Finanzkrise Die 22. Rezession seit 1741

Wie Bremer Kaufleute und Kapitäne der Krise trotzen

Was weiß man schon über Bremen? Auf dem Marktplatz wehen die roten Fahnen des Protestes, 4000 Menschen pfeifen, rufen, buhen. Ein gewaltiger Aufruhr, scheint es. Aber es ist dann doch nur die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die für acht Prozent mehr Gehalt demonstriert.

Drinnen im Haus Schütting versammeln sich derweil 300 Männer in Frack oder Kapitänsuniform. Der Präsident der Industrie- und Handelskammer begrüßt die Gäste: »Ohne ihre Geschichte, ohne ihre Traditionen sind die Bremer schwer zu verstehen.« Gegen 14 Uhr, die GEW hat den Marktplatz rechtzeitig geräumt, bricht die Gesellschaft auf und spaziert hinüber ins Alte Rathaus. »Pinguin-Walk« spotten die Bremer über die Prozession der Frackträger. Ein paar alte Damen stehen Spalier.

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Seit 1561 treffen sich die Kaufleute und Kapitäne der Stadt jeweils am zweiten Freitag im Februar in der Hoffnung, dass die Häfen bald wieder eisfrei sind. Zwar pflügen die Containerflotten heute ganzjährig durch die See, doch die Tradition ist geblieben. Fünf Stunden dauert die Schaffermahlzeit, sieben Gänge werden gereicht. Das Seefahrtsbier, ein schwarzer, süßer Sud, wandert in silbernen Humpen von Gast zu Gast. Das Protokoll sieht vor: »Bevor aus dem Humpen getrunken wird, kreuzt man ihn mit den Worten ›Backbord – Steuerbord – Mittschiffs‹ mit dem Humpen des Gegenübersitzenden zuerst mit der Öffnung nach links, dann nach rechts geneigt…«

Zwischen den sieben Gängen werden zwölf Reden gehalten. Auf Bundespräsident und Vaterland, auf Bremen und den Senat. Und auf die Damen, die das Ganze in einem Nebenzimmer per Videoübertragung verfolgen. Ein herrlicher Mummenschanz, halb Spiel, halb Ernst und in diesem Jahr eine gute Gelegenheit, die Tugenden des ehrbaren Kaufmanns wieder näher zu betrachten.

Natürlich ist die Krise präsent, bedrohlich hängt sie über der feierlichen Tafel. Doch bange machen gilt nicht. Globalisierung ist für die Kapitäne und Kaufleute Alltag und keine Erfindung des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Thorsten Mackenthun, Erster Schaffer und von Haus aus Reeder: »Für die Schifffahrt ist dieses die 22. Rezession seit 1741, aber ich sage Ihnen auch: Der 23. Boom wird genauso sicher kommen.« Dann zitiert er den Reeder Georges Livanos, der 1983 – auch damals war Krise – in London eine berühmte Rede hielt, die nur aus zwei Worten bestand: Don’t worry!

Als die besten Reden schon vorüber sind, nach Rigaer Butt und Chesterkäse, ist der Ehrengast an der Reihe. Auch Horst Köhler versucht, Zuversicht zu verbreiten. Der Bundespräsident, kein Mann des Wortes, erzählt von den Bremer Stadtmusikanten, ein Beispiel für gelebte Solidarität, und bemüht allerlei nautische Bilder: »Manche Banker glaubten, das Leben sei eine Butterfahrt. Nun haben sie uns vor Kap Hoorn gesegelt.« Die Bremer sind freundliche Leute, auch Köhlers Rede wird mit einem strammen, aus 300 Kehlen geschmetterten »hepp, hepp, hurra« quittiert. Dann werden die Tonpfeifen gereicht.

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