Fernsehen Schwarz vor Augen

Die Union will ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender stürzen. Dabei beschädigt sie das Fernsehen und die politische Kultur

Es geht nicht so sehr um Nikolaus Brender. Obwohl es schon mehr als ärgerlich ist, dass der vom eigenen Intendanten zur Vertragsverlängerung vorgeschlagene und stets auf überparteilichen Journalismus pochende ZDF-Chefredakteur durch eine Unionsmehrheit im Verwaltungsrat gestürzt werden soll. Es geht auch nicht nur um das ZDF, den Sender, der traditionell von den Schwarzen beansprucht wird und darüber zum Rentnersender geworden ist. Ja, es geht sogar um etwas Wichtigeres als die journalistischen Standards des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es geht um CDU und CSU, um die Union, die womöglich letzte verbliebene Volkspartei, und ihre erschreckende Kurzsichtigkeit. Ohne es zu merken, beschädigt sie das Fernsehen, das sie selbst so dringend braucht.

Dabei sollte man denken, dass die Partei aus Schaden klug geworden ist. In den achtziger Jahren hat sich die Union schließlich schon einmal grob verschätzt, als sie den Privatfunk förderte, weil sie da einige wichtige Freunde zu haben glaubte. In der Folge haben RTL, Sat.1 und ProSieben allerdings nicht der Union genützt, sondern deren konservative Werte unterwandert und vor allem zur Entpolitisierung der breiten Wählermassen beigetragen.

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Der Parteienproporz führt in die Entpolitisierung

Offenbar hat die Union noch immer nicht verstanden, dass solche Politikferne ins Nichtwählertum führt. Und dass die großen Parteien – insbesondere dann, wenn sie regieren – die Glotze dringend brauchen, viel mehr als die Kleinparteien, die mit klaren, einfachen Botschaften allemal ihr Publikum finden. Volksparteien müssen erklärt werden, sie brauchen massenwirksame Vermittlung.

Politisches und zugleich interessantes Fernsehen steht jedoch in krassem Widerspruch zu jedem Parteien- und Proporzprogramm. Denn der Zugriff der Politik auf die Medien führt selten dazu, dass es brillante und mitreißende Sendungen mal von rechts und mal von links gibt, sondern zum händeringenden Sowohl-als-auch, zu einer nervtötenden Ausgewogenheit, die noch den fanatischsten Politikaster – und, ehrlich gesagt, auch den professionellen Politikbeobachter – in die Flucht schlägt.

Die Journalisten in den öffentlich-rechtlichen Sendern werden so immerzu gezwungen, den Verwaltungsrat mitzudenken. Wenn leitende Redakteure in die gefährliche Zone der Vertragsverlängerung kommen, verkrampfen sie naturgemäß beim Interview mit jenen Politikern, die über ihre Zukunft entscheiden. Wer aber will solche Interviews sehen? Wohl nur die Generalsekretäre der Parteien mit ihren Statistiken, wer wann wie oft wie kritisch auf dem Bildschirm auftaucht.

Die Verkrümmung des Journalisten durch den Parteienproporz fängt jedoch nicht erst auf den höheren Etagen an. Jüngere Kollegen, die zu den Öffentlich-Rechtlichen gehen, bringen von Hause aus gar keine parteipolitische Orientierung mit, moderner Journalismus meidet Parteimitgliedschaft. Diese Jüngeren müssen sich sozusagen einen Partei-Avatar, eine zweite Identität zulegen, um in die absurden Seilschaften und Proporze bei ARD und ZDF hineinzupassen. Was für ein Krampf!

Aus diesen Gründen führt die Parteipolitisierung des Fernsehens geradewegs in seine Entpolitisierung. Die Zuschauer, die anders als vor 40 Jahren nicht mehr zwischen zwei Programmen wählen müssen, wenden sich ab. Was wiederum die Sender dazu bringt, politische Sendungen zurückzufahren oder in die späten Abendstunden zu legen. Dabei müsste es genau umgekehrt sein: Die völlige Freiheit des Zuschauers zu wählen muss mit der völligen Freiheit des Redakteurs beantwortet werden, bei seiner Arbeit immer nur an das eine zu denken: an die Qualität. Stattdessen bleibt das politische Fernsehen weit unter seinen Möglichkeiten.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 02.03.2009 um 16:10 Uhr

    Seit den Achtzigern ist unser Öffentliches Fernsehen in vielen Bereichen zum Büttel der Politik und Wirtschaft verkümmert. Hängt das etwa mit den Lobbyisten zusammen? Viele Berichterstatter, aber es gibt ein paar wenige Ausnahmen, sind mit den Politikern verbandelt, es ist einfach eine zu große Nähe entstanden. Politiker und Wirtschaftsmanager haben es immer wieder geschickt verstanden Journalisten scheinbar auf ihre Stufe zu stellen.
    Symbolisch sind dafür immer die Sendungen Bericht aus Berlin von ARD und ZDF.
    Diese Deppendorfs, Hahnes und Freys tun meinen Augen und Ohren weh und von dieser Gruppe gibt es noch einige, aber diese einige scheinen das Bild zu bestimmen. Sie helfen mit, was das Volk zu denken und zu empfinden hat.
    Viele Journalisten spielen das Spiel der Vorgabe durch die Redaktionen.
    Weil das in Deutschland scheinbar so geworden ist, bin ich dazu übergegangen meine Informationen auch aus anderen Nachrichtenquellen zu ziehen. So sehe ich mir wenigstens einmal am Tage die Nachrichten auf EURONEWS an und da ich Satellit habe noch einige andere aus unseren Nachbarländern.
    Der Einfluß deutscher Politiker muß unbedingt eingedämmt werden, es muß die journalistische Unabhängigkeit wieder erstritten werden. Medien die von der Politik bestimmt werden, gibt es in einer Diktatur und diese haben wir ja momentan noch nicht, oder sollten die Schritte in diese Richtung größer sein , als ich dachte?

    Herzlichst
    Auf ein Wort

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    • lpzig
    • 02.03.2009 um 19:36 Uhr

    haben dieselbe Meinung.
    Meistens, weil sie aus dem demselben Tuch geschnitten sind.
    Ein Tuch das in den Universitaeten gewebt wurde, einschliesslich der vielen Unsinn-Faeden.

    Manchmal fahren sie sich in die Haare. Ich kann zu diesen seltenen Faellen nur sagen: Gott sei Dank!

    • lpzig
    • 02.03.2009 um 19:36 Uhr

    haben dieselbe Meinung.
    Meistens, weil sie aus dem demselben Tuch geschnitten sind.
    Ein Tuch das in den Universitaeten gewebt wurde, einschliesslich der vielen Unsinn-Faeden.

    Manchmal fahren sie sich in die Haare. Ich kann zu diesen seltenen Faellen nur sagen: Gott sei Dank!

    • hagego
    • 02.03.2009 um 16:33 Uhr

    Der Streit um die Vertragsverlängerung des Chefredakteurs Nikolaus Brender (ZDF) eskaliert. In einem FAZ-Interview hat der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) dem Chefredakteur Brender die schlechten Einschaltquoten der ZDF-Nachrichten-Sendungen vorgehalten - und deshalb vorgeschlagen, von einer weiteren Vertragsverlängerung abzusehen.

    Hinter dem Schlagmann Koch rudern sowohl der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) als auch der frühere bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) im gleichen Boot in die gleiche Richtung.

    Ob es wirklich um die Einschaltquoten geht, spielt gar nicht eine so große Rolle, zumal diese nicht als einziges Merkmal für qualifizierte Nachrichten-Sendungen festzumachen sind. M.E. geht es darum, eine politisch fixierte Einmischung zu verhindern. Es muss endlich Schluss sein damit, dass die großen politischen Parteien in allen Gremien (z.B. im ZDF-Verwaltungsrat) die Meinungsführerschaft übernehmen.

    Der ZDF-Intendant Markus Schächter hat sich für eine Vertragsverlängerung Brenders ausgesprochen. In einem offenen Brief unterstützen mehr als ein Dutzend bekannte ZDF-Journalisten die Entscheidung Schächters, u.a. die beiden Nachrichten-Moderatoren Marietta Slomka und Claus Kleber.

    Brenders Vorgänger, Klaus Bresser, hat die Einmischung Kochs gestern Abend in dem NDR-Magazin "zapp" scharf kritisiert.

    Die Güte eines Journalisten darf nicht über den Farbfächer des politischen Spektrums definiert werden!

    Vielleicht finden sich hier in der ZEIT-Community weitere Userinnen und User, die eine Einmischung der Politik ablehnen - und dies per Beitrag bekunden.

    - - -

    geschrieben am 26. Februar (13.12 Uhr) im ZEIT ONLINE-Forum
    hagego

  1. des Hessenlandes schwingt seit der letzten Wahl bedauerlicherweise nun wieder sein königliches Machtinsigne, den Kochlöffel - und leider zählt es zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, damit in anderer Leute Suppen herumzurühren, anstatt sich ans Auslöffeln seiner eigenen zu machen...

    liegt's möglicherweise daran, dass ihm ein unaristokratischer Prolet hineingespuckt hat?

    Majestätsbeleidigung!!

  2. Kann das Fernsehen noch schlechter werden?

  3. wie wahr!

    Antwort auf
    • lpzig
    • 02.03.2009 um 19:36 Uhr

    haben dieselbe Meinung.
    Meistens, weil sie aus dem demselben Tuch geschnitten sind.
    Ein Tuch das in den Universitaeten gewebt wurde, einschliesslich der vielen Unsinn-Faeden.

    Manchmal fahren sie sich in die Haare. Ich kann zu diesen seltenen Faellen nur sagen: Gott sei Dank!

    • lpzig
    • 02.03.2009 um 19:39 Uhr

    Hoffentlich gelingt es!

    Obwohl es ihm wohl weniger als mir gefallen wuerde.

    • Hugo_P
    • 02.03.2009 um 23:36 Uhr
    Antwort auf

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