AusstellungIn der Sprache des Schweigens

Er ist Architekt, Poet, Mythologe und getaufter Surrealist. Erstmals wird das Werk von Bogdan Bogdanović gezeigt. Eine Hommage von Friedrich Achleitner

Es hat sehr lange gebraucht, bis das Werk des bedeutenden serbischen Architekten und Schriftstellers Bogdan Bogdanović im Westen zur Kenntnis genommen wurde – obwohl der außergewöhnliche Einzelgänger bereits seit 15 Jahren in Wien im Exil lebt. Früh widmete lediglich die französische Zeitschrift L’architecture d’aaujourd’hui den rund zwanzig, in ganz Tito-Jugoslawien verstreuten Gedenkstätten des Bogdan Bogdanović ihre Aufmerksamkeit, und der Klagenfurter Wieser Verlag leistere Pionierarbeit in Bezug auf das schriftstellerische Werk. Die erste umfassende Ausstellung über seine Arbeiten, die nächste Woche im Wiener Architekturzentrum eröffnet wird, löst nun eine alte Bringschuld ein. Es war das Versäumniss einer westeuropäisch zentrierten Geschichtsschreibung, die bis zum Wendejahr 1989 nicht nur osteuropäische Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg ausschloss, sondern auch schon die Tendenzen der Zwischenkriegszeit mit einer Art Sippenhaft belegt hatte.

Allein die Aufzählung der Tätigkeiten, Interessen und Themen des B. B. führt zu einer Liste, die in ihrer Opulenz an einen Rabelais erinnert: Urbanologe, Stadtforscher und Stadtwanderer, Architekt und Bildhauer, Ornamentiker und Kalligraf, Zeichner, Mythologe, Etymologe, Geschichtenerzähler und Schriftsteller von hohen Graden, Ex-Jakobiner, Ex-Trotzkist, immerwährender Gnostiker und Deist, Politiker auf Zeit, aber ein enorm politischer Mensch auf Lebenszeit und nicht zuletzt surrealistischer Wiederholungstäter, koketter Querdenker und Philosoph. Das alles in sanft strahlende Ironie gehüllt, die vieles ein wenig relativiert und infrage stellt, um anschließend diese Fragen zu präzisieren.

Die Biografie des Bogdan Bogdanović straft alle Fragen, ob Serbien noch zu Europa gehöre, Lügen. Am 20. August 1922 in Belgrad geboren, frankophiles Elternhaus, in der Familie wird selbstverständlich französisch und deutsch gesprochen, Schüler eines berühmt-berüchtigten Gymnasiums, »In unserem surrealistischen Kreis im Zweiten Belgrader Knabengymnasium galt das Prinzip, dass es für einen guten Witz wert sei, das Leben hinzugeben,« erzählte Bogdanović einmal. Der Vater Literaturkritiker, Präsident des Schriftstellerverbandes und Direktor des Nationaltheaters. Mit zweiundzwanzig »ein wenig«, wie sich B. B. ausdrückt, bei den Partisanen, trotzdem schwer verwundet. 1950 Studienabschluss an der Belgrader Technischen Universität, deprimiert über die beruflichen Aussichten in der sozialistischen Bauwirklichkeit. Eine Architektur, die dem Inhalt nach sozialistisch und in der Form national sein soll, interessiert ihn wenig. Erste Weichenstellung: die Teilnahme am Wettbewerb für ein Denkmal für die jüdischen Opfer des Faschismus in Belgrad, den er gewinnt und das er 1951/52 verwirklicht.

Dann akademische Laufbahn am Lehrstuhl für Städtebau und Stadtforschung. »Meine Situation besserte sich mit Stalins Angriffen auf die jugoslawische kommunistische Partei«, berichtete er. 1962 beginnt B. B. Geschichte der Stadt zu lehren. 1964 bis 1968 ist er Präsident des Jugoslawischen Architektenverbandes. Nach Rückkehr von einem Studienaufenthalt in den USA versucht er die Architekturausbildung zu reformieren, wird aber als Vorstand des Architekturverbandes zum Rücktritt gezwungen. Beginnt 1976 Symbolische Formen zu lehren. Verlegt den Unterricht in die leer stehende Dorfschule von Mali Popović. Erster Versuch, eine Alternativschule für die Philosophie der Architektur zu schaffen. 1981 Austritt aus der serbischen Akademie der Künste und Wissenschaften. 1982 bis 1986 Bürgermeister von Belgrad – vermutlich ein jugoslawisches Paradoxon. Organisiert einen internationalen Wettbewerb für den radikalen Umbau des »sozialistisch-pompös geplanten Neu-Belgrad«. Es ging hauptsächlich um urbane Verdichtung einer vorwiegend für das Auto geplanten Stadt; alle Pläne des Wettbewerbes sind verschwunden.

Rückzug aus dem universitären Leben 1987. Im September schreibt Bogdanović seinen berühmten antinationalistischen und antimilitaristischen 60-Seiten-Brief an Slobodan Milošević und an das Zentralkomitee der KP. Die Antwort: »Den Brief, in dem Sie kritische Bemerkungen über die Arbeit der achten Sitzung machen und der uns nicht erreicht hat, können Sie, sofern Sie es für notwendig erachten, dem Zentralkomitee übermitteln.«

Es beginnt eine wütende Kampagne der Diffamierung. Sein Haus wird beschmiert, dazu kommen Lynch-Aufrufe und Versuche, in die Wohnung einzudringen. 1990 Vertreibung aus der Dorfschule, Zerstörung der Geräte, des Archivs, der Zeichnungen und Modelle. Schließlich findet er auf Initiative seines Jugendfreundes, des Schriftstellers Milo Dor, Exil in Wien. Hier entstehen der Reihe nach anregende, falsch: aufregende Bücher, darunter der autobiografische Bericht Der verdammte Baumeister (Zsolnay Verlag). Dieser eindrucksvollen Produktion ging in Belgrad eine umfangreiche Publikationstätigkeit voraus. Viele Titel (Der gehörnte Vogel oder Die Rückkehr des Greif) verraten eine mit der Nachkriegsmoderne kaum kompatible Thematik.

Die Arbeiten von Bogdan Bogdanović sind mit dem Vokabular der Architekturtheorie des 20. Jahrhunderts nicht beschreibbar: Den Konservativen gilt er als ein ambivalenter, damit verdächtiger, manchmal ausgeflippter und surrealer Querdenker; den Modernisten hingegen als Formalist, Gnostiker, Metaphoriker, Symbolist ohne festgeschriebene Semantik. Dem technizistischen Fortschritt tritt er als fundamentaler Skeptiker gegenüber. Als Architekt vertraut er mehr dem Handwerk und der Sprache des Steins als neuen Technologien und Materialien. Man kann behaupten, dass die surrealistische Taufe im Gymnasium und der Auftrag für die jüdische Gedenkstätte zwei Schlüssel zum Verständnis seines Werkes sind. Durch diesen ersten Entwurf wurde der rebellische Jungarchitekt mit einer geistigen Welt konfrontiert, in der man in anderen Zeitdimensionen und Symbolen dachte, als es damals der ideologisch dominierte Zeitgeist verlangte. In seiner Skepsis autoritären Strukturen gegenüber, vor allem einer platten, technikgläubigen Fortschrittsideologie, entwickelte er eine eigenständige Methode, um Inhalte darzustellen, eine, wenn man es paradox formulieren darf, Präzision des Unbestimmbaren, eine Sprache des Andeutens und Schweigens. »Die Verpflichtungen meiner kommunistischen Konfession, die ich in den ersten Nachkriegsjahren angenommen hatte, ermüdeten mich oft«, berichtete er. »Um zu mir zu kommen, kehrte ich zu den Geheimwissenschaften meines alten surrealistischen Glaubens zurück. Ich fühlte mich wie ein sündiger Christ, dem es nicht gelang, sich von den heidnischen Hirngespinsten zu befreien.«

Bogdan Bogdanović verbannte aus seinen Gedenkstätten jedes ideologische Vokabular. Wie sollte man der Ereignisse eines Vernichtungskrieges an jenen Orten gedenken, an denen Menschen unterschiedliche Konfessionen und Ethnien sowohl ermordet wurden als auch gemordet hatten? »Was ich vermochte, war, auf archaische Formen zurückzugreifen. Ich war davon überzeugt, dass die Verständlichkeit der Symbole umso größer war, je tiefer die Semantik der Formen in die metahistorischen Schichten der menschlichen Fantasie hineinreichte.« Offenbar hat Tito diese versöhnende Sprache verstanden. Er war ja einerseits daran interessiert, alte nationalistische Gräben zu schließen und keine neuen aufzureißen. So wurde zudem eine deutliche Distanz des blockfreien Landes zum Sozialistischen Realismus signalisiert.

Auch wenn sie von Dämonen belagert werden, sind die Gedenkstätten, Mausoleen und Nekropolen von Bogdan Bogdanović versöhnende, verbindende, der Zukunft und dem Leben zugewandte, aber ebenso über die Zeit hinausweisende Orte. Kein Zufall, dass viele Gedenkstätten von spielenden Kindern, jungen Menschen oder Familien bevölkert werden. Es finden sich dort keinerlei pathetische Gesten oder die Figuren sterbender Helden, keine anklagenden und kämpferischen Posen, weder roter Stern noch Hammer und Sichel. Die archaischen und skulpturalen Elemente sind immer in die Landschaften eingebunden, nicht in heroische Inszenierungen oder monumentale Plätze. Es gibt keine Gedenkstätte, die nicht die Landschaft als Artefakt mitgestaltete. Man könnte von Land-Art sprechen, aber nicht von einer auf sich selbst bezogenen, sondern von einer inhaltlich gebundenen.

So, wie es unmöglich ist, das zeichnerische Werk von Bogdan Bogdanović von seiner Architektur zu trennen, so ist auch sein schriftstellerisches nicht isoliert zu betrachten. Große Themen sind die Stadt, die kulturelle und politische Existenz des Menschen, seine Träume (nicht als psychische Phänomene, eher als reale Bestandteile des Lebens). In seinem letzten Buch Die grüne Schachtel verarbeitete er Notizzettel, auf denen Träume festgehalten sind und die jahrelang in eine grüne Schachtel geworfen wurden. Diese Träume hatten in der Zeit der Verfolgung in der verbarrikadierten Belgrader Wohnung ihre größte Intensität erreicht. Die Verarbeitung wurde zu einer von Träumen begleiteten, auch poetischen Auseinandersetzung mit einer existenzbedrohenden Wirklichkeit. Also keine quälenden Selbstanalysen oder Deutungen, sondern der Traum wurde als realer Bestandteil des Denkens über eine von der Politik verstörte Wirklichkeit akzeptiert.

Das Wort poetisch darf man verwenden, weil Bogdanović auch in dieser Situation weder den Humor noch die Lust an pointierten, geschliffenen Formulierungen verlor. Hier kommt wieder in altem Glanz der getaufte Surrealist zum Vorschein, der immer noch bereit ist, »für einen guten Witz sein Leben zu riskieren«. Bogdan Bogdanović schrieb einmal, Humor sei die ernsteste Weise, sich über die Welt zu äußern: »Heitere Irrtümer gehören zum Glück zu den unantastbaren Privilegien meiner vorgerückten Jahre. Wenn überhaupt, dann sind sie geglückte und beglückende Irrtümer.«

Die Ausstellung »Bogdan Bogdanović – Der verdammte Baumeister« ist im Architekturzentrum Wien vom 5. März an bis zum 2. Juni 2009 zu sehen.

Der Autor hat auch einen Beitrag zu der begleitenden Katalogpublikation verfasst. Der Band »Bogdan Bogdanović – Memoria und Utopie in Tito-Jugoslawien« (Redaktion: Ivan Ristić, Gestaltung: Gabriele Lenz; 176 Seiten mit 206 Abbildungen) ist im Wieser Verlag, Klagenfurt erschienen

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