Fusion Wolpertinger

Was entsteht, wenn Mercedes und BMW zusammenarbeiten?

Wer an der natürlichen Artenvielfalt im Automobilbau interessiert ist, hört nicht ohne Sorge, dass Mercedes und BMW zukünftig, um Geld zu sparen, bei der Entwicklung ihrer Autos zusammenarbeiten wollen. Die Ökonomen jubeln, aber den Technikern beider Firmen schwant zu Recht Böses. Denn was soll dabei herauskommen? Das Einheitsauto in der Oberklasse? Nun, die Bayern jedenfalls könnten es ahnen. Sie kennen aus der jagdlichen Folklore die Fantasiefigur des Wolpertingers. Manchmal kann man diese Bastelarbeiten langer Winterabende noch in Altmünchner Trödelläden kaufen: die ausgestopften Bälge von Hasen, kombiniert mit Entenfüßen, Fasanenschweifen und Marderköpfen.

Aus der Konzernzusammenarbeit von VW und Audi sind solche Schimären (das ist der biologische Fachausdruck) schon hervorgegangen: der edle Allrad-Audi, der im weniger edlen Innern verzweifelt an einen Passat erinnert. Aber immerhin gibt es hier, firmengeschichtlich bedingt, noch gemeinsame Gene. Es sind, um im Bild des Wolpertingers zu bleiben, nur stammverwandte Arten zusammengebastelt, also zum Beispiel nur Körperteile von Säugetieren, nicht auch Reptilien- und Vogelteile.

Mercedes und BMW dagegen haben sich mit aller Kraft der genetischen Spezialisierung gegeneinander entwickelt, sie sind Nahrungskonkurrenten im selben Lebensraum, aber nicht näher verwandt als Fischotter und Kormoran, die im selben Teich nach Karpfen schnappen. Ihre Kreuzung kann nur eine Monstrosität schaffen, der Pelz des Otters (Fahrwerk von Mercedes) und der Schnabel des Kormorans (Motor von BMW). Mögen die Ökonomen auch sagen, es werde sich nur um Teile handeln, die der Kunde nicht bemerkt, die Techniker wissen es besser: Es genügt ein schwarzes Federchen vom Kormoran, und der Pelz des Otters ist hin. Der Kunde spürt sofort, und erst recht die Traditionskäufer der beiden Marken, wenn die Identität ruiniert ist.

Man denke sich, Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine würden ihre Redaktionen zusammenlegen, aber Typografie und Erscheinungsbild blieben getrennt erhalten – könnte ein solcher Zeitungswolpertinger überleben? Oder wäre nicht auch er nur im ausgestopften Zustand denkbar? Und doch liegen solche Fusionen gerade bei Verlagen im Trend. Von vielen Regionalblättern existieren nur mehr die Zeitungsköpfe; ihre Spalten werden von ein und derselben Redaktion lustlos bestückt.

Merkwürdig, dass gerade die Ökonomen, die doch sonst so viel von Markenidentität reden, so wenig vom Urteilsvermögen der Kunden halten. Denken sie am Ende, es sei eh alles nur Schwindel und der Kern einer Marke liege nicht in der Beschaffenheit der Ware, sondern nur in dem Image, das die Werbung verbreitet? Man kann die Verzweiflung der Techniker verstehen. Es ist auch die Verzweiflung der Kunden. Sie wollen keine Kunstprodukte aus der Kadaververwertung der Marketingabteilungen, sondern echte Wildautos, die schon bewiesen haben, dass sie im freien Straßenverkehr überlebensfähig sind, und die dort zu ihrer unverwechselbaren Art reiften.

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    • Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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    • Schlagworte BMW | Fusion | Pelz | Mercedes | Typografie | Bayern
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