Auslandsstudium Die Suche nach dem Obama-Faktor

Früher waren die USA ein Lieblingsziel deutscher Austauschstudenten. Dann kam George W. Bush. Bringt der neue Präsident die Trendwende?

Barack Obama im Gespräch mit Studenten

Barack Obama im Gespräch mit Studenten

Da saß Marcel Thoene nun auf der Couch seiner WG in Albany, New York, mit Freunden, Cheesecrackern, Bier und mit seinen Eltern, die während seines Austauschjahres zu Besuch gekommen waren. Sie sahen die Übertragung der Wahlnacht im Fernsehen, den lässigen Jubel Obamas, den alten McCain, der den guten Verlierer gab, und Thoene konnte, obwohl er Obama seinen »klaren Favoriten« nennt, die messianische Heilserwartung, die viele Amerikaner in ihren künftigen Präsidenten legten, nicht so recht nachvollziehen.

Dann sah er in das fassungslose Gesicht seines afroamerikanischen Mitbewohners. Dann sah er, wie eine Freundin anfing, vor Glück zu heulen. Und plötzlich verstand der deutsche Student, Graduate Student der amerikanischen Literatur, sein Gastland irgendwie gar nicht mehr. Und irgendwie besser als je zuvor.

Acht Jahre Bush-Administration hatten die Sympathie vieler Deutscher zuvor auf eine lange, harte Probe gestellt – der Unilateralismus der USA, die Entrechtung der Insassen von Guantánamo, die störrische Haltung zum Klimaschutz haben gezeigt, wie sehr sich die Werte Europas und der USA voneinander unterscheiden. Am Ende blieben sogar die deutschen Studenten weg: Im Hochschuljahr 2006/07 lag die Zahl aller in den USA studierenden Deutschen laut dem Institute of International Education um 14,5 Prozent unter dem Wert von 2000/01.

Den Sieg Barack Obamas bei den Präsidentschaftswahlen im vergangenen November empfanden schließlich auch hier in Deutschland viele Menschen als einen persönlichen Triumph. Doch wenn die Deutschen die USA jetzt wieder lieben dürfen, interessieren sich dann auch wieder mehr Studenten für ein Austauschjahr?

»Die Ursachen für diesen (negativen) Trend sind sicherlich vielfältig und neben den immer noch relativ hohen Kosten und einer verbreiteten amerikaskeptischen Stimmung spielt wahrscheinlich auch die zunehmende Attraktivität anderer Zielorte eine wesentliche Rolle«, heißt es dazu im Jahresbericht des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) von 2007. Die Zahl der weltweit vom DAAD geförderten deutschen Wissenschaftler und Studenten ist zwischen 2002 und 2007 von 18700 auf 21327 gestiegen, während die Zahl der nach Nordamerika gesandten Studenten und Wissenschaftler von 3127 auf 3034 gesunken ist. Und 2008?

»Aufgrund der gestiegenen Zahlen bei unseren letzten Deadlines für Jahres- und Semesterstipendien könnte man ein wachsendes Interesse vorsichtig annehmen«, interpretiert Gabriele Knieps vom DAAD. Zwar liegen präzise Zahlen nur über die Zahl der Geförderten, nicht über die der Bewerber vor, doch beides zeige ungefähr in dieselbe Richtung. Bei Fulbright sieht es laut Charlotte Securius-Carr so aus: »In den studentischen Stipendienprogrammen lagen der Fulbright-Kommission für das amerikanische Studienjahr 2008/09 seinerzeit 750 Bewerbungen vor, für das kommende Studienjahr 2009/10 sind es insgesamt 792 Stipendienanträge.« Sowohl für den DAAD als auch für Fulbright gilt somit: Es zeichnet sich vielleicht eine Tendenz ab, ein Trend ist es noch nicht.

Eindeutiger ist der Eindruck von Harald David vom Referat Internationale Angelegenheiten von der Ludwig-Maximilians-Universität München: »An unserer Universität gibt es definitiv keinen Obama-Faktor. Die Bewerberzahlen sinken eher etwas.« Im vergangenen Jahr etwa habe seine Universität sieben Austauschstudenten an die American University in Washington DC geschickt, in diesem Jahr nur drei. Und: Die Zahl der Austauschplätze nehme ab, manche Programme lägen gar auf Eis.

Denn bei den bilateralen Programmen mit US-amerikanischen Universitäten gilt: Die Partneruni stellt nur dann Studienplätze zur Verfügung, wenn im Gegenzug amerikanische Studenten an eine deutsche Hochschule kommen. Von denen interessieren sich aber nicht genügend dafür. »Die deutsche Sprache wird als weniger wichtig erachtet«, sagt David, »und das englischsprachige Lehrangebot an den hiesigen Universitäten ist noch nicht umfassend genug für ausländische Studierende.«

Umgekehrt gibt es ein steigendes Interesse deutscher Studenten an europäischen Studienprogrammen, vor allem dann, wenn es mit der Anerkennung der im Ausland erbrachten akademischen Leistungen an der Heimatuni klappt. Das wird durch die Vereinheitlichung von Prüfungsanforderungen im Rahmen des Bologna-Prozesses innerhalb Europas erheblich vereinfacht. Das steigert das Interesse an einem europäischen Auslandsaufenthalt, gerade weil deutsche Studenten immer stärker auf ihre Studiendauer achten.

Hinzu kommt, dass es an vielen US-Unis eine Prioritätenverschiebung gibt. Aus asiatischen Ländern kommen viel mehr Studenten in die USA als aus europäischen. Das Institute for International Education teilt für das akademische Jahr 2007/08 stolz ein »all time high« ausländischer Studenten mit: Ihre Zahl sei 2008 um sieben Prozent gestiegen, Neueinschreibungen gar um zehn Prozent, wobei die drei größten Entsendeländer gar 13, 20 und 11 Prozent mehr Studenten als im Vorjahr schicken: Indien, China und Südkorea.

Das einzige nicht-asiatische Land unter den Top Fünf ist Kanada. Deutschland liegt mit immerhin drei Prozent mehr Studenten als im akademischen Jahr davor auf Platz 12, aber noch hinter der Türkei, Saudi-Arabien und Nepal. Auch in Zahlen ist der Abstand enorm: Deutschland entsandte 2007/08 8900 Studierende, Südkorea 69100.

Die Analyse der längerfristigen Zahlen zeigt im Fall der Fulbright-Kommission, dass die Schwankungen der vergangenen Jahre nicht erheblich waren. Laut Securius-Carr halten sich die Bewerberzahlen seit 2005 »auf einem niedrigen Niveau recht stabil«. So wenig wie einen Obama- scheint es bei Fulbright einen Bush-Faktor oder Clinton-Faktor gegeben zu haben, denn über die Jahre hinweg sind die Bewerberzahlen laut Charlotte Securius-Carr von der Fulbright-Kommission im Großen und Ganzen stabil geblieben.

In den Bewerbungsschreiben, die sie lese, werde kaum kritisch auf transatlantische Spannungen eingegangen; »es ist noch immer viel vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Rede«. Auch seien das gute Renommee vieler US-Hochschulen und die Verbesserung der Arbeitsmarktchancen, die sich Studenten von einem Auslandsaufenthalt versprechen, wichtiger als Dissonanzen auf politischer Ebene.

Fulbright-Stipendiat Marcel Thoene ergänzt, dass das Klima auf dem Campus ohnehin deutlich liberaler sei als im übrigen Land. »Cheneyartigen Menschen begegnet man hier nicht.« Er studiert seit August 2008 in Albany und findet das Land gerade aufgrund seiner Gegensätze spannend. Man müsse sich nicht unbedingt mit dem identifizieren, was einem während eines Austauschjahres begegne. Die politische Lage jedenfalls habe seine Entscheidung, sich zu bewerben, weder positiv noch negativ beeinflusst. Spannende Zeiten also – was Grund genug sein sollte, sich zu bewerben.

Einigen Austauschstudenten macht derzeit allerdings die wirtschaftliche Lage zu schaffen. Der Umrechnungskurs hat USA-Aufenthalte in den letzten Jahren nicht nur für Touristen, sondern auch für Studenten erschwinglich gemacht. Damit ist es vorbei, und die Finanz- und Wirtschaftskrise könnte zu einem ernsten Problem werden – zum Teil ist sie das schon für jetzige Studenten. Auch Thoene hat das zu spüren bekommen. Die State University of New York, an der er studiert, hat die Studiengebühren erhöht, und zwar während des laufenden Semesters. Das ist ziemlich ungewöhnlich. Für Thoene stiegen die Kosten um rund 1200 Dollar, von 6440 Dollar für das Fall Term 2008 auf 7660 Dollar für das Spring Term 2009.

Die Gelder für die State University of New York sowie für die City University of New York wurden um 348 Millionen Dollar gekürzt. Begründung: Leere öffentliche Kassen. Die private Brandeis University traf es sogar noch schlimmer: Sie hat viel Geld in Immobilieninvestments verloren, ist mit 256 Millionen Dollar verschuldet, und ihr wichtigster Spender ging dem Finanzbetrüger Bernard Madoff auf den Leim.

Die Fulbright-Kommission ist Thoene und ihren anderen Austauschstudenten beigesprungen und hat die gestiegenen Kosten übernommen. Welche Auswirkungen die Krise aber mittelfristig für Stipendiengeber wie Fulbright haben könnte, ist laut Securius-Carr noch unklar. Es könnte sein, dass die Studenten weniger Geld bekommen – oder dass weniger Studenten entsandt werden können. »Wir stellen uns jedenfalls darauf ein, dass amerikanische Universitäten weniger Gegenstipendien gewähren. Wir sind selbst gespannt, wie sich die Dinge entwickeln werden.«

 
Leser-Kommentare
    • Anne S
    • 03.03.2009 um 11:11 Uhr

    Die privaten Unis haben lieber Studenten, von denen sie wenig Geld bekommen, weil sie ihnen hoehere Stipendien gewaehren, als freie Plätze, an denen sie gar nichts verdienen. In dem Falle muessten sie naemlich Lehrende entlassen, Kurse streichen oder geplante Erweiterungen auf Eis legen.
    Mehr dazu unter: http://www.nytimes.com/20...

    • hanau
    • 03.03.2009 um 13:49 Uhr

    wer braucht sie?
    In Albany, NY?

    Wozu?

    Ja, es mag mehr Spass machen, "anderswo" rumzutuemmeln. Aber es nuetzt niemandem.
    Vor allem wenn es nicht mit eigenem Geld bezahlt wird.

    Und was soll all das mit der Politik zu tun haben?
    Gibt es nicht genug Ablenkungen schon bei den UNIs?
    Es ist ja mehr Spass, die Welt zu ueberzeugen, dass Erwachsene wenig wissen, dass sie von schlauen Studenten belehrt werden muessen. Vor allem im Ausland.
    Wenigstens mehr Spass als etwas zu lernen!

    Nein, leider ist es nicht wahr, dass das Alter einen von der Dummheit schuetzt. Aber es ist auch nicht wahr, dass man nach 20 jedes Jahr schnell immer duemmer wird.

    Andreas, was Sie beschreiben, fuer was Sie sich einsetzen, ist nur Zeitverschwendung, einfach Quatsch (nicht nur Unsinn).

    Ja, man soll "studieren" auf der UNI. Alles moegliche. Nicht nur was einem helfen wird, zu lernen was man braucht um eine Familie nicht nur zu gruenden sondern fuer sie ein gutes Leben zu verschaffen. Mit Arbeit.

    Aber, waere es nicht viel besser, man zielt in solchen "Geschichten" ueber Schulen und besonders UNIs mehr auf den Zweck einer Schule, nicht auf die Gelegenheiten, die meistens nur ablenken.
    Aber dann Journalisten, fuer sie kann man verstehen, dass "Austausch" und Diskussionen ueber "Nebensachen" letzten Endes die Hauptsache sind: Quatschen.

    PS. Noch was:

    a. Wie haben Sie sich Albany ausgesucht? Eine der ganz armen Gegenden im Land mit wenig Moeglichkeiten, gute Arbeit (ausser fuer Behoerden) zu finden! Konnte es Ihnen nicht einfallen, dass man vor Freude weinte, als Obama endlich gewaehlt wurde weil man nun wirklich erwarten kann, dass er den Aermsten es moeglich macht, die Reichsten und Maechtigsten zu werden?

    b. Waere es nicht viel mehr wert in Zeit und Geld (Ihr Gehalt!), wie man ein Wettrennen auf das Niedrigste vermeiden koennte, das oft passiert, wenn man auf "Gleichberechtigung" besteht?

    c. Oder warum Albany/"upstate" New York so viele Raetsel einem vorsetzt:
    1. Kann es sein, dort gibt es soviele Republikaner. weil wegen der schlechten Wirtschaft in dieser Gegend, Einwohner auf ihre Waffen bestehen, weil sie noch jagen muessen/wollen um besser zu essen?
    2. Warum, und wie kann es so weiter gehen, bezahlen 1 oder 2% der Einwohner des Staates NY beinah 50% der NY Steuern? Was wird werden, sollten sie (mehr (Soros-)Demokraten als (Bush-)Republikaner) Manhattan (das Gegenteil von Albany) verlassen weil es ihnen "zu teuer" wird?

  1. Die TSA ist sehr gut darin, auch Reisende aus EU-Staaten wie Verbrecher zubehandeln. Allein der Besitz eines neuen biometrischen Passes ist anscheinend verdächtig - fragt sich, wer auf der weltweiten Einführung der Dinger bestanden hat??? Machen Sie auch nicht den Fehler, im Flughafen LA Inglewood nach der Toilette oder einem Wassserspender zu suchen - sie bekommen sofort Gesellschaft von einem Verhaltenspsychologen der TSA!

    Meine letzte Einreise in die USA hat mir derart gefallen, dass ich zukünftig nur noch nach Kanada fliegen werde!

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    • hanau
    • 04.03.2009 um 0:15 Uhr

    Einen groesseren Gefallen koennten Sie mir nie tun.

    Hoffentlich werden Sie auch andere ueberzeugen, hier in den US nicht aufzutauchen, sondern -- sollten sie darauf bestehen, den Atlantik zu ueberqueren -- Mexico und/oder Kanada anstatt zu besuchen.

    Und bitte, vor allem: Bitte behalten Sie Ihre Studenten. Wir brauchen die Plaetze fuer Einwanderer und Besucher aus Asien.

    • hanau
    • 04.03.2009 um 0:15 Uhr

    Einen groesseren Gefallen koennten Sie mir nie tun.

    Hoffentlich werden Sie auch andere ueberzeugen, hier in den US nicht aufzutauchen, sondern -- sollten sie darauf bestehen, den Atlantik zu ueberqueren -- Mexico und/oder Kanada anstatt zu besuchen.

    Und bitte, vor allem: Bitte behalten Sie Ihre Studenten. Wir brauchen die Plaetze fuer Einwanderer und Besucher aus Asien.

    • hanau
    • 04.03.2009 um 0:15 Uhr

    Einen groesseren Gefallen koennten Sie mir nie tun.

    Hoffentlich werden Sie auch andere ueberzeugen, hier in den US nicht aufzutauchen, sondern -- sollten sie darauf bestehen, den Atlantik zu ueberqueren -- Mexico und/oder Kanada anstatt zu besuchen.

    Und bitte, vor allem: Bitte behalten Sie Ihre Studenten. Wir brauchen die Plaetze fuer Einwanderer und Besucher aus Asien.

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    Sie scheinen den Verdruss der EU-Touristen im Gegensatz zum US-Handelsministerium und dem US- Tourismusverband TIA relativ gelassen zu sehen. Vielleicht wäre die Frage, was man besser machen könnte, auch nicht schlecht?

    Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass auch die Einreise nach Russland eine Schikane ist. Nur - Russland ist kein Nato-Partner der USA im Gegensatz zu den meisten EU-Ländern.

    Whatever. Vielleicht ändert sich die Paranoia der TSA ja mit dem neuen Präsidenten Obama.

    Sie scheinen den Verdruss der EU-Touristen im Gegensatz zum US-Handelsministerium und dem US- Tourismusverband TIA relativ gelassen zu sehen. Vielleicht wäre die Frage, was man besser machen könnte, auch nicht schlecht?

    Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass auch die Einreise nach Russland eine Schikane ist. Nur - Russland ist kein Nato-Partner der USA im Gegensatz zu den meisten EU-Ländern.

    Whatever. Vielleicht ändert sich die Paranoia der TSA ja mit dem neuen Präsidenten Obama.

  2. 5. ...

    Sie scheinen den Verdruss der EU-Touristen im Gegensatz zum US-Handelsministerium und dem US- Tourismusverband TIA relativ gelassen zu sehen. Vielleicht wäre die Frage, was man besser machen könnte, auch nicht schlecht?

    Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass auch die Einreise nach Russland eine Schikane ist. Nur - Russland ist kein Nato-Partner der USA im Gegensatz zu den meisten EU-Ländern.

    Whatever. Vielleicht ändert sich die Paranoia der TSA ja mit dem neuen Präsidenten Obama.

  3. in knapp sechs Wochen das ganze Land transformiert hätte. Land und Leute sind ja nicht anders als im Jahr 2008. Und ich habe noch nicht gehört, dass die Einreisebestimmungen gelockert wurden. Man mag von Bush halten was man will, aber wegen ihm nicht in die USA zu reisen, zeugt eher von hiesiger Engsternigkeit.

    • Hipper
    • 09.03.2009 um 8:53 Uhr

    Und wie sieht es mit dem Studentenaustausch mit Dänemark, Japan und Dschibuti aus? Man soll es nicht glauben, aber es gibt auf der Welt auch noch andere Länder außer Deutschland und die USA (bzw. den anglophonen Staaten) - vorallem gibt es wesentlich wichtigere Themen im Zusammenhang mit den Sachgebieten Bildung & Studium.

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