Ich habe einen Traum "Ich bewundere Amerika"

Der Popsänger Seal ist gerührt, wenn seine Musik die Menschen emotional erreicht. An den USA schätzt er, dass sich das Land so schnell verändern kann

Ich träume davon, dass ich Grenzen überwinde, zwischen Ländern und zwischen Menschen. Dass mir das gelingt, indem ich mit meiner Musik Emotionen unmittelbar anspreche. Mir ist das wichtig, es hat eine beinahe kathartische Wirkung auf mich. Ich kann das anhand von zwei Beispielen erläutern.

Gehen wir zurück in den Sommer 1990. Mit dem Lied Killer hatten Adamski und ich gerade Erfolg, wir traten im Fernsehen auf, fremde Menschen erkannten mich auf der Straße. Eines Tages fuhr ich zum Supermarkt, stieg aus dem Auto und sah diesen bedrohlichen Typen, einen Berg von einem Mann, dem man nachts nicht allein in einer dunklen Gasse begegnen möchte. Er bellte herüber: »Hey, bist du nicht der Typ, der dieses Lied singt?« Ich dachte: »Noch so ein Kerl, der mich hasst, weil ich Erfolg habe.« Aber als er hörte, dass ich tatsächlich jenes Lied sang, kam er auf mich zu und gab mir die Hand. Er erzählte, dass er gerade aus dem Gefängnis gekommen sei und seine kleine Tochter eine Zeit lang nicht habe sehen können. Mein Lied habe ihm über die Trennung hinweggeholfen. Ich war geschockt. Erstens, weil ich so falsch gelegen hatte. Zweitens, weil jemand dank meiner Musik emotionale Erfahrungen machte. Und drittens, weil die Person meine Emotionen in der Musik spürte.

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Vor Kurzem bin ich in eine ähnliche Situation gekommen. Nach einer langen Reise kehrte ich nach Los Angeles zurück und wollte in einer Bar einen Kaffee trinken, da kreuzte ein kräftiger, beinahe zwei Meter großer Schwarzer meinen Weg. Er telefonierte mit dem Handy, blieb aber trotzdem stehen und sagte: »Wow, wow, wow, Mann, ich muss dir sagen, wie toll ich deine Musik finde.« Wir kamen ins Gespräch, er behielt die ganze Zeit das Telefon am Ohr.

Ich erzählte ihm, wie ich einen Tag zuvor in Washington gesungen hatte, anlässlich der Amtseinführung von Barack Obama, wie ich Vizepräsident Joe Biden getroffen hatte – und wie sehr ich Amerika dafür bewundere, dass es sich so schnell verändern kann. Dieser große schwarze Mann begann vor meinen Augen zu weinen, das Telefon hielt er noch in der Hand. Das war wieder so ein Moment.

Ich träume nicht davon, dass meine Kinder Leni, Henry und Johan auch Musik machen und darin so viel Persönliches ausdrücken wie ich. Menschen lassen sich eher von Vorbildern leiten als von Mächtigen. In diesem Sinn erziehen meine Frau Heidi und ich unsere Kinder. Wir ermutigen sie, alles auszuprobieren. Sie treiben Sport, malen, reisen mit uns, sehen andere Kulturen. Eines Tages entscheiden sie selbst, welche Richtung sie einschlagen.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

Seal 46, ist in England geboren, er hat nigerianische und brasilianische Vorfahren. Mit Dance-Hits feierte der Sänger 1990 erste Erfolge. "Soul" heißt sein aktuelles Album mit neuen Versionen alter Songs. Er ist mit dem deutschen Model Heidi Klum verheiratet

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • self22
    • 22.02.2009 um 21:50 Uhr

    wie schnell wir unseren Osten verändert haben.

    Amerika hat für seinen Süden vielleicht 150 Jahre benötigt.

    Wir 20.

    Was will er uns also hier erzählen?

    Wir sind die Größten. Ätsch!

    :-)

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  • Serie Audio
  • Quelle DIE ZEIT, 19.02.2009 Nr. 09
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  • Schlagworte Traum | Barack Obama | Reise | Musik | Soul | Heidi Klum | Joe Biden | Emotion | Sänger | USA
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