Ornithologie Wie im Flug

Erstmals konnten Forscher den Zug der Singvögel dokumentieren

Den Golf von Mexiko hat sich das Walddrosselweibchen nicht zugetraut. Statt mit ihren Artgenossen direkt von der Yucatán-Halbinsel in Mexiko über das offene Meer nach Florida zu fliegen, entschied sie sich für den deutlich längeren Landweg. »Ich kann nur raten, warum sie das getan hat«, sagt Bridget Stutchbury von der Universität York in Toronto. »Vielleicht war sie durch eine Krankheit geschwächt.« Dennoch traf der kleine Vogel wohlbehalten in seinem Brutgebiet in Pennsylvania ein, wo Stutchbury und ihre Mitarbeiter ihn, vier andere Drosseln und zwei Schwalben von den winzigen Messgeräten befreiten, die die weite Reise aufgezeichnet hatten.

Es ist das erste Mal, dass sich individuelle Zugrouten von ziehenden Singvögeln verfolgen lassen, und die Ergebnisse (Science , Bd. 323, S. 896) sind verblüffend. Im Frühjahr benötigten die meisten Drosseln nur zwei Wochen, um von Honduras oder Nicaragua nach Pennsylvania zu gelangen – bislang waren Ornithologen von der dreifachen Zeit ausgegangen. Im Herbst dagegen ließen sich die Vögel Zeit und machten auf dem Weg in den Süden einige Wochen Pause in Mexiko oder Florida. »Im Frühling haben sie es vermutlich eilig, gute Nistplätze und Partner zu finden«, erklärt Stutchbury die unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Die untersuchten Walddrosseln und Purpurschwalben wiegen kaum 50 Gramm. Sie sind wie viele andere Singvögel zu klein, um einen Peilsender zu tragen. Daher setzten die Ornithologen einen nur 1,5 Gramm schweren Lichtsensor ein, der den Auf- und Untergang der Sonne registriert. Aus den Zeiten konnte die Position des Vogels rekonstruiert werden, wobei man sich in Nord-Süd-Richtung zum Teil mit Schätzungen behelfen musste.

Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie ist begeistert von der neuen Technik. Bei vielen Arten wisse man sehr wenig über Flugrouten und Rastgebiete. »Zugvögel reagieren besonders sensibel auf Veränderungen«, sagt er, »denn sie sind auf mehrere intakte Gebiete angewiesen – fällt eines aus, kann das fatal sein.« Nun wird man zumindest herausfinden können, wo die Brut- und Rastgebiete bedrohter Arten sind. Ob man diese schützen kann, steht auf einem anderen Blatt.

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    • Serie Audio
    • Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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    • Schlagworte Reise | Mexiko | Florida | Ornithologie | Honduras | Nicaragua | Vogel | Pennsylvania
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