Doch nun machen die Bildungsministerien Druck. Als wichtiges Instrument des Wandels dient ihnen die Schulinspektion. In vielen Bundesländern bewerten seit einiger Zeit Inspektoren – Kultusbeamte, ehemalige Schulleiter oder Lehrer – die Schulen. Auch die Voltaire-Schule in Potsdam erhielt vor zwei Jahren Besuch. Drei Tage lang streiften die Experten durch Klassen und Lehrerzimmer. Mit dem anschließenden Zeugnis konnte die Gesamtschule zufrieden sein. Das Schulklima und die Zusammenarbeit mit den Eltern erhielten Bestnoten, das Engagement der Lehrkräfte sei vorbildlich. Nur einen Kritikpunkt gab es: Die Schule, hieß es im Inspektionsbericht, berücksichtige »Niveauunterschiede der Schüler« zu wenig. Zu häufig langweilten sich gute Schüler, oder Leistungsschwächere kämen nicht mit.

»Völlig überraschend kam das Urteil nicht«, sagt Schulleiterin Meyhöfer. Zwar bietet die Schule seit Langem Nachhilfe in Mathematik und Deutsch an, für die Besten gibt es Zusatzstoff am Nachmittag. Im Unterricht jedoch hatte sich nur wenig getan. Das sollte sich nun ändern, die neuen Klassen machten den Anfang.

Schon der Fünftklässler weiß, wann er reif ist für die Prüfung

Montagmorgen, in der Sechsten steht Englisch auf dem Stundenplan. Der erste Schultag nach dem großen Auftritt. Die Schüler müssen ihre Arbeit der vergangenen sechs Wochen bewerten: Kann ich jetzt auf Englisch einen Weg beschreiben? Beherrsche ich das present perfect? Was muss ich bei meiner nächsten Präsentation anders machen? Lena beantwortet die Fragen auf Englisch, ihr Nachbar schafft es nur auf Deutsch. »Gerade in Englisch sind die Unterschiede riesig, mit denen die Kinder aus der Grundschule kommen«, sagt Lehrerin Stefany Hummel. Da verbiete es sich, allen das identische Programm anzubieten.

Nach 20 Minuten sind die Ersten mit der Auswertung fertig und wenden sich den Übungen zu. Stefany Hummel hat dafür unterschiedlich schwierige Aufgaben erstellt und auf verschiedene Schachteln verteilt. Immer wieder gehen die Kinder nach vorn und nehmen sich einen neuen Zettel. Obwohl die Schüler ständig in Bewegung sind, bleibt es erstaunlich ruhig. Nur ganz selten muss die Lehrerin jemanden zum Weitermachen ermahnen. Denn jeder weiß: Wer das Mindestpensum an Aufgaben nicht schafft, muss zu Hause nacharbeiten.

Nicht alle Stunden verlaufen so selbstbestimmt, erklärt Stefany Hummel. Muss sie ein neues Kapitel englischer Grammatik einführen, erklärt sie es allen Schülern klassisch an der Tafel. Als es jedoch nach neunzig Minuten zur großen Pause klingelt, hat kaum eines der 25 Kinder zum gleichen Zeitpunkt das Gleiche gemacht.

Mit zwei Schülern hat Hummel im Nebenraum sogar einen mündlichen Englischtest absolviert. Schon Fünftklässler lernen sich selbst einzuschätzen, dabei helfen ihnen sogenannte Kompetenzraster. Sie führen detailliert das Lernpensum in einem Halbjahr auf. Fühlen die Kinder sich in einer Lektion sicher, melden sie sich zur Prüfung. »Das erfordert von ihnen viel Selbstständigkeit«, erklärt Hummel – und von den Lehrern einen guten Überblick. »Manchmal möchte man sich dreiteilen, um alle Schüler genau zu beobachten.«