Anders kann man es nicht sagen: Der Mensch von heute hat eine Schattenphobie. Immer muss alles hell sein, immer sucht er das Licht, strebt nach Sonne. Und wehe, einer mag’s lieber dunkel und verhangen. Sofort heißt es: Der hat wohl einen Schatten. Ist nur ein Schatten seiner selbst. Führt ein Schattendasein. Verschattet! Überschattet! Reif fürs Schattenreich! Eine Phobie, wie gesagt. Und sie durchzieht nicht nur unsere Sprache.

Die Kunst allerdings ist schattenfroh. Ohne Schatten wäre sie nicht, sie kommt aus dem Schatten, sie ist aus ihm heraus geboren. So jedenfalls erzählt Plinius der Ältere die Geschichte vom Anfang der Malerei: als die Geschichte einer jungen Frau aus Korinth, die ihren Liebsten fest in den Armen hält und ihn gern für immer so hielte. Kurzerhand greift sie zum Stift und zeichnet seine Schattensilhouette an die Wand. Denn mag die Liebe auch flüchtig sein wie dieser Schatten, die Zeichnung bleibt.

Damit war die Kunst in der Welt: Mit dem Versuch, etwas festzuhalten, was sich nicht festhalten lässt. Und wenn man sich das Bild ansieht, das Joseph Benoît Suvée 1791 von dieser Urszene gemalt hat, dann war es ein Moment der Furcht und des Staunens. Ängstlich schaut der Geliebte drein, ganz so, als könnte ein Zipfel seines Schattens und also seiner selbst an der Wand hängen bleiben. Zugleich ist er verwundert, er sieht, was ihm sonst so selbstverständlich erscheint, dass er es übersieht: seinen Schatten. Und fragt sich, wie dieses flüchtige Ding wohl zum Abbild seiner selbst werden kann.

Doch so seltsam es scheinen mag: Kunst und Schatten sind tatsächlich innig verbunden. Das fängt schon damit an, dass Kunst sich der Wirklichkeit verdankt, auch wenn sie nicht wirklich ist. Ganz wie der Schatten, der sich dem Menschen verdankt, ohne je der Mensch zu sein. Der Schatten gehört zu ihm, untrennbar. Und doch kann der Mensch ihn nicht besitzen, nicht einfangen, nicht beherrschen.

Schattenbilder sprechen miteinander, über die Jahrhunderte hinweg

Dieses Eigenwillige, diese geradezu metaphysische Form der Unverfügbarkeit hat die Künstler natürlich fasziniert. Viele begriffen den Schatten gar als Metapher ihrer Kunst – und malten ein ums andere Mal das korinthische Mädchen und seinen Liebsten. Im Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid ist nun ein eigener Saal mit diesen Inbildern der Malereigeschichte bestückt. Und nicht nur das: Die gesamte Ausstellung widmet sich den Schattenspielen der Kunst. Sie zeigt mit über 150 staunenswerten Bildern, wie sehr sich die Künstler über die Jahrhunderte hinweg für Schlag-, Halb- und Binnenschatten begeistern konnten – und wie sehr sie sich damit herumplagten.

Manche empfanden den Schatten geradezu als Fluch. Schon aus ganz praktischen Gründen zogen sie diffuses Licht vor, denn wenn die Dinge Schatten werfen, wird das Malen schrecklich kompliziert. Dann muss der Maler eine Lichtquelle ausweisen, manchmal auch zwei oder drei. Muss bestimmen, in welchem Winkel das Licht einfällt. Und wie der Schatten fällt und worauf, ob er womöglich andere Dinge im Bild überschattet, sich gar mit anderen Schatten kreuzt.