Quelle: Prof. C. Solzbacher, Befragung v. Lehrern der Sekundarstufe IDer Plan ist höchst ambitioniert: Geht es nach der Hamburger Bildungsbehörde, sollen Lehrer aus jeder zweiten Schule der Hansestadt im kommenden Jahr wieder selbst die Schulbank drücken. Auf dem Stundenplan steht vorranging ein Fach: die Individualisierung des Unterrichts. Anlass der Fortbildungsoffensive ist der Umbau der Schulstruktur, die der schwarz-grüne Senat plant. Die Grundschule soll auf sechs Jahre verlängert werden. Gleichzeitig müssen sich alle weiterführenden Schulen außer den Gymnasien zu Stadtteilschulen zusammenschließen.

Rheinland-Pfalz, Berlin oder Bremen planen ähnliche Reformen; in Schleswig-Holstein entstehen zugleich Gemeinschaftsschulen, eine veränderte Form der alten Gesamtschule. Doch egal, wie die neuen Institutionen heißen: Die Lehrer müssen in Zukunft mit wachsenden Leistungsunterschieden zwischen den Schülern zurechtkommen. Mit dem alten Belehrungsunterricht wird ihnen dies kaum gelingen. Doch andere Lernmethoden sind noch die Ausnahme.

Die Kultusbehörden versuchen, die Pädagogen deshalb auf die neue Wirklichkeit im Klassenzimmer vorzubereiten. In Hamburg sollen die Lehrer in didaktischen Werkstätten lernen, wie sie neue Aufgaben entwickeln oder ihre Schüler an das selbstständige Arbeiten heranführen. Die Fortbildung erfolgt nicht mehr außerhalb der Schule. Die Methodentrainer kommen in die Lehrerzimmer und schulen dort das gesamte Kollegium.

Auch die Gymnasien werden in Zukunft den einzelnen Schüler stärker in den Blick nehmen müssen. Zumindest in den Großstädten ist aus der einstigen Eliteanstalt eine Gesamtschule der Mittelklasse geworden, auf die nach der Grundschule rund fünfzig Prozent aller Kinder wechseln. Bislang haben sich viele Gymnasien der unliebsamen Schülerflut durch Nichtversetzung in die höheren Klassen entledigt. Doch in allen Bundesländern wächst der Druck, die Zahl der Sitzenbleiber zu reduzieren, keine Jugendlichen mehr herunterzustufen und dem Leistungsgefälle mit einem stärker differenzierenden Lernen besser gerecht zu werden. Umbau der Schulstruktur oder Verbesserung des Unterrichts – darüber stritten Bildungspolitiker nach dem Pisa-Schock. Eine moderne Schulpolitik, das zeigt sich, wird beides miteinander verbinden. SPI