Am stärksten stellt die wachsende Vielfalt im Klassenzimmer das alte Pauken im Gleichschritt infrage. Schon bevor Kinder die Schule betreten, sind die Unterschiede enorm. Zwischen Jungen und Mädchen, schnellen und langsamen Lernern, Einwandererkindern und Einheimischen. Während die einen bereits lesen können, erkennen die anderen nicht einmal einzelne Buchstaben. Von Jahr zu Jahr driften die Schüler weiter auseinander. Diese wachsende Heterogenität, meint der Pisa-Forscher Jürgen Baumert, sei die größte pädagogische Herausforderung der Zukunft.

Hundert Jahre Reformpädagogik haben den Unterricht kaum verändert

In der Vergangenheit kannte die deutsche Schule vor allem eine Antwort auf die Ungleichheit der Schüler: ihre frühe Aufteilung auf Gymnasium, Real- und Hauptschule. Bis heute leben viele Lehrer mit der Illusion, vor einer homogenen Klasse zu stehen. Fast zwangsläufig ergibt sich daraus das didaktische Mittel der Wahl: klassischer Frontalunterricht, der alle Schüler gleichzeitig anspricht.

Mehr als hundert Jahre Reformpädagogik – von Jenaplan über Montessori bis hin zu Waldorf – haben dem lehrergeführten Ganzklassenunterricht wenig anhaben können. Wissenschaftliche Abhandlungen über »Binnendifferenzierung« und »kooperative Lernformen«, die seit den siebziger Jahren die didaktische Literatur beherrschen, haben die traditionelle Unterrichtsform kaum erschüttert.

Dabei zeigten schon immer einzelne Schulen, wie es auch anders geht. Jedes Jahr krönt der Deutsche Schulpreis die besten Werkstätten der Neugier. Die Bodensee-Schule in Friedrichshafen zum Beispiel, wo sich die Schüler morgens selbst mit dem Lernstoff versorgen. Oder die Montessori-Schule in Potsdam, in der Lehrer die Tafeln aus den Klassenräumen verbannt haben, da sie Pädagogen zu zeigefingersteifer Belehrung verführen.

Bislang jedoch strahlen diese Leuchttürme des Lernens einsam vor sich hin. Das legen Videostudien von typischen Unterrichtssituationen nahe. Schulforscher vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel dokumentierten den Physikunterricht an Gymnasien und Realschulen. Dabei habe man eine »überaus starke Dominanz des Lehrers« festgestellt, berichtet Tina Seidel, Mitautorin der Studie. Egal wie groß die Klasse war oder wie weit die Leistungen der Schüler auseinanderlagen – die Monokultur des Lehrers als Alleinunterhalter zog sich durch alle Aufnahmen. Eine Studie zum Englischunterricht ergab, dass pro Unterrichtsstunde alle Schüler zusammen genommen nur elf Minuten reden. Die Hälfte der 45 Minuten spricht der Lehrer.

Die Befunde werden von der Osnabrücker Schulforscherin Claudia Solzbacher bestätigt. Sie befragte Lehrer zu ihrem Unterrichtsstil. Zwar bezeichnen alle Pädagogen die »individuelle Förderung« als wichtiges Ziel. Doch die meisten probieren alternative Unterrichtsformen allenfalls »hin und wieder« aus. Noch am weitesten verbreitet scheinen Nachhilfestunden für lernschwache Kinder und Jugendliche zu sein. Sie stehen in vielen Bundesländern mittlerweile auf dem offiziellen Lehrplan. Sämtliche Schüler individuell zu fördern halten jedoch rund 90 Prozent der Befragten für unmöglich. »Von einer veränderten Lernkultur sind wir noch weit entfernt«, resümiert Solzbacher.