Der individualisierte Unterricht stellt hohe Anforderungen an die Lehrer. Sie müssen nicht nur neue didaktische Methoden beherrschen, sondern auch die einzelnen Schüler richtig einschätzen können. Warum erfasst der eine Textaufgaben in Mathematik nicht angemessen? Wer soll in einer Kleingruppe gemeinsam Aufgaben bearbeiten, und wer lernt besser allein? Wo sind bei wem Schwerpunkte in der Förderung zu setzen? »Viele Lehrer sind mit solchen Fragen überfordert«, glaubt Rainer Watermann, Schulforscher von der Universität Göttingen. So waren nur wenige Schüler, die bei Pisa weit unter dem Durchschnitt abschnitten, zuvor von ihren Lehrern als schlechte Leser identifiziert worden.

Ohnehin wird die Bedeutung des Lehrers im individualisierten Unterricht häufig unterschätzt. Er sei nur ein Moderator, heißt es, er halte sich zurück. »Dabei ist er höchst aktiv«, sagt der Kasseler Erziehungswissenschaftler Frank Lipowsky. Der Lehrer steuert die Stunde im Hintergrund, passt die Methoden den Schülern an, wechselt immer wieder von Phasen der Freiarbeit zum Lehrergespräch.

In ihrer Ausbildung lernen deutsche Pädagogen all dies bis heute kaum. Schulbücher und Unterrichtsmaterial, die verschiedene Aufgabenniveaus bedienen, gibt es bislang nur für die Grundschule. Die Lehrer müssen sie häufig selbst erstellen. Das geht am besten im Team. Denn im traditionellen 45-Minuten-Takt, isoliert nach einzelnen Fächern, funktioniert das individualisierte Lernen nur schwer. Steht an der Voltaire-Schule etwa ein Monatsthema an, bedeutet dies für die betroffenen Kollegen viele Sitzungen an Nachmittagen und Zusatzarbeit am Wochenende. »Der Aufwand ist gerade in den ersten Jahren enorm«, bestätigt Schulleiterin Ortrud Meyhöfer.

Klassen mit mehr als 30 Schülern machen das Fördern schwer

Zudem erfordert das neue Lernen gute Bedingungen. Kleine Klassen lassen sich einfacher im Blick behalten als große. Gruppenarbeit lässt sich besser organisieren, wenn ein zweiter Raum zur Verfügung steht. Die Voltaire-Schule hat besondere Ressourcen und die besten Lehrer in die Anfangsklassen gesteckt. Doch wenn die Erneuerung des Lernens in den höheren Stufen gelingen soll, muss dies unter normalen Bedingungen geschehen – nicht nur in Potsdam, sondern in allen Schulen. Mit Klassen von 30 Schülern und nur durchschnittlich engagierten Pädagogen, deren Routinen sich über Jahrzehnte eingeschliffen haben und die nicht daran glauben, dass man jedem Schüler gerecht werden kann.

»Individuelle Förderung setzt eine professionelle Haltung voraus«, sagt Claudia Solzbacher. »Fehlt diese, wird es schwer.« Auf eines jedoch können sich die Reformer verlassen: Schüler, die selbstständigeres Lernen kennen, werden es später einfordern. Weil es sie ernst nimmt und anregender ist. »Unser Unterricht ist fast nie langweilig«, findet Lena. Ein größeres Lob kann eine Elfjährige kaum aussprechen.

Weitere Informationen
Bundesministerium für Bildung und Forschung:
Individuelle Förderung und An den Stärken ansetzen
Netzwerk: Lehren und Lernen in heterogenen Gruppen