Kino Einen Oscar für den Slum!
In Indien ist "Slumdog Millionaire" heiß umstritten. Erkundungen am Originalschauplatz, Mumbais Elendsviertel Dharavi
90 Feet Road, 30-Meter-Straße: Mehr als einen Bürokratennamen hat Mumbai nicht übrig für die Verkehrsader seines größten Elendsviertels. Reißbrettgerade durchschneidet sie den Slum Dharavi, sie ist die Verbindung der besseren Gegenden zum Herz der 14-Millionen-Stadt. Staubige Lkw und schwarzgrüne Motorikschas knattern an den schmutzigen Werkstätten und winzigen Läden mit Stoffen, Schuhen, Handys und Gemüse vorbei, an eiligen Angestellten und bepackten Frauen, mageren Hunden und verrottenden Müllbergen, auf denen fette blauschwarze Krähen lauern wie herrische Gebietsfürsten. Mittags bestimmt kurzzeitig das Weiß und Dunkelblau der Schuluniformen das Bild. Sie verschleiern freundlich die Herkunft der Schüler, die rechts und links im Dickicht der engen Gassen verschwinden.
An der 90 Feet Road liegt auch die Redaktion der Dharavi Times. In ihrer jüngsten Ausgabe hat die Wochenzeitung das gleiche Bild auf dem Titel, das auch als Kinoplakat hoch über den Wellblechhütten schwebt: das Porträt Jamals, des berühmtesten Straßenjungen der Welt. Des Slumdog Millionaire. Auch der Redakteur Raju Korde kam bei seinem Leitartikel am Helden des globalen Kinohits nicht vorbei. Wann schließlich ist Dharavi schon mal Schauplatz eines Oscar-Favoriten? Und wer sollte den Film besser beurteilen können als die Bewohner des Originalschauplatzes, von deren Lebenskampf der britische Regisseur Danny Boyle erzählt?
Ein Besuch im Kino ist für die meisten Slumbewohner ein seltener Luxus oder ganz unerschwinglich. »Woher soll ich das Geld nehmen?«, fragt Munnilal, den Not und Hoffnung aus dem fernen Uttar Pradesh nach Mumbai trieben. Hier verdient er als Tagelöhner in einer kleinen Töpferei zwei Euro am Tag, in seinem Heimatdorf war es nur einer. Mit einem Kollegen und der achtköpfigen Familie seines Chefs schläft er in zwei winzigen aufeinander geschachtelten Räumen, die innen mit Scherbenmosaiken verziert sind.
Raubkopien kursieren freilich im Slum zu allererst. Munnilals Nachbar Karpesh, der mit 15 Jahren etwas jünger ist als Jamal, hat jedenfalls schon mal Ausschnitte gesehen, »die fand ich super«. Auch das Urteil Raju Kordes fällt zumindest gelassen aus. »Wir erwarten uns nichts durch den Film«, sagt er, »aber wir haben auch nichts daran auszusetzen.« Mit dieser Meinung steht er allerdings im Gegensatz zu der vieler Landsleute. Im Westen mag Slumdog Millionaire ein Publikumsschlager sein, in Indiens riesigen Kinos ist der Besucherstrom für die energiegeladene Story bis dato eher durchschnittlich. Dennoch löste sie eine heftige öffentliche Debatte aus, die viel über den Film, aber noch mehr über Indien verrät.
SDM erzählt die Geschichte des Slumboys Jamal Malik, der Kandidat bei Kaun Banega Crorepati wird, der indischen Ausgabe von Wer wird Millionär?. Wider Erwarten kennt der Teenager alle richtigen Antworten, die Produzenten liefern ihn der Polizei aus: So ein Chai Wallah, ein Teediener von ganz unten kann nur gemogelt haben! Beim brutalen Verhör – der Film beginnt mit einer Folterszene – erklärt Jamal, woher er sein Wissen hat: von den Straßen, auf denen er seine vogelfreie Kindheit an der Seite seines Bruders Salim und der zarten Latika verbrachte. Rasant geschnittene Rückblicke schildern bis zum Happy End, wie lebendig, pfiffig und solidarisch die drei Waisen sich durchgeschlagen haben. Vor allem aber fängt die oft auf Kinderaugenhöhe schwankende Handkamera die ständige Bedrohung in Dharavi ein: brutale Bettlersyndikate, Zuhälter, kriminelle Gangs und hindufundamentalistische Mörderbanden, die auch Jamals Mutter auf dem Gewissen haben. Rechte Moralwächter gehörten denn auch zu den Ersten, die sich empörten: Weil eine Szene mitten im Furor der fanatischen Schlägertrupps den Gott Rama zeige und entehre, müsse der Film verboten werden. Dann verklagten Sozialaktivisten den Regisseur und einige indische Mitglieder des Filmteams: Der Titel verletze die Menschenwürde. Mit dem Ruf »Wir sind keine Slumhunde!« protestierten Bürger aus Elendsvierteln in Goa, Bihar und Mumbai auf der Straße.
»Was für ein Missverständnis!«, sagt hingegen Raju Korde am türkisfarbenen Schreibtisch, dem einzigen Möbel im Raum, »da ist doch kein Hund gemeint, sondern einer, der keine Chance bekommt, mehr aus sich zu machen!« Der Redakteur der Slumzeitung, die in den Sprachen Marathi, Hindi und Urdu erscheint, mischt in der Bewohnerinitiative »Rettet Dharavi« auch selbst politisch mit und glaubt, dass mit der zur Schau gestellten Empörung der in Wahrheit wenigen Demonstranten »alle möglichen Gruppen ihr eigenes Süppchen kochen«. Kordes Vater hat wie Jamal früher in Vorortzügen Krimskrams verkauft, der Sohn Raju konnte sogar aufs College gehen. Ihm gefällt gerade diese kraftvolle Botschaft des Films. »Kreativität und Lebenserfahrung kann Menschen weiterbringen«, schreibt er in der Dharavi Times, »selbst wenn sie keine Bildung genossen haben.« Sicher übertreibe der Regisseur Kriminalität, Gewalt und Polizeiwillkür, »er lässt wirklich gar nichts aus«. Aber: »Es stimmt ja – diese Probleme gehören hier zum Alltag. Und Mira Nair hat sie in Salaam Bombay auch schon vor den Briten gezeigt.«
Doch gerade der Blick von außen ist es, der auch am oberen Ende der »Maximum City« provozierte. Die Bollywood-Schauspielerin Preity Zinta etwa sagte pikiert, Danny Boyle schildere Indien wieder nur als Land der Slums. Ein poverty porn, ein Armutsporno sei das, kritisierte ihr Kollege Amitabh Bachchan, der Doyen des indischen Kinos, den viele einfache Leute verehren wie einen Gott. Die Art, wie ihre elenden Lebensverhältnisse entblößt würden, schrieb er in seinem Blog, sei »schmerzlich und abstoßend für Nationalisten und Patrioten«. Allerdings ist »Big B« Partei, schließlich hat er jahrelang Wer wird Millionär? moderiert und kommt daher indirekt im Film nicht gut weg. Der Schriftsteller und frühere UN-Vize Shashi Tharoor wies denn auch die Kritik am Film zurück: Armut werde »integer und würdevoll« dargestellt und »mit einer joie de vivre, die die Rahmenbedingungen überwindet«. Doch unwidersprochen bleibt vorerst Bachchans Vermutung, Geschichten aus Indien hätten in Hollywood nur Chancen, wenn sie von westlichen Künstlern erzählt würden. Dahinter steht die uralte Kränkung Bollywoods, das sich – anders als der nichtkommerzielle indische Film – cineastisch nie ernst genommen fühlte.
Das Magazin India Today drehte den Vorwurf einfach um: Der Brit hit erzähle endlich »die Geschichte, die Bollywood für seine Gastgeberstadt selbst hätte produzieren sollen«. Um gleich wieder abzuwinken: »Ist es denn überhaupt wichtig, wer sie gedreht hat?« Zwar stehen in Mumbai vor jeder Kinovorstellung alle auf, wenn die Nationalhymne gespielt wird, aber kaum eine andere Stadt der Welt ist so kosmopolitisch. Und das ist auch Slumdog Millionaire: Der Brite Boyle hat sich kräftig aus Bollywoods Trickkiste bedient, das ganze Team ist asiatisch-europäisch gemischt. Und erst die mitreißende Weltmusik des indischen Komponisten A. R. Rahman verleiht dem Film mit einer wilden Mischung aus Hindigesängen und Hip-Hop, Sitars und E-Gitarren, Tablas und brasilianischen Trommeln Tempo und Atmosphäre. Kurzum: Danny Boyle sei ein »hybrider Regisseur eines Masalafilms in chutneyfizierten Zeiten«, resümierte India Today.
Andere Kritiker erkennen in der patriotischen Aversion gegen den Film eher eine Verunsicherung durch die Globalisierung. »Indien sonnt sich im Glanz seiner internationalen Anerkennung«, schreibt Sadanand Dhume im Magazin Outlook, »verweigert sich aber der kritischen Prüfung, die die Exposition in der Welt mit sich bringt.«
Und Slumdog Millionaire, im Kern eine Liebesgeschichte, kann auch sehr wehtun. »Indien steht jetzt im Zentrum der Welt, und ich bin in der Mitte des Zentrums«, sagt Jamals großer Bruder Salim. Aber Salim ist ein kleiner Gangster in einem großen Syndikat geworden, das bei millionenschweren Immobiliengeschäften mitmacht – der indische Verbrecher im Herzen der Welt ist einer der bösesten Kommentare des Films. Bei ihrem Gespräch sitzen die Geschwister gefährlich instabil auf der Dachkante eines Hochhaus-Rohbaus, ihr Blick schweift über Mumbais Büro- und Bankenskyline, der Dharavis Elendshütten wie lästige Erdklumpen an den Füßen kleben.
Und das ist keine Halbwahrheit aus dem Kino: Es wird eng in der Zwangsjacke der Halbinsel, aus der Mumbai schwer heraus kann. Die Menschen, die sich einst am Rande der Stadt angesiedelt haben, stehen nun auf Filetgrundstücken unmittelbar neben dem schicken Finanzkomplex Bandra Kurla dem Wachstum neuer Wolkenkratzer im Wege. Raju Korde und seine Freunde vom Komitee »Rettet Dharavi« sorgen sich, dass die Reichen die Armen bald ganz aus der Stadt drängen könnten. Seit Jahren versucht die Verwaltung von Indiens größter Wirtschaftsmetropole freie Flächen für Investoren zu gewinnen, indem sie den Bewohnern der Armenviertel kostenlose Apartments in neuen Hochhäusern anbietet. »Senkrecht-Slums« nennt sie Raju Korde, denn für den Unterhalt, etwa die Wasserversorgung, kann oft niemand mehr aufkommen; nach kurzer Zeit sehen die Häuser aus wie blindäugige, vermüllte Ruinen.
Völlig vergessen hätten die Planer und Investoren bei ihren Träumereien überdies die Zukunft der unzähligen Werkstätten für Töpfer, Schneider, Gerber, Müllsortierer und Produzenten von Lebensmitteln. Auf einem kleinen Platz im Staub kniet eine magere Frau im weinroten Sari. Unaufhörlich rollt sie mit einem metallenen Stäbchen hauchdünne Papadams aus, legt sie zum Trocknen auf ein Korbgeflecht in die pralle Sonne, rollt den nächsten Fladen. Sie arbeitet im Akkord, rollen, auflegen, rollen, Jahr für Jahr, die 39-Jährige ist mit der Bewegung eins geworden. Kein einziges Mal blickt sie von ihrer Arbeit auf, während sie vom Rheuma in ihren Händen spricht. Doch ihr Mann habe keinen Job, sie müsse die Familie mit zwei Töchtern allein ernähren. »Wenn ich wegen der neuen Häuser hier weg muss, dann verhungern wir.« So miserabel die Arbeitsbedingungen auch sein mögen: Wie die Papadam-Rollerin sichern mehr als die Hälfte der Bewohner Dharavis mit Kleingewerbe auf Plätzen und Dächern, in Verschlägen und Höfen ihre Existenz.
Raju Korde und viele andere haben mit Protesten und Vorschlägen zumindest erreicht, dass die Planungen überdacht werden. Dass Leute wie er im Film nicht vorkommen, sondern nur Bösewichte oder Opfer, wirft eine weitere Kritiker-Fraktion Slumdog Millionaire vor. Die »papierne Eindimensionalität der Figuren«, so eine Outlook - Autorin, bleibe hinter der Romanvorlage des indischen Diplomaten Vikas Swarup weit zurück. Nicht die Perspektive eines unvoreingenommenen Reisenden habe Danny Boyle eingenommen, sondern die des Touristen, der nur sieht, was er schon weiß: »Es ist da, also dreh’n wir’s.«
Vielleicht wollen viele in Indiens kinobegeisterter Mittelschicht das vielschichtige Leben im Slum so genau aber gar nicht sehen. In Mumbai ist man schon im Alltag bedrohlich nah dran – dort leben rund 60 Prozent der 14 Millionen Einwohner in Verhältnissen wie in Dharavi. »Das Publikum der Multiplexkinos hat sich daran gewöhnt, sich die Armen aus dem Bewusstsein zu föhnen«, lästert die Zeitschrift Tehelka. Slumdog Millionaire erfüllt eben jene Funktion des Kinos nur zum Teil, die an der Kasse des Cinemaxx in einer der bombastischen neuen Shopping-Malls beschrieben wird, in einer elektronischen Endlosschleife: »Mythen halten frisch – Wirklichkeit macht kaputt«.
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- Datum 09.06.2009 - 14:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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Hab zwar den Film noch nicht gesehen, aber die beschriebene Message ist nach meiner Erfahrung mit Armut, und nicht mal extremer Armut, eher unglaubwürdig und ins Reich der Märchen zu verweisen. Denn Armut bedeutet eben, dass man da nicht rauskommt, weil es keinen einzigen erreichbaren Strohhalm gibt, an den man sich klammern könnte.
In Gesellschaften mit massenhafter extremer Armut würde kein Underdog jemals auch nur in die Nähe einer Fernsehshow kommen, sondern wahrscheinlich schon vorher in die Folterkammer geschickt werden und hätte anschliessend keine Lust mehr, in seinem Leben überhaupt noch was zu tun. Ebenso kann man sich in Westeuropa wahrscheinlich gar nicht vorstellen, welche negativen Effekte eine Kindheit in einer Kartonschachtel für Physis, Psyche und das Intellekt hat, weil die Mutter 15 Stunden täglich für einen Hungerlohn rackern muss. Strassenkinder sind in der Regel völlig unbeschützte Opfer, die sich von morgens bis abends zudröhnen, um Hunger und Krankheiten nicht zu spüren, bis sie halt irgendwann von alleine sterben, oder von Auftragskillern aus dem Verkehr gezogen werden.
Trotzdem werde ich mir den Film mit Interesse anschauen und mich eines Besseren belehren lassen.
Vor vielen Wochen habe ich Slumdog Millionaire bereits in einer Sneak Preview gesehen und war begeistert und erschrocken. Nie hätte ich gedacht, dass der Film überhaupt so groß rauskommen würde. Ich war vielmehr davon überzeugt, dass er hier in den Programmkinos nur in wenigen Vorstellungen gezeigt würde.
Denn einerseits ist da die märchenhafte Rahmenhandlung (beonders der Abspann verweist nochmal deutlich auf die Fiktionalität) und andererseits die Brutalität und Grausamkeit. Inwiefern sachlich und richtig Realität widergespiegelt wird und welcher Teil Kritik in Form von Übertreibung und -spitzung ist, mag diskutabel bleiben. Die Verknüpfung von Fiktionalität und Realität, von Rahmenhandlung, Liebesgeschichte, unverhohlener Brutalität und intentionaler Kritik ist meiner Meinung nach schon etwas Besonderes und darf als Kunstgriff angesehen werden.
Ein sehr empfehlenswerter Film!
Hallo,
ich verstehe die ganze Kritik am Regisseur nicht ganz. Auch hier (Pune) in den indischen Tageszeitungen wurde der Regisseur kritisiert fuer sein uebertriebende Darstellung der Armut in Indien. Der ganze Film basiert auf einem Buch von einem indischen Schriftsteller und ist nicht vom Westen erfunden. Und das Drehbuch folgt recht nahe dem tatsaechlichen Buch. Warum wird diese Tatsache stets vergessen?
Es ist nur eine Verfimung des Buches Question ans Answer von Vikas Swarup zu deutsch auch als Rupien Rupien. Uebrigens echt lesenswert.
ach ja noch zu dem ersten kommentar.
"Strassenkinder sind in der Regel völlig unbeschützte Opfer, die sich von morgens bis abends zudröhnen, um Hunger und Krankheiten nicht zu spüren, bis sie halt irgendwann von alleine sterben, oder von Auftragskillern aus dem Verkehr gezogen werden."
in was fuer einer welt leben sie den, ich bin seit einiger zeit in indien und klar gehts den kindern auf der strasse schlecht. aber was sollen bitte die autragskiller mit den strassenkindern machen???
Naja, ab und an braucht man wohl einen Film, um daran erinnert zu werden. Die meisten Inder werden sich diesen Film wohl nicht angucken. Die Inder wissen, was da vor ihrer Haustür passiert, aber sind recht erfolgreich dabei, diese Situation auszublenden.
Meines Erachtens ist der Film eine typische, langweilige, anspruchslose Hollywoodkonstruktion (ja, auch wenn Danny Boyle Engländer ist und der Film von einer multinationalen Crew gedreht wurde). Der Film spielt in Indien, wird von Indern gespielt - und ist trotzdem so wenig indisch. Selbst die Bollywood Tanzszene am Schluss kann nicht mit einer Bollywoodproduktion mithalten. Der Film ist so unrealistisch wie kitschig, dass ich mich ständig fremdschämen musste über die schlechten Dialoge.
Die vielen unglaubwürdigen Details funktionieren nicht einmal als rhetorische Elemente und schreiben jedem Besucher kritisches Denkvermögen ab. Vielleicht lehrt uns der Film etwas ganz anderes: der platte (Nicht-) Anspruch Hollywoods erfasst jetzt wirklich jeden Filmemacher egal welcher Nation.
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