Unterricht Die Grenzen der Individualisierung
Ein Gespräch mit Tina Seidel, Professorin für Pädagogische Psychologie am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Jena
DIE ZEIT: Frau Seidel, Sie haben im vergangenen Jahr als erste Deutsche den Forschungspreis der American Educational Research Association erhalten, eine Art Nobelpreis der Bildungswissenschaften. Was haben Sie herausgefunden?
Tina Seidel: Mit meinem Kollegen Richard J. Shavelson aus Stanford habe ich sämtliche Studien über effektiven Unterricht angeschaut, die in den vergangenen zehn Jahren weltweit erschienen sind. Dabei zeigte sich, dass Lehrmethoden, die den einzelnen Schüler in den Mittelpunkt stellen, effektiver sein können als ein traditioneller, vom Lehrer dominierter Unterricht, und zwar sowohl im Hinblick auf die Motivation der Schüler als auch auf ihren Lernzuwachs.
ZEIT: Ist also stärker individualisiertes Lernen traditionellem Unterricht per se überlegen?
Seidel: Es kommt wie immer auf die Qualität an. Ein guter Unterricht ist klar strukturiert, stellt den Schülern immer wieder neue Herausforderungen und zeigt ihnen, wo sie im Lernprozess stehen. Diese Ziele kann man im Frontalunterricht erreichen wie im offenen Unterricht. Lange Zeit wurden die modernen pädagogischen Konzepte proklamiert, ohne die Auswirkungen auf die Leistungen zu messen. Man meinte, sie seien an sich effektiver. Das stimmt jedoch nicht.
ZEIT: Sie können sogar schaden, wie Sie in einer Sonderauswertung der Pisa-Daten zeigen.
Seidel: Das stimmt. Wir haben verschiedene Stile des Physikunterrichts verglichen. Den meisten Spaß hatten Schüler bei einem Unterricht, in dem sie viel experimentieren durften. Leider schnitten diese Schüler am schlechtesten im Pisa-Test ab. Es scheint sie zu überfordern, wenn sie vom Aufbau des Experiments über die Durchführung bis zur Analyse der Ergebnisse alles selbst machen.
ZEIT: Welcher Stil war am erfolgreichsten?
Seidel: Ein Unterricht, der verschiedene Methoden wohldosiert mischte, wo der Lehrer also weiter eine wichtige Rolle spielte, die Schüler aber auch selbst aktiv werden konnten. Wichtig ist die Balance.
ZEIT: Wo sehen Sie Nachholbedarf?
Seidel: Sicherlich beim selbstständigen Lernen. Denn das kommt nach allem, was wir wissen, immer noch viel zu kurz. Man darf jedoch nicht unterschätzen, wie tief verankert die Unterrichtsroutinen von Lehrern sind. Diese zu verändern erfordert viel Mühe.
Das Gespräch führte Martin Spiewak
- Datum 23.03.2009 - 10:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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