Die fähigsten Politiker haben ihm ihr Leben gewidmet, die brillantesten Experten haben es unter allen erdenklichen Aspekten untersucht, die klügsten Denker haben beeindruckende Werke darüber geschrieben und einige der kreativsten Dichter haben es besungen: Palästina. Aber wer von ihnen ist jemals in al-Wadaht gewesen?

Auch meine Chancen, nach al-Wadaht zu kommen, waren nur gering. Ich bin nie morgens aufgewacht und habe mir gesagt: Heute muss ich nach al-Wadaht. Zunächst hatte ich kaum von al- Wadaht gehört. Und als ich davon hörte, klang es nach einem Ort, den man besser meidet. Warum fahre ich also heute nach al-Wadaht? Weil Morad mir sagt, ich soll es nicht tun.

Kennen Sie Morad? Höchstwahrscheinlich nicht. Morad, der meinen Becher mit bitterer Limonade füllt, ist ein Jordanier mit Geld. Er fährt einen neuen BMW, er besitzt viele Häuser, er »importierte« eine Frau aus Chicago, und er mag keine Juden. »Die Juden«, erklärt er seinen Gästen, die bei ihm zum Abendessen sind, »kaufen alle Grundstücke in Jordanien und Dubai. Das macht mich rasend!« Morad nimmt kein Blatt vor den Mund, und wenn Morad spricht, hören alle zu. Und dann lässt Morad, ohne jegliche Vorwarnung, die Bombe fallen: »Sie«, sagt er und zeigt auf mein Gesicht, »sind ein Jude.« Die versammelte Runde hält inne und mustert mich, das Schwein in ihrer Mitte, etwas genauer. Niemand kennt meinen richtigen Namen. Ob Morad mein kleines Geheimnis entdeckt hat? Alle fixieren mich und warten auf meine Reaktion. »Und Sie«, sage ich und sehe ihn unverwandt an, »sind ein schwuler Jude. Aus Chelsea. Ihre Nase: jüdisch. Ihre Lippen: homo. Geh zurück nach New York, falscher Araber!«

Meine Antwort beeindruckt Morad. Er sieht mich neugierig an und sagt: »Sie sind ein Deutscher. Aber in Ihnen steckt noch etwas, was könnte das sein?« Al-Hamdulillah, Test bestanden. Ich habe Morad mehrfach beleidigt, also müssen meine Vorfahren in Ordnung sein. »Vater deutsch, Mutter polnisch«, entgegne ich. »Genau«, sagt er. »Das sieht man.« Na bitte. Ich habe einen evangelischen Deutschen als Vater und eine polnische Katholikin als Mutter; ich gehöre zu den guten Europäern, die es den Juden richtig gezeigt haben. Eine bessere Herkunft ist undenkbar. Morad und ich werden im Laufe des Abends gute Freunde. Er lädt mich ein, über Nacht zu bleiben. Oder solange ich möchte. Er fährt mich in seinem Auto herum. Er lädt mich zu einem kurzen Urlaub außerhalb von Amman ein. Aber ich lehne ab und bleibe lieber in der Hauptstadt, was er gut versteht. Er empfiehlt mir noch die besten Sehenswürdigkeiten und nennt Orte, die ich meiden sollte. Al-Wadaht steht ganz oben auf der Negativliste. »Gehen Sie da bloß nicht hin, es sei denn, Sie wollen abgeschlachtet werden.«

Ich liebe Jordanien. Als ich das erste Mal in das Land kam, wurde Adolf Hitlers Mein Kampf aufgrund der großen Beliebtheit des Buchs an den Zeitungsständen zum Verkauf angeboten. Heute, fünf Jahre später, wird eine »gekürzte Fassung« von Mein Kampf verkauft. Die Welt hat sich gewandelt. Klar. Und ich, der ich aus den großartigen Vereinigten Staaten von Amerika nach Jordanien fliege, liebe den Wandel. Ich lege mir eine Kufija auf den Kopf, kaufe mir einen Schal mit dem Aufdruck »Jerusalem gehört uns« und versuche, ein paar mir bekannte Jordanier zu überreden, mich nach al-Wadaht zu begleiten, in eines der größten palästinensischen Flüchtlingslager. Zu meiner Überraschung lehnen alle ab. »Es gibt bessere Möglichkeiten, um zu sterben«, erklären mir die Reichen von Amman und schnurren in ihren glänzenden Autos davon. Ich nehme meine Verkleidung ab, winke ein Taxi und fahre nach al-Wadaht. So, wie ich bin, höchstpersönlich: Tobias aus Deutschland – das sind mein Name und meine Nationalität während meines Aufenthalts in Jordanien.

»Shu ismak?« – Wie heißen Sie? –, empfängt mich eine 30- bis 40-köpfige Kinderschar, die sich gleich nach meiner Ankunft in al-Wadaht an meine Fersen heftet. Wenn ich je gehofft hatte, mich hier unbemerkt bewegen zu können, machen diese Kinder meine naive Vorstellung schnell zunichte. Leider entdecken mich nun auch die Erwachsenen. »Sind Sie wegen der Hochzeit hier?«, fragt eine Frau. Ich wünschte ja, aber natürlich weiß ich nicht, wer heiratet und wie genau meine verwandtschaftlichen Bande zur Braut oder zum Bräutigam sind. Ich betrachte meine neue Umgebung: Verglichen mit den Massen hier, wirkt der Times Square zur betriebsamsten Zeit wie eine Wüste. Mir bleibt kein Ausweg, ich muss eine Antwort finden: Ist Tobias für die Leute hier gut genug, oder sollte ich origineller sein und mich, sagen wir, Adolf nennen? Werden mir die Leute meine deutsch-polnische Herkunft abkaufen? Sieht nicht so aus. Ich fürchte, die Feinheiten eines deutschen evangelischen Vaters und einer katholischen polnischen Mutter sind ein bisschen zu komplex, um akzeptiert zu werden. Ich brauche eine schlüssige Erklärung, die sofort verstanden wird, einen Satz, den die wachsende Menge begeistert billigt. Ich beschließe, es gleich mit der Nationalität zu versuchen: »Ich bin ein deutscher Journalist«, sage ich. »Ahlan wa sahlan« – willkommen –, begrüßen sie mich. »Was können wir für Sie tun?« Ich erkläre ihnen: »Ich bin gekommen, um zu sehen, wie ihr lebt, und es der Welt zu berichten.« Das verlangt, dass sie mich wie einen Star behandeln. »Deutscher Journalist ist hier!«, sagen sie. »Marhaba! Möchten Sie einen Mann treffen, der Ihnen die Wahrheit erzählt, die ganze Wahrheit?« Ja, natürlich. Wer möchte das nicht?

Ali Mohammed Ali, ein Mann von 84 Jahren, erhebt sich vom Boden des kleinen Raums, aus dem seine zur ebenen Erde liegende Wohnung besteht, und lässt mich höflich auf einem Plastikstuhl Platz nehmen. »Vor ein paar Tagen«, sagt er, »war al-Dschasira hier. Und mit wem haben sie gesprochen? Mit mir. Und jetzt Sie! Danke, dass Sie aus Deutschland kommen, um mich zu sehen!« Schon bald sammelt sich eine Menge: Alis Söhne und Töchter, ihre Kinder, ihre Kindeskinder, ein paar enge Freunde samt Ehepartnern, Freunde von Freunden mit einer Horde Kinder im Schlepptau. Natürlich finden nicht alle Platz im Raum, aber die Straße draußen geht auch. Hijabs in allen Schwarz-Weiß-Schattierungen bedecken die Frauengesichter, den Männern dagegen stecken alle möglichen Zigaretten zwischen den Lippen. »Ich«, sagt Ali, »wurde in Palästina geboren.« Die Anwesenden lauschen. Sie kennen die Geschichte, haben sie tausendmal gehört, aber sie noch einmal zu hören ist eine Freude.

Das wird ein langer Tag, wie ich schnell merke, denn Alis Geschichte beginnt 1948. Wir müssen sechzig Jahre abdecken. Ganz zu schweigen von den vielen Zuhörern, die vermutlich auch einiges zu erzählen haben. Vorsichtig erkläre ich Ali, dass mich die Entwicklung des Nahostkonflikts nicht interessiert. Ich will etwas über das Leben der Menschen in der Gegenwart wissen. Ich will keine Wiederholung seines Interviews mit al-Dschasira. Wird Ali mitspielen, oder wird er mir die Tür zeigen?