ZEITmagazin:  Herr Kissinger, zu Helmut Schmidts 90. Geburtstag haben Sie geschrieben: "Ich hoffe, dass er mich überlebt, denn eine Welt ohne Helmut wäre sehr leer." Wie begann Ihre Freundschaft?

Henry Kissinger: Es gibt einen Disput zwischen uns, wann wir uns das erste Mal begegnet sind. Nach meiner Erinnerung war das 1957 in Deutschland, bei einer Podiumsdiskussion im Amerikahaus über Sicherheitspolitik. Man sagte mir, man wolle Schmidt einladen, und ich dachte, es handele sich um Carlo Schmid, weil ich von Helmut noch nie gehört hatte. Er erinnert sich anders. Er meint, wir hätten uns sechs Monate später bei einem Seminar in Harvard kennengelernt. Jedenfalls wurden wir einander damals als vielversprechende junge Männer vorgestellt. Beide hatten wir begonnen, über Sicherheitspolitik zu schreiben.

ZEITmagazin: Es war gemeinsames politisches Interesse, aus dem dann über die Jahre persönliche Freundschaft wurde?

Kissinger: Ja. Es ist insofern eine merkwürdige Freundschaft, als wir uns bis heute nicht duzen. Wir sprechen nicht oft über persönliche Dinge. Wir waren beide gute Freunde von Marion Dönhoff. Marion und ich hatten uns versprochen, dass wir uns jedes Jahr mindestens zweimal sehen wollten. Immer wenn ich in Hamburg war, ist Helmut zu uns gestoßen.

ZEITmagazin: Was ist Helmut Schmidts größte Stärke?

Kissinger: Totale Verlässlichkeit. Absolut unerschütterliche moralische Überzeugungen. Helmut ist ein Mensch, mit dem man nicht über persönliche Dinge sprechen muss, um zu wissen, dass man sich absolut auf ihn verlassen kann, wenn man ihn braucht.

ZEITmagazin: Und seine Schwächen?

Kissinger: Einige Leute könnten ihn für abgehoben halten. Ich selber finde ihn ziemlich sentimental. Er versucht, es nicht zu zeigen. Als ich Fürther Ehrenbürger wurde, hielt er eine typische Schmidt-Rede. Die eine Hälfte drehte sich um Außenpolitik. In der anderen legte er dar, warum er unsere Beziehung so schätze. Direkt würde er mir das nie sagen.

ZEITmagazin: Worüber haben Sie am heftigsten gestritten?

Kissinger:(überlegt lange) Höchstens über taktische Fragen. Bei großen Themen – Atomwaffen zum Beispiel – erinnere ich mich an keine Meinungsverschiedenheiten mit Helmut. Er war natürlich Bush gegenüber viel feindseliger als ich.