Kino Einen Oscar für den Slum!Seite 3/3
Und das ist keine Halbwahrheit aus dem Kino: Es wird eng in der Zwangsjacke der Halbinsel, aus der Mumbai schwer heraus kann. Die Menschen, die sich einst am Rande der Stadt angesiedelt haben, stehen nun auf Filetgrundstücken unmittelbar neben dem schicken Finanzkomplex Bandra Kurla dem Wachstum neuer Wolkenkratzer im Wege. Raju Korde und seine Freunde vom Komitee »Rettet Dharavi« sorgen sich, dass die Reichen die Armen bald ganz aus der Stadt drängen könnten. Seit Jahren versucht die Verwaltung von Indiens größter Wirtschaftsmetropole freie Flächen für Investoren zu gewinnen, indem sie den Bewohnern der Armenviertel kostenlose Apartments in neuen Hochhäusern anbietet. »Senkrecht-Slums« nennt sie Raju Korde, denn für den Unterhalt, etwa die Wasserversorgung, kann oft niemand mehr aufkommen; nach kurzer Zeit sehen die Häuser aus wie blindäugige, vermüllte Ruinen.
Völlig vergessen hätten die Planer und Investoren bei ihren Träumereien überdies die Zukunft der unzähligen Werkstätten für Töpfer, Schneider, Gerber, Müllsortierer und Produzenten von Lebensmitteln. Auf einem kleinen Platz im Staub kniet eine magere Frau im weinroten Sari. Unaufhörlich rollt sie mit einem metallenen Stäbchen hauchdünne Papadams aus, legt sie zum Trocknen auf ein Korbgeflecht in die pralle Sonne, rollt den nächsten Fladen. Sie arbeitet im Akkord, rollen, auflegen, rollen, Jahr für Jahr, die 39-Jährige ist mit der Bewegung eins geworden. Kein einziges Mal blickt sie von ihrer Arbeit auf, während sie vom Rheuma in ihren Händen spricht. Doch ihr Mann habe keinen Job, sie müsse die Familie mit zwei Töchtern allein ernähren. »Wenn ich wegen der neuen Häuser hier weg muss, dann verhungern wir.« So miserabel die Arbeitsbedingungen auch sein mögen: Wie die Papadam-Rollerin sichern mehr als die Hälfte der Bewohner Dharavis mit Kleingewerbe auf Plätzen und Dächern, in Verschlägen und Höfen ihre Existenz.
Raju Korde und viele andere haben mit Protesten und Vorschlägen zumindest erreicht, dass die Planungen überdacht werden. Dass Leute wie er im Film nicht vorkommen, sondern nur Bösewichte oder Opfer, wirft eine weitere Kritiker-Fraktion Slumdog Millionaire vor. Die »papierne Eindimensionalität der Figuren«, so eine Outlook - Autorin, bleibe hinter der Romanvorlage des indischen Diplomaten Vikas Swarup weit zurück. Nicht die Perspektive eines unvoreingenommenen Reisenden habe Danny Boyle eingenommen, sondern die des Touristen, der nur sieht, was er schon weiß: »Es ist da, also dreh’n wir’s.«
Vielleicht wollen viele in Indiens kinobegeisterter Mittelschicht das vielschichtige Leben im Slum so genau aber gar nicht sehen. In Mumbai ist man schon im Alltag bedrohlich nah dran – dort leben rund 60 Prozent der 14 Millionen Einwohner in Verhältnissen wie in Dharavi. »Das Publikum der Multiplexkinos hat sich daran gewöhnt, sich die Armen aus dem Bewusstsein zu föhnen«, lästert die Zeitschrift Tehelka. Slumdog Millionaire erfüllt eben jene Funktion des Kinos nur zum Teil, die an der Kasse des Cinemaxx in einer der bombastischen neuen Shopping-Malls beschrieben wird, in einer elektronischen Endlosschleife: »Mythen halten frisch – Wirklichkeit macht kaputt«.
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- Datum 09.06.2009 - 14:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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Hab zwar den Film noch nicht gesehen, aber die beschriebene Message ist nach meiner Erfahrung mit Armut, und nicht mal extremer Armut, eher unglaubwürdig und ins Reich der Märchen zu verweisen. Denn Armut bedeutet eben, dass man da nicht rauskommt, weil es keinen einzigen erreichbaren Strohhalm gibt, an den man sich klammern könnte.
In Gesellschaften mit massenhafter extremer Armut würde kein Underdog jemals auch nur in die Nähe einer Fernsehshow kommen, sondern wahrscheinlich schon vorher in die Folterkammer geschickt werden und hätte anschliessend keine Lust mehr, in seinem Leben überhaupt noch was zu tun. Ebenso kann man sich in Westeuropa wahrscheinlich gar nicht vorstellen, welche negativen Effekte eine Kindheit in einer Kartonschachtel für Physis, Psyche und das Intellekt hat, weil die Mutter 15 Stunden täglich für einen Hungerlohn rackern muss. Strassenkinder sind in der Regel völlig unbeschützte Opfer, die sich von morgens bis abends zudröhnen, um Hunger und Krankheiten nicht zu spüren, bis sie halt irgendwann von alleine sterben, oder von Auftragskillern aus dem Verkehr gezogen werden.
Trotzdem werde ich mir den Film mit Interesse anschauen und mich eines Besseren belehren lassen.
Vor vielen Wochen habe ich Slumdog Millionaire bereits in einer Sneak Preview gesehen und war begeistert und erschrocken. Nie hätte ich gedacht, dass der Film überhaupt so groß rauskommen würde. Ich war vielmehr davon überzeugt, dass er hier in den Programmkinos nur in wenigen Vorstellungen gezeigt würde.
Denn einerseits ist da die märchenhafte Rahmenhandlung (beonders der Abspann verweist nochmal deutlich auf die Fiktionalität) und andererseits die Brutalität und Grausamkeit. Inwiefern sachlich und richtig Realität widergespiegelt wird und welcher Teil Kritik in Form von Übertreibung und -spitzung ist, mag diskutabel bleiben. Die Verknüpfung von Fiktionalität und Realität, von Rahmenhandlung, Liebesgeschichte, unverhohlener Brutalität und intentionaler Kritik ist meiner Meinung nach schon etwas Besonderes und darf als Kunstgriff angesehen werden.
Ein sehr empfehlenswerter Film!
Hallo,
ich verstehe die ganze Kritik am Regisseur nicht ganz. Auch hier (Pune) in den indischen Tageszeitungen wurde der Regisseur kritisiert fuer sein uebertriebende Darstellung der Armut in Indien. Der ganze Film basiert auf einem Buch von einem indischen Schriftsteller und ist nicht vom Westen erfunden. Und das Drehbuch folgt recht nahe dem tatsaechlichen Buch. Warum wird diese Tatsache stets vergessen?
Es ist nur eine Verfimung des Buches Question ans Answer von Vikas Swarup zu deutsch auch als Rupien Rupien. Uebrigens echt lesenswert.
ach ja noch zu dem ersten kommentar.
"Strassenkinder sind in der Regel völlig unbeschützte Opfer, die sich von morgens bis abends zudröhnen, um Hunger und Krankheiten nicht zu spüren, bis sie halt irgendwann von alleine sterben, oder von Auftragskillern aus dem Verkehr gezogen werden."
in was fuer einer welt leben sie den, ich bin seit einiger zeit in indien und klar gehts den kindern auf der strasse schlecht. aber was sollen bitte die autragskiller mit den strassenkindern machen???
Naja, ab und an braucht man wohl einen Film, um daran erinnert zu werden. Die meisten Inder werden sich diesen Film wohl nicht angucken. Die Inder wissen, was da vor ihrer Haustür passiert, aber sind recht erfolgreich dabei, diese Situation auszublenden.
Meines Erachtens ist der Film eine typische, langweilige, anspruchslose Hollywoodkonstruktion (ja, auch wenn Danny Boyle Engländer ist und der Film von einer multinationalen Crew gedreht wurde). Der Film spielt in Indien, wird von Indern gespielt - und ist trotzdem so wenig indisch. Selbst die Bollywood Tanzszene am Schluss kann nicht mit einer Bollywoodproduktion mithalten. Der Film ist so unrealistisch wie kitschig, dass ich mich ständig fremdschämen musste über die schlechten Dialoge.
Die vielen unglaubwürdigen Details funktionieren nicht einmal als rhetorische Elemente und schreiben jedem Besucher kritisches Denkvermögen ab. Vielleicht lehrt uns der Film etwas ganz anderes: der platte (Nicht-) Anspruch Hollywoods erfasst jetzt wirklich jeden Filmemacher egal welcher Nation.
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