroffen zwischen seinen bekannten Extremlagen, dem weltstaatstragenden Diplomatentremolo und dem überdrehten Wahlkampf-Schrödern. Die Bundestagswahl fest ins Visier genommen – und den Blick zugleich über den 27. September hinaus geweitet. Das Elend der Weltwirtschaftskrise aufgezeigt und sich selbst als richtigen Mann zur richtigen Zeit präsentiert. »2009 wird kein Jahr für Mätzchen sein, sondern für Ernsthaftigkeit«, ruft er den rund 600 Zuhörern zu. Ernste Zeiten brauchen ernste Kandidaten. Und noch mehr einen ernsten Kanzler.
40 Minuten lang ist man Zeuge der Kandidatwerdung des Frank-Walter Steinmeier – bis es kippt. Bis er zu mäandern beginnt. Bis er das weite Feld der Politik abschreitet. Bis er das Gesagte in drei bis fünf Punkten zusammenfassen will – und bei neun landet. Nein, neu ist dieser Steinmeier noch nicht. Aber auch nicht mehr der Alte.
»Das Neue Jahrzehnt« heißt die SPD-Veranstaltungsreihe, die Kanzlerkandidat Steinmeier am vergangenen Freitag eröffnete. Bis in den April hinein wird die SPD-Spitze im Land unterwegs sein, um, wie es im Beipackzettel zur Deutschlandtour heißt, »mit den Menschen über die sozialdemokratischen Vorschläge und Ideen für die kommenden Jahre zu diskutieren«. Auf Steinmeier in Hamburg folgten diese Woche die beiden anderen SPD-Protagonisten des Superwahljahres, Parteichef Franz Müntefering in Oberhausen und Finanzminister Peer Steinbrück in Düsseldorf. Das Großpalaver mit dem Volk dient, ein hübscher Kollateralnutzen, den Sozialdemokraten nebenbei als Versuch, die chronische Erfolglosigkeit zu beenden. Die Zeiten klingen längst sozialdemokratisch – die Umfragen sehen immer noch verheerend aus.
Neu, so raunte es denn auch im Vorfeld aus dem Willy-Brandt-Haus, sei nicht nur das nächste Jahrzehnt, sondern auch die Form der Veranstaltung. Neu, ungewohnt, mal was anderes. Au Backe.
Neu in Hamburg ist neben Steinmeiers Ton und dem Stadium seiner Entpuppung vor allem das Verständnis von Diskussion. Die SPD-Ankündigungsprosa übersetzt sich im Börsensaal in 70-minütigen Frontalunterricht mit anschließendem Interview zum »Menschen Steinmeier«, bei dem der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye Neugierde auf einen Menschen simulieren darf, den er seit 30 Jahren kennt – und das Publikum nicht zu Wort kommt. Mal was anderes, ein »Neues Jahrzehnt« von jemandem anmoderieren zu lassen, der schon Geschichte ist. Eine Ahnung kommt auf.
Das »Neue Jahrzehnt« – zuweilen sieht es aus wie das alte Jahrhundert
Zwei Tage später, Galerie Ludwig im Schloss von Oberhausen. Stahlrohre, Scheinwerfer, Wellblechdach, Studio-Atmosphäre, an den Wänden Arbeiten des Fotografen Jim Rakete. Deutsche Filmstars, von Heike Makatsch bis Heino Ferch, an der Stellwand hinter drei roten Ledersesseln die Großen der Politik, Brandt, Kennedy, Schmidt und, na ja, Steinmeier. In den Sesseln Müntefering, ein Moderator, Rakete, 50 potenzielle Diskussionspartner. Müntefering ist nicht neu, er ist wie immer. 30 Minuten Kompaktrede über »Soziale Bürgergesellschaft und Demokratie«. Die SPD als Organisator von Nächstenliebe und Barmherzigkeit im Sozialstaat, der Einzelne muss aufhören mit dem Gemecker über Politik, solle runter von der Tribüne und mitmachen. Menschen für Menschen. Nach Rede und Moderatornachfragen kommt, was die SPD so dringend sucht und nach zweieinhalb Stunden »Neues Jahrzehnt« endlich findet: die Diskussion.
Als sich ein junger Mann Anfang 20, ein Juso-Mitglied, zu Wort meldet, verdichtet sich die Ahnung von Hamburg. In seinem Ortsverein fehlten Menschen wie er, sagt er, Junge, mindestens eine Generation sei da gar nicht präsent. Wie solle man die Jungen gewinnen für die SPD? Müntefering, der Klartexter, flüchtet in Phrasen. Man müsse halt hin zu den Menschen, er selbst, der Juso, solle sich nicht entmutigen lassen. So hätte er es ja auch immer gemacht. Je länger der Parteichef spricht, desto deutlicher wird, dass die SPD-Spitze den Zugang zur Jugend verloren hat. Kulturell, habituell. Dass sie die Sprache spricht, die sie schon immer gesprochen hat, die Sprache, die einst die Jugend ansprach, die Avantgarde – und die heute dort nicht mehr verstanden wird. Neu – und die SPD kommt mit inszeniertem Interview. Ungewohnt – und die SPD kommt mit Uwe-Karsten Heye. Mal was anderes – und Müntefering sagt: So hab ich das doch auch gemacht. Das »Neue Jahrzehnt« – zuweilen sieht es aus wie das alte Jahrhundert. Und wenn Jim Rakete dann sagt, die Jugend solle »endlich mal wieder gegen etwas sein«, hört es sich auch so an.
Düsseldorf, Capitol Theater, weniger Börsensaal, weniger Handelskammer, mehr Fotoatelier, 350 Gäste. Peer Steinbrück spricht – und Heye interviewt. Steinbrück erklärt Welfinanz- und Weltwirtschaftskrise. Er propagiert eine neue Balance zwischen Staat und Markt, er erläutert, warum die Welt kopfsteht und warum in Deutschland Banken verstaatlicht werden. Als Steinbrück kommt, begrüßen ihn die Leute mit spärlichem Applaus. Als er redet, hören sie mucksmäuschenstill zu. Als er endet, klatschen sie lang, dankbar für Auf- und Erklärung. Dann kommt Heye, die inszenierte Neugierde – und das Ende von Anspannung und Aufklärung. Neue Formen? Wenn es nur welche gäbe.
- Datum 19.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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