Ewig treu dem Weib

Der Psychoanalytiker Otto Fenichel: Schicksalswege eines Frauenhelden

Mit einem gewaltigen Satz springt die Katze gleich auf der ersten Seite aus dem Sack: Der Titel des Buches Ich – Fenichel, heißt es da, meine keine »auftrumpfende Egomanie«, vielmehr beziehe er sich auf »die Kernfrage der Psychologie und Psychoanalyse nach der personalen Identität«. Und wie wäre eine Antwort auf diese Frage in einer Biografie zu finden? Nach über vierhundert Seiten heißt es ganz bescheiden: »Die biografische Wahrheit ist nicht zu haben.« Das war Freuds Antwort. Doch die Autorin relativiert dieses viel zitierte Wort. »Trotzdem«, so fügt sie hinzu, sei »eine Art von Wahrheit« immer möglich. Damit meint sie am Ende die Wahrheit, die der Leser in sich selbst entdecken kann. Soll heißen, die Hintergründe der Konflikte unserer Zeit sind besser zu verstehen, wenn wir die Kämpfe begreifen, die Generationen vor uns ausgefochten haben. Und der »Blick durch das Schlüsselloch« öffnet die Augen nicht nur für fremde Leidenschaften, sondern auch für eigene Abgründe.

Das Schicksal, das uns Elke Mühlleitner in diesem Sinne vor Augen führt, trägt den Namen Otto Fenichel. Als jüngstes von drei Kindern einer assimilierten jüdischen Familie 1897 in Wien geboren, also genau in dem Jahr, in dem der Antisemit Karl Lueger Bürgermeister der Stadt wurde, litt er von Kindheit an unter allerlei Gebrechen. Das hatte Nachteile – wirkte sich bisweilen aber auch vorteilhaft aus. So konnte Fenichel 1917, als er wegen Herzinsuffizienz und starker Kurzsichtigkeit vom Militärdienst freigestellt war, die Literatur der Jugendbewegung in einer eigens gegründeten Bibliothek zusammenstellen, während Gleichaltrige – wie sein späterer Freund Wilhelm Reich – im Krieg »zum Mann« wurden, wie es damals hieß.

Das war aber nur ein kleiner Teil seiner Sammelleidenschaft, die ihm einen Ehrenplatz als Polyhistor und Enzyklopädist der Psychoanalyse sichern sollte. Das Ergebnis seiner Selbsterkenntnis brachte er später so auf den Punkt: »Ich bin Analerotiker genug, um jedem dankbar zu sein, der mir das Chaos einer Wissenschaft gebrauchsfähig systematisiert und in Schemata steckt.« Da er niemanden fand, der diese Herkulesaufgabe für ihn erledigen wollte, machte er sich selbst ans Werk, das 1945 in einer dreibändigen Neurosenlehre gipfelte, die kurz vor seinem Tod – er war noch keine fünfzig Jahre alt – erschienen ist und noch heute als Klassiker gilt.

Einem Ondit zufolge kannte Fenichel schon als Kind alle europäischen Eisenbahnstundenpläne auswendig. Seine Ordnungsliebe machte aber auch vor Missempfindungen nicht halt. Das Chaos der daraus resultierenden eingeschränkten Möglichkeiten klassifizierte er als »Natur-, Kunst-, Realitäts- und Körperhemmung«, wobei er Letztere noch etwas genauer als »Turnhemmung«, »Singhemmung« und »Zeichenhemmung« zu unterteilen wusste. Solche Hemmungen hatten aber auch einen Vorteil: Der von Schulängsten geplagte Sohn konnte zu Hause bei der Mutter bleiben und Modellflugzeuge basteln, denen er die Vornamen der Mädchen verlieh, für die er damals schüchtern schwärmte.

Später bewältigte Fenichel seine Angst vorm Fliegen mit anderen Mitteln. Als Achtzehnjähriger befragte er Heranwachsende, ob, wann und wie sie aufgeklärt worden seien. Die Ergebnisse dieser Untersuchung veröffentlichte er 1916 in den Schriften zur Jugendbewegung unter dem Titel Sexuelle Aufklärung. Um den Geheimnissen körperlicher Erregung und seelischer Verzückung noch näher zu kommen, gründete er im Rahmen des »akademischen Vereins jüdischer Mediziner an der Universität Wien« 1918 ein Sexuologie-Seminar. Doch sein Wissensdurst – und seine Vatersehnsucht – ließen sich auch nicht befriedigen. Sie führten ihn schließlich zu Freud.

Hatte er vor dem Ersten Weltkrieg zu den jungen Wilden gehört, die die Welt der Väter überwinden wollten, suchte er nach dem Ende dieses Krieges Zuflucht bei einem neuen Vater. 1920 wurde Fenichel Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Doch mit Freud allein war die Quadratur des Kreidekreises nicht zu erreichen. Der zweite Vater, der für den Aufbruch in die vermeintlich neue Zeit benötigt wurde, hieß Karl Marx. Anderthalb Jahrzehnte später folgte die Enttäuschung: Um das nackte Leben zu retten, musste Fenichel aus Berlin fliehen, wo er seit 1922 lebte, weil die Massen, die er und die mit ihm verbündeten Freudomarxisten befreien wollten, nun einem neuen Führer zujubelten, dem sie treu bis in den Untergang folgen sollten.

Fenichel habe eine »Variante der Psychoanalyse« vertreten, die »dem Marxismus nahestand«, schreibt seine Biografin verschämt. Er selbst sah das freilich anders. Für ihn war das Bekenntnis zu Marx genauso bedeutungsvoll wie das zu Freud. Und deshalb war er noch 1932, als er zum zweiten Mal das Land seiner Träume, die Sowjetunion, bereiste, blind für die Realität – sprich: für die Repression unter Stalin, von der auch die unter Lenin und Trotzkij noch geförderte Psychoanalyse betroffen war. Heiter schrieb er nach Hause: »Welche Erholung ist diese ganze Luft, wenn man aus der kapitalistischen Welt kommt.« Sechs Jahre später hatte Fenichel, nach Exilstationen in Oslo und Prag, in den Vereinigten Staaten Zuflucht gefunden. Diesmal sah er die Realität mit offenen Augen. Und so begrüßte er die neue Heimat mit gedämpftem Optimismus und gereimten Zeilen: »Es wird dort schwer sein zu beginnen, / doch, sei’s auch schwer, wir haben Mut. / Wenn wir dem Hitlergraus entrinnen – / bei Negerlynchern wird’s noch gut.«

»Sein ›Sozialismus‹ beschränkte sich strikt auf das Theoretische«, gab Hilde Kahn zu Protokoll, Fenichels Sekretärin, die mit ihm in den 1940er Jahren um 10 Cent Gehaltserhöhung feilschen musste, als er in Los Angeles lebte und abermals mit großer Tatkraft neue Organisationen gründete. Die »Fenichel Boys«, darunter Ralph Greenson, der spätere Analytiker von Marilyn Monroe, gingen aus diesen psychoanalytischen Instituten der Westküste hervor. Der Tatendrang überdeckte die Resignation, ja die Depression, mit der Fenichel den Zerfall des Bündnisses der in alle Welt zerstreuten Linksfreudianer verfolgte, an die er zwischen 1933 und 1945 insgesamt 119 »Rundbriefe« verschickt hatte. Sie gelten heute als eines der wichtigsten Zeugnisse zur Geschichte der Psychoanalyse während der NS-Zeit.

Die Angst, es könne ihm ergehen wie Wilhelm Reich, der 1933 unter Berufung auf Freud und Marx dazu aufgerufen hatte, keine Kompromisse mit den NS-Machthabern einzugehen und deswegen zunächst aus der deutschen und dann auch aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen worden war, hatte Fenichel dazu bewogen, den Inhalt dieser Briefe vor den psychoanalytischen Vereinsfunktionären geheim zu halten. »Ich habe im allerersten Rundbrief gebeten, diese nach Lektüre zu verbrennen. Wer das nicht tun will, hebe sie wenigstens so sorgfältig auf, daß sie niemand Unberufener zu Gesicht bekommen kann!«, schrieb er kurz vor dem 14. Internationalen Psychoanalytischen Kongress 1936, der in Marienbad stattfand. Zu diesem Kongress war Fenichel mit Mutter, Ehefrau, Tochter und Geliebter angereist. Er hatte gerade eine Affäre mit Hanna Heilbronn begonnen, einer Ausbildungskandidatin des Prager Instituts, an dem er lehrte.

Als er mit seiner ersten Frau, Klara Ida Nathanson, zusammenziehen will, überfallen ihn Angstzustände und Depressionen. Er sucht Hilfe – und findet sie bei einem »Vater«, dem Psychoanalytiker Sándor Rádo. Fünf Jahre später, am 17. Juli 1931, wird die Tochter Hanna geboren. Einen Monat darauf, am 17. August 1931, verreist der junge Vater mit seiner damaligen Geliebten Berta Bornstein. »Otto Fenichel hat noch immer den Panzer an«, notierte Wilhelm Reich in einem Tagebuch, um die Frauenbeziehungen seines Freundes zu charakterisieren. Elke Mühlleitner drückt sich zurückhaltender aus. Sie nennt Fenichel einen Womanizer. Übersetzt man diesen Ausdruck ins Deutsche, kommt der »Frauenheld« zum Vorschein, der aus Angst und Depression von einer Frau zur anderen eilt – und doch ewig treu bleibt: der Mutter, von der er sich nicht lösen durfte.

 
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