Landtagswahlen

Das Ende einer Ära

Ein Medienphänomen nimmt Abschied. Mit der Landtagswahl in Kärnten wird Jörg Haiders politische Aura allmählich verblassen

Noch ein paar Tage lang wird das Angedenken an den verstorbenen Jörg Haider über Kärnten schweben, als bleibe er allgegenwärtig, als könne sich jedermann zur Rechtfertigung der eigenen Ansichten auf ihn berufen – in Bewunderung wie in Abscheu. Noch okkupiert der Tote die Gedanken. Wenn aber am Abend des 1. März bei der Landtagswahl in Klagenfurt die Stimmen ausgezählt sein werden und die Nachfolger in seiner Privatpartei BZÖ wahrscheinlich eine bittere Enttäuschung haben hinnehmen müssen, dann wird seine Aura allmählich verblassen. Dieser Wahltag markiert eine politische Wasserscheide in Österreich – deshalb ist er auch von überregionaler Bedeutung. Erst jetzt kündigt sich das endgültige Ende einer Ära an, die zwei Jahrzehnte lang die Republik in ihrem Bann hielt.

Mit ihr wird sich das Land auch – vielleicht sogar vor allem – von einem Medienphänomen verabschieden. Erst mit tatkräftiger Hilfe der Medien konnte sich einst das Nachwuchstalent Haider zu einer dominanten Figur entwickeln. Sie waren jene unverzichtbaren Verstärker, die es dem dünnen Stimmchen aus der Provinz ermöglichten, sich weltweit Gehör zu verschaffen. Endlich war damals eine Figur gefunden, die grell aus dem politischen Grau hervorstach.

Haider wusste genau, wie er mit den Repräsentanten der Branche umzugehen hatte, mit Adoranten ebenso wie mit abgeklärten Geistern oder erbitterten Gegnern. Dieser Dompteur der veröffentlichten Meinung führte das gesamte Gewerbe, und beileibe nicht nur das österreichische, wie einen Tanzbären am Nasenring durch die Manege. Alle spielten artig mit. Nicht nur weil der ranke Coverboy gute Geschäfte versprach, sondern hauptsächlich deshalb, weil eine merkwürdige Form der Faszination die Medienöffentlichkeit erfasst hatte, die mal in Idolatrie, mal in Dämonisierung ihren Ausdruck fand.

Vielleicht erinnern bald nur mehr einige Straßennamen an Haider

Der Spuk endete natürlich nicht mit Haiders jähem Tod im Straßengraben. Im Gegenteil, es wurde munter an dieser österreichischen Mythenbildung weitergearbeitet. Sie durchlief alle Phasen, die das Ablösungsmuster von einem irdischen Heilsbringer vorsieht: pompöse Trauerfeier, Totenkult, Verschwörungslegenden, Geisterbeschwörung, Reliquienhandel und zuletzt Leichenfledderei. Einige Kärntner Heimatlieder, die der volkstümliche Landesvater einmal aufgenommen hatte, werden jetzt als Tonträger auf Shoppingkanälen im Fernsehen verramscht. Solange dieser Prozess aber andauert, bleibt auch Jörg Haider eine durchaus lebendige öffentliche Figur, darf seine Ära nicht zu Ende gehen.

Erst wenn demnächst sein Bild aus der Ikonografie der veröffentlichten Meinung verschwunden sein wird, wird es auch möglich sein, nüchtern einzuschätzen, welche Auswirkungen sein politischer Aktionismus auf Land und Leute tatsächlich ausübte. Möglich, dass Haider schon in einer Generation nur mehr in einigen Straßen- und Brückennamen fortleben wird, die selbst für Ortsansässige kaum noch Bedeutung haben. Gut möglich auch, dass sich dann herausstellen wird, wie vollkommen der Mann in all seinen ehrgeizigen Plänen gescheitert war: sowohl in Bezug auf seine eigene Karriere als auch in seinem Versuch, die rechten Kräfte des Landes mehrheitsfähig zu machen, indem er sie in einer dem Anschein nach modernen Bewegung bündeln wollte, die für radikale Randgruppen ebenso akzeptabel sein sollte wie für die flotten Jungs aus dem Solarium, die glauben, in einer Wörthersee-Party und einem Porsche ihren Lebenssinn gefunden zu haben.

Der Versuch scheiterte an den Traditionalisten, die es einst gerne gesehen hatten, dass dieser damals junge Siegfried an Statur gewann. Im Verlauf der Wende zu einer stromlinienförmigen Protest-, gar Regierungspartei spalteten sie sich wieder ab. Nun kehren sie nach und nach zu ihren Wurzeln zurück und verschanzen sich wieder in ihrer alten Trutzburg, von deren Zinnen sie weltfremde Forderungen stellen. Wenn sie derzeit schlagkräftig erscheinen, dann vor allem deshalb, weil es ihnen vorläufig noch gelingt, einige propagandistische Verhaltensmuster aus der untergehenden Ära Haider, vor allem die dynamische Vollgasperformance des Leitwolfs, zu imitieren. Auf Dauer wird sich ihr Potenzial aber in dem Maß verringern, in dem sich ihr politischer Horizont einengt.

Dadurch bekommen allerdings die Medien, die Haider-Macher von dereinst, ein ernsthaftes Problem: Wo sollen sie geeigneten Ersatz hernehmen für die Ikone, deren Strahlkraft schwach und schwächer wird? Unter den Erben und Möchtegernerben dürften sie nicht so leicht fündig werden. Bis auf einige skurrile Sonderlinge sind die meisten wenig originell und eher schlichte Gemüter. Langfristig eignet sich niemand aus dieser Gruppe, die Funktion einer neuen Medien-Ikone zu übernehmen. Auch nicht der gegenwärtige Favorit Heinz-Christian Strache, der sich gern auf Marktplätzen den Hals heiser schreit und nachts den Discoprinzen spielt. Sie alle beherrschen nicht die Täuschungstaktik des Chamäleons, der es bedürfte, um wie einst Jörg Haider mit unterschiedlichen Rollen zu verblüffen und dadurch vielseitig medial verwertbar zu sein.

In dieser Situation schlagen sich die meinungsprägenden Gazetten daher lieber auf die Seite eines Werner Faymann, der zwar auch wenig originell ist und höchst selten mit Gedankenblitzen brilliert, der aber zumindest ein verlässlicher Sonnyboy zu sein scheint. Vielleicht revanchiert sich jetzt das etablierte politische System, indem es in Krisenzeiten ausgerechnet graue Biedermänner an die Spitze stellt, um alle Erinnerung an eine Ära auszulöschen, in der dieser anscheinend ausrangierte Politikertyp so viel Schmach hat einstecken müssen.

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Leser-Kommentare

  1. Solange das Image das entscheidende Element eines politischen Konzepts bleibt, wird eine Wahl ein Jahrmarkt bleiben mit den größten Zuschauertrauben vor dem spektakulärsten Auftritt. Kein Land wird so auf Dauer überleben, wenn die grellen Imagefarben mehr bedeuten als der Inhalt, der damit oft eher verheimlicht denn offenbart wird. Österreichs Wähler haben keine beneidenswerte Auswahl und das macht die Entscheidung mit dem Stimmzettel noch schwerer als sie ohnehin schon ist.
    Die Angst der Politiker vor ernsthaften demokratischen Entscheidungen, bei denen des Volkes Stimme mehr Gewicht hat als die der Standkunden auf dem Jahrmarkt, die nur das gerade noch Akzeptable akzeptieren oder unverrichteter Dinge weitergehen können, wird berechtigt bleiben, solange sie sich nicht trauen, es darauf ankommen zu lassen.

  2. Warten wir erst einmal die Wahlergebnisse ab. Die Überschrift liest sich wie ein Orakel.

    Gruß, Bernd
    *** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***

  3. Haider-Partei triumphiert über Sozialdemokraten
    Bei der Landtagswahl in Kärnten zeichnet sich ein deutlicher Sieg für die Partei des tödlich verunglückten Rechtspopulisten Jörg Haider ab. Nach ersten Hochrechnungen liegt das BZÖ bei 45,8 Prozent - rund drei Prozent mehr, als Haider selbst vor fünf Jahren geholt hatte.
    http://www.spiegel.de/pol...

    Wieder so ein Prophet der sein Geld nicht wert ist. Lachhaft

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  • Von Joachim Riedl
  • Datum 1.3.2009 - 11:09 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
  • Kommentare 3
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  • Schlagworte Österreich | Wahlkampf | Wahl | Partei
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