In ihrem Alter ist es nicht cool, aufgeregt zu sein. Aber ein bisschen nervös sei sie schon, sagt Lena. Schließlich trägt man mit elf Jahren nicht alle Tage ein Theaterspiel vor – auf Englisch und Französisch, vor mehr als 50 Zuschauern. Fast zwei Monate lang haben das Mädchen und ihre drei Klassenkameraden den Auftritt vor Eltern, Lehrern und Mitschülern vorbereitet: Informationen gesammelt, die Dialoge geschrieben, an den fremden Vokabeln gefeilt. »In der Woche vor der Aufführung haben wir fast nichts anderes gemacht«, sagt das Mädchen. Für das Rollenspiel gibt es nicht einmal Zensuren. »Doch für die Schüler ist die Präsentation wichtiger als jedes Zeugnis«, sagt Schulleiterin Ortrud Meyhöfer.

Sie selbst hat ganz ähnliche Prioritäten. Wenn die Schüler der Voltaire-Schule vor Publikum ihr »Monatsthema« vorstellen, dann präsentieren sie zugleich das Ergebnis eines pädagogischen Experiments: So stellen sich die Lehrer der Potsdamer Gesamtschule den Unterricht der Zukunft vor. »Wir müssen den Schülern mehr Chancen geben, ihre individuellen Talente zu entfalten«, sagt Meyhöfer. Seit einiger Zeit erprobt die Voltaire-Schule in den unteren Klassen deshalb ein neues Konzept. Mehrmals im Jahr stimmen Lehrer ihre Stunden aufeinander ab und einigen sich auf ein gemeinsames Thema. »BerlinLondonParis« hieß das Motto vor Kurzem, das Deutsch, Französisch, Englisch und Kunst verband. Die Schüler erarbeiten ihr Projekt über mehrere Wochen weitgehend eigenständig. »Unterricht, in dem alle das Gleiche machen, wird immer mehr der Vergangenheit angehören«, sagt die Rektorin.

Die Schule entdeckt den einzelnen Schüler. Ob auf Fortbildungen oder Lehrerkonferenzen, in bildungspolitischen Statements oder wissenschaftlichen Vorträgen: Kein Thema steht derzeit so häufig im Mittelpunkt wie die »Individualisierung des Unterrichts«. Was bislang nur an Vorzeigeschulen und einigen deutschen Grundschulen gelingt, sollen bald alle Lehranstalten des Landes können: die Unterschiede der Schüler als Vorteil anstatt als Belastung zu betrachten.

Nicht mehr der »imaginäre Durchschnittsschüler«, sagt der Schulforscher Andreas Helmke, gelte als Leitbild der Lehrer. In Zukunft soll ihr Unterricht die Talente und Interessen des Einzelnen fördern. In Nordrhein-Westfalen könnten Eltern seit Kurzem sogar einen solchen Unterricht für ihr Kind einklagen. Gleich im ersten Satz verspricht das neue Schulgesetz des Landes »individuelle Förderung« für jeden.

Wenn es nur so einfach wäre! Hinter dem bildungspolitischen Appell steckt der Aufruf zu einer Revolution im Klassenraum. Bisher gilt dort das Gesetz der pädagogischen Einfalt. Vorn steht ein Lehrer, der nach einem Lehrplan und einem Notenraster eine Gruppe beschult. Nun soll der Unterricht plötzlich der Vielfalt frönen. »Das ist ein Generationenprojekt«, sagt Kurt Reusser, Didaktikprofessor an der Universität Zürich.

Manche können lesen, andere erkennen nicht einmal einzelne Buchstaben

Der Ruf nach stärker differenziertem Lernen hat viele Gründe. Das gute Abschneiden der deutschen Grundschulen durch individualisiertes Lernen bei internationalen Leistungstests gehört dazu; ebenso Veränderungen der Schulstruktur in einigen Bundesländern . Auch Befunde der modernen Lernpsychologie stützen die Erkenntnis, dass Lehrer am erfolgreichsten sind, wenn sie Schüler zur Eigenständigkeit anregen.