Kaum eine Architekturausstellung hat Wissenschaftlern und Journalisten in den vergangenen Jahren solche Superlative des Lobes entlockt wie die Fotoschau Asmara, Afrikas heimliche Hauptstadt der Moderne, die seit 2006 durch Deutschland und Europa tourt und von einigen Goethe-Instituten auch in Afrika gezeigt wurde; zuletzt war sie in Turin und im Herbst 2008 in Tübingen zu sehen. Rezensenten der Ausstellung, die von der Stiftung Bauhaus Dessau und dem eritreischen Denkmalpfleger Naigzy Gebremedhin zusammengestellt worden ist, schwärmen von der »schönsten Stadt auf dem afrikanischen Kontinent«, von einer »Art Gesamtkunstwerk« und einem urbanen »Kleinod«, das so rasch wie möglich in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen sei. Nur der Welterbe-Status und das durch ihn zu erwartende Touristeninteresse könnten dieses einzigartige Ensemble vor dem Verfall bewahren.

In der Hauptstadt des seit 1993 unabhängigen Staates Eritrea am Horn von Afrika hat sich in der Tat eine bemerkenswerte City aus den dreißiger Jahren erhalten. Asmaras Innenstadt birgt eine der dichtesten und intaktesten Ansammlungen von Gebäuden der klassischen Moderne. Und so verdienen die Bemühungen, diesen Schatz ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit zurückzuholen, alle Sympathie.

Jedoch sticht ins Auge, dass bislang nur von der Ästhetik die Rede war. Wo immer die Ausstellung gastierte, blieb der historische Kontext sträflich unterbelichtet. Einige wenige Kritiker haben dies bemerkt, wie der Berliner Kunsthistoriker Christian Welzbacher, der mit seiner Rezension der Schau nicht in den Jubelchor über »Africa’s secret modernist city« einstimmte. Stattdessen warf er den Ausstellungsmachern eine Kapitulation vor der Geschichte vor.

Zu Recht. Denn tatsächlich handelt es sich bei Asmara nicht nur um eine jener Planstädte des faschistischen Diktators Benito Mussolini, die selbst noch auf afrikanischer Erde von Roms restaurierter Macht und Größe künden sollten. Ihre Errichtung ist auch vor dem Hintergrund des brutalen Eroberungsfeldzugs gegen das Kaiserreich Äthiopien 1935/36 zu sehen: Asmara, der Mittelpunkt der seit 1890 bestehenden italienischen Kolonie Eritrea, bildete die Hauptnachschubbasis für Roms Kriegsmaschine. Vor allem aber gehörte die auf 2350 Metern über dem Meer gelegene Stadt mit ihrem angenehmen Klima zu den Zentren eines Kolonialregimes, das der schwarzen Mehrheitsbevölkerung eine faschistische Lebensorganisation aufzwingen wollte.

Der mit Giftgas und Luftbombardements geführte Abessinienkrieg war in eine blutige Besatzungsherrschaft gemündet, die Eritrea, Äthiopien und ausgedehnte Landstriche an der Somaliküste umfasste; Italien gebot jetzt – Libyen und Teile der Ägäis hinzugerechnet – über das drittgrößte Kolonialreich der Welt. Unter dem Jubel seiner Landsleute verkündete Mussolini den Italienern am 9. Mai 1936 nichts weniger als die Wiedererrichtung des antiken Imperiums »auf den schicksalhaften Hügeln Roms«. »L’Italia ha finalmente il suo impero. Impero fascista [], impero di pace [], impero di civiltà e di umanità« – so redete der »Duce« die Italiener in einer landesweit übertragenen Ansprache schwindlig. Im Konzert der Mächte trat sein Kriegsregime fortan als zweites Imperium Romanum auf, das in Ostafrika – wie einst die Römer rund um das Mittelmeer – eine Zivilisierungsmission zu erfüllen hätte. Die Propaganda wurde nicht müde, die Italiener als selbstlose Pioniere zu feiern, die eine vergessene Weltgegend mit Straßen, Schulen und Spitälern beglücken und Wüsten in blühende Gärten verwandeln würden.

Bis zu 6,5 Millionen Italiener sollen hier einen neuen »Lebensraum« finden

Doch allem Propagandagedröhn zum Trotz existierten im Frühsommer 1936 nur wenige Vorgaben für das italienische empire building am Horn von Afrika. Mussolini gab nicht nur einer direct rule unter Ausschluss der alten amharischen Eliten den Vorzug, sondern ließ bald schon ein System der Rassentrennung einführen. Africa Orientale Italiana sollte zur Siedlungskolonie für bis zu 6,5 Millionen Italiener ausgebaut werden.