Finanzkrise Der gute Banker
Hans Vontobel ist der älteste aktive Bankier der Schweiz – ein Millionär, der mit der Straßenbahn zur Arbeit fährt. In der Krise geht er hart mit seinen zügellosen Kollegen ins Gericht, die aus Egoismus Milliarden vernichteten
So sahen Schweizer Bankiers aus, als ihr Gewerbe noch nicht in Verruf geraten war. Die Haltung ist von weltläufiger Eleganz, der Blick aus blauen Augen so prüfend, dass man sogleich sein Schuldenkonto durchgeht. Diesem Herrn überlässt man sein Vermögen unbesehen. Er wird nicht auf einer Jacht oder einem Karibik-Golfplatz weilen, wenn es im Gebälk der Banken kracht.
Der äußere Eindruck täuscht nicht. Hans Vontobel sitzt, auch mit 92 Jahren, täglich um acht Uhr früh im Büro. Ist er zehn Minuten zu spät, plagt ihn das schlechte Gewissen. Abends gehört er zu den Letzten, die die Bank verlassen – besonders freitags, wenn mancher im Haus gern früher ins Weekend abhuscht. Beim Wandern nimmt er an Weggabelungen grundsätzlich den steileren Pfad. Beim Schwimmen im öffentlichen Hallenbad Zumikon zieht er exakte 60 Minuten seine Bahnen. So viel Selbstdisziplin lässt seine einzige Schwäche, den täglichen Screwdriver, Wodka mit Orangensaft, als schiere Taktik erscheinen, um das Grundsolide seiner Person zu unterstreichen.
Als ihn die Radio-Wirtschaftsjournalistin Susanne Giger im Sommer 2006 fragte, warum es noch keine Biografie über den ältesten aktiven Schweizer Bankier gebe, antwortete er: »Man kommt auf die Welt, und man geht von dieser, da braucht es kein Buch.« An seinem 90. Geburtstag änderte er die Meinung. Und so erscheint dieser Tage im Zürcher Römerhof-Verlag das Werk über den »Bankier, Patron, Zeitzeugen«*. Keine Auftragsarbeit, wie die Autorin betont.
Ein halbes Jahrhundert lang logierte die Vontobel-Bank an der Zürcher Bahnhofstraße, hinter einer mächtigen, von Säulen gestützten Steinfassade. Jetzt hat sie einen neuen Glaspalast bezogen, der, schier ohne Bodenhaftung, in einem Zürcher Verwaltungsviertel zu schweben scheint. Geradezu trotzig behauptet sich Hans Vontobels Mobiliar gegen die schimmernde Bürolandschaft. Die bleigerahmte Wappenscheibe hat den Umzug ebenso mitgemacht wie das grüne Sofa. Und wie der Schreibtisch, ein unverwüstliches Uraltmodell, an das sich nicht einmal ein Warenhausabteilungsleiter setzen würde.
Genauso unverändert hat Hans Vontobel die Verlegung überstanden. Auch im unbarmherzig gleißenden Licht des achten Stocks sitzt er wie immer da, die Fingerspitzen aneinandergelegt, die Beine übereinandergeschlagen. Für ihn ist die neue Umgebung nur »eine weitere Mode, wie es sie im Bankgewerbe alle zehn Jahre gibt«. Einzige Konstante in seiner 65-jährigen Bankierszeit: »Sämtliche acht Krisen, die ich erlebt habe, beruhten auf den gleichen Fehlern: Überschätzen der eigenen Möglichkeit und unvernünftiges Verteilen von Risiken.«
Seine Rebellion beschränkte sich darauf, nicht in den Golfclub einzutreten
Die jüngste Krise findet er die schlimmste; sie könnte dazu führen, dass gewisse Staaten pleitegehen. Logische Folge ist das Interesse, das das Ausland plötzlich an den in der Schweiz gehorteten Milliarden bekundet. »Wir stehen auch in Zukunft für das Bankgeheimnis ein, weil es die Privatsphäre des Kunden schützt. Freilich kennt nur die Schweiz den Unterschied zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug, und hier haben wir sicher Erklärungsbedarf.«
Das Bankwesen seiner ersten Jahre hat mit dem heutigen Banking so viel zu tun wie ein Passagierdampfer mit einem Highspeedflitzer. Besuchte der junge Hans Vontobel damals eine Bankfiliale auf dem Land, konnte es sein, dass er nur den Lehrling antraf: »Der Chef ist am Heuen.« Die Swiss Re wehrte seinen Vorschlag, Aktien zu kaufen, wie einen unanständigen Antrag ab. Die Pensionskassen verbaten sich entrüstet ausländische Wertpapiere. Bloß kein Risiko! Erst später rutschte die Schweiz, schier zufällig, ins Fach eines internationalen Finanzplatzes.
Heute preisen Schweizer Geldhäuser selbst hochspekulative Papiere als mega und super an. Ein Berater, dem das Geschäft zu unseriös ist, verliert seine Kunden. »Diese platzieren«, sagt Hans Vontobel, »auf vier Banken dieselbe Summe, und wer am Jahresende am schlechtesten abschneidet, wird gestrichen.« Blind übernehmen Banker und Anleger die amerikanischen Wertvorstellungen, die kurzfristige Ziele über die langfristigen setzen – für Vontobel »eine Kalberei«. Die Schweizer, als ehemalige Bauern, sollten doch wissen, »dass in der Natur die Dinge reifen müssen«.
Im Club der Schweizer Bankiersdynastien mit Namen wie Bär, Pictet und Sarasin gehören die Vontobels mit ihrem 1936 gegründeten Betrieb und 1300 Mitarbeitern zu den jüngsten und kleinsten. Klaglos gehorchte Hans Vontobel, als ihm sein Vater 1943 nach dem Jus-Studium befahl: »Du kommst zu mir.« In seiner Biografie sagt er: »Man wurde an eine Position gestellt und hatte diese auszufüllen.« Der Vater, der sich nach der kaufmännischen Lehre in einem Waisenhaus das Banken-Know-how selbst beigebracht hatte, verpasste keine Gelegenheit, seinem studierten Sohn zu zeigen, wer Herr im Hause war. Jeden Sonntagnachmittag ließ er Vontobel junior zum Rapport antreten. Häufig schanzte er ihm besonders undankbare Aufgaben zu. Arbeiten, die viel Zeit gekostet hatten, verschwanden ungelesen in seiner Schublade. Die Rebellion des Sohnes beschränkte sich darauf, lieber zu wandern, statt in den Golfclub seines Vaters einzutreten.
Kaum einfacher scheint Hans Vontobels Verhältnis zum eigenen Sohn Hans-Dieter zu sein; in seinem Büro stehen nur die Fotos der dritten Generation. Wer dereinst die Bank leiten wird, steht noch offen; Susanne Giger umkurvt in ihrem Buch das Thema rücksichtsvoll. Tatsache ist, dass Thronfolger Hans-Dieter nach teuren Fehlentscheiden, zusammen mit drei Spitzenmanagern, 2002 seinen Stuhl räumte. Heute züchtet er Pferde in Südfrankreich.
Auch andere Bankiers erkennen in der nächsten Generation nicht mehr ihresgleichen. Denn der Bankier, die einstige Elite unter den Wirtschaftsgrößen, ist zur aussterbenden Spezies geworden. Der Steckbrief, den Hans Vontobel von seinem Berufsstand zeichnet, gleicht einem Selbstporträt. »Der Bankier ist ein Mensch mit breitem humanitären Wissen und verschieden gelagerten Interessen, die es ihm erlauben, kritisch zu sein und das Maß nicht zu verlieren. Er kapriziert sich nicht darauf, möglichst viel Geld zu akquirieren, sieht sich als Teil des Ganzen und trägt entsprechende Verantwortung.« Zudem ist sich ein guter Unternehmer seiner Sache nie ganz sicher. »Stets zweifelt er ein bisschen an sich selbst.«
Heute haben die Banker das Sagen, denen jeder Zweifel fremd ist. Hans Vontobel nennt sie »Funktionäre, die nur in Zahlen und in ihrem Metier leben und gebannt auf den Quartals- und Halbjahresabschluss und die Zeugnisnoten der Presse warten. Zudem sind sie einem infantilen Ranglistendenken unterworfen: Alle wollen die Größten, die Nummer eins werden.« Als Bankster vernichten sie Milliarden und ruinieren die Weltwirtschaft, während sie sich selbst 10000-fränkige Duschvorhänge und Geburtstagsfeten leisten, auf denen antike Statuen Wodka urinieren. Und obwohl längst enttarnt, sitzen sie noch immer auf dem Podium als Herren des Universums und kanzeln aufmüpfige Aktionäre mit süffisanter Arroganz ab.
»Sie stehen mit Ihrer Meinung alleine da«, ließen ihn andere Bankiers wissen
Lange war Hans Vontobels persönliche Bescheidenheit eine ideale Waffe gegen Begehrlichkeiten und Forderungen aller Art gewesen. Schwierig, von einem Patron mehr Geld zu verlangen, der mit der Straßenbahn zur Arbeit fährt und am liebsten Bratwurst isst. Der noch immer in der einst vom Vater erworbenen Wohnung am Zürichberg wohnt, während die säulchenverzierten rosafarbenen Villen der Boni-Banker im steuergünstigen Kanton Schwyz wuchern.
Inzwischen freilich musste auch Hans Vontobel einsehen: Topshots kriegt nur, wer sie nach dem international üblichen Gehalts- und Bonisystem bezahlt. Das wird auch so bleiben, denn »die kommende Generation ist von der jetzigen erzogen worden«. Die Folge zeigte sich letzte Woche an der Vontobel-Bilanzpressekonferenz. 2008 sind die Ausgaben so massiv gestiegen, dass sich der Gewinn halbiert hat. Ein glanzloses Resultat, wenn auch weitaus besser als die Milliarden- und Millionenverluste der Groß- und Kantonalbanken, die auf der gleichen Wirtschaftsseite publiziert wurden. »Ich kann«, sagt Hauptaktionär Vontobel, »noch immer gut schlafen.« Verständlich. Keine andere Schweizer Privatbank besitzt eine Eigenkapital-Deckung von über 1,4 Milliarden Franken.
In Zeiten der geblähten Egos und der hemmungslosen Selbstbereicherung klangen Hans Vontobels Credos wie Sätze aus einem Erweckungsgottesdienst. Wahre Werte, predigte er an Lehrlingstreffen und an Universitäten, an Senioren-Nachmittagen und an Konferenzen, sind Fleiß, Demut, Integrität und Zuverlässigkeit. Kein Wunder, ließ man ihn in der Bankiervereinigung gerne wissen: »Herr Vontobel, Sie stehen mit Ihrer Meinung alleine da.« Und auch im eigenen Betrieb lächelte mancher über die Ansichten des Ehrenpräsidenten.
Inzwischen weiß die Welt, was die Bankenkrise verursacht hat: menschliche Gier und Schamlosigkeit. Dass er recht bekommen hat, lässt Hans Vontobel nicht triumphieren. Im Gegenteil: »Es macht mich traurig.« Tatsächlich ist auf seinem von Altersmilde weichgezeichneten Gesicht nicht der leiseste Anflug von Genugtuung zu sehen.
*
Susanne Giger: Hans Vontobel – Bankier, Patron, Zeitzeuge;
Römerhof Verlag, Zürich; 208 S., 38 sFr.
- Datum 03.03.2009 - 14:20 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
- Kommentare 5
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Ja klar, so hat vieles mal angefangen.
Aus der Erfahrung das steigende Märkte auch hässlich fallen können wurde man weise. Waren es, zumindest in den Industrienationen, einst die Hungersnöte welche zur Vernunft gewzungen haben und die Menschen respektvoll und sparsam leben liessen... So steht den Bubbles, auch wieder in den reichen Industrienationen, soweit nicht's mehr im Wege sich komplett irrational zu verhalten... auch bzw. nur auf kosten anderer, nicht in den irrationalen Märkten partiziperenden.
Leider sieht es bis heute so aus wie wenn die Gierigen und Unersättlichen, gestärkt durch die +20 Jahre ewährende Neoliberale Ideologie, am liebsten so weiter machen können sobald sich die nächste Gelegenehit ergibt.
Bisher sind alle angekündtigten Massnahmen von genau den gleichen Leuten vorgeschlagen und akkzeptiert worden die in den vergangen +20 Jahren ohne Unterlass und völlig Kritikunfähig und -unwillig mitgeholfen haben dieses unersättliche System überhaupt erst zum Leben zuerwecken.
Endlose Artikel in Print- und Onlinemedien, endlose Talkshows und Diskussionsrunden, endlose Reden in Parlamenten und Fachtagungen, endlose Deklarationen von Fachleuten Sachverständigen, Kommissionen, Vereinen haben sich auf's gleiche Pferd gesetzt und die Peitsche geschwungen...
Alles was in irgendeiner Form dieses engstirnige Neoliberale Konzept auch nur in Anätzen kritiseren wollte, wurde Mundtot gemacht, ignoriert, der lächerlichkeit Preisgegeben... Vollumfängliche Kritiken, von denen es über die Jahre genügen gab, wurden erst gar nicht verstanden falls diese überhaupt zur Kenntnis genommen wurden...
Die Brandstifter von gestern sind leider immer noch am Werk, an den immer noch gleichen Positionen mit teils sehr grosser Verantwortung und Macht.... und der immer noch vorhanden Gier. Diese unfähigkeit zur Erkennung der eigenen Irrlehre wird die meisten von uns noch sher teuer zu stehen kommen...
Kürzungen von privatisierten Rentensystemen, Konkurse von eigentlich gesunden Unternehmen weil die Investoren und Aktionäre gierig alles Kapital daraus entnommen haben, höhere Preise bei der privatisierten Grundversorgung, Insolvente Städte und Kommunen welche nur noch mit weiteren Krediten am Leben erhalten werden können...
Ja, eigentlich die totale Bankrotterklärung der Neoliberalen Agenda. Bis heute ohne Konzepte und Lösungen welche nicht auf dem Geld der Staaten und Steuerzahler aufbauen. Es wird Zeit das diese Ideologie veschwindet... aus den Nachrichten, aus den Talkshows, aus den Printmedien... aus dem Vertrag von Lissabon, der WTO, des IMF...
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
Und wieder sind sie am Werk - diejenigen, die uns die Finanzkrise eingebrockt haben, diejenigen, die die Geldschleusen geöffnet haben um dieses unselige Schulden- und Kreditsystem bis zum Platzen aufzublasen. Wieder werden Billionen frisch gedruckt, von der Politik, dem Staat. Billionen von Obama über Brown, Zapatero bis zu Steinbrück/Merkel. Billionen unverdienter Dollar und EURO wandern in irgendwelche Hände, um dort das zu machen, was unverdientes Geld immer verursacht: Verderbnis der Sitten, Versuchungen, Verführungen.
Es ist der gleiche Personenkreis, der in den Verwaltungsräten vieler Banken über Jahre dem Treiben tatenlos zugesehen hat, der gleiche Personenkreis, der jetzt den Retter spielt und dann das macht, was Dilettanten machen: Den Kater mit Alkohol bekämpfen. Und Akademia ist sich teilweise nicht zu schade, das Spiel mitzuspielen.
Wenn ein Banker wie Vontobel den Versuchungen des leichten Geldes widerstehen konnt ist das hervorzuheben. Wir Menschen sind in der Regel anders, wie man ja an den hier geschilderten Wünschen der Bankkundschaft entnehmen kann. Wir Menschen sind so! Darum das tägliche Gebet: "Und führe mich nicht in Versuchung".
Aber Politiker wollen gewählt und wiedergewählt werden. Darum versprechen sie Unhaltbares und werden gewählt, weil ein jeder im Volk glaubt, zu kurz gekommen zu sein. Das dann frisch gedruckte und verteilte fiat money läßt sich ja dann prächtig als Einlösung der Versprechen verkaufen.
Eine schöne Geschichte, und gut geschrieben. Erinnert übrigens an den Bankier Ivan Herstatt in Köln, der auch mit der Straßenbahn zur Arbeit fuhr. Der hatte allerdings den Fehler gemacht, seine jungen Devisenspekulanten an der zu langen Leine zu führen, worauf die Bank pleite ging.
In vielen anderen kulturen steigt der wert eines menschen mit dem alter. So war das ja auch mal bei uns. Die industrialisierung und der kapitalismus hat dieses gesellschaftliche element abgeschafft.
In afrika, zb., gibt es voelker in denen der tod eines alten menschen schlimmer wiegt als der tod eines jungen menschen. Der alte mensch ist ein wertvollerer traeger des gemeinschaftswissens als der junge daher ist sein tod schlimmer.
Vermutlich gehen aber junge, unbedarfte und technophile kinder einfach ein hoeheres risiko ein als aeltere menschen, die jedes geschehen im angesicht ihres erlebten ueberdenken, und sind daher in einer aggressiven und expansiven gesellschaftsform darwinistischer und weniger mitfuehlend als aeltere.
An den fleischtoepfen setzt sich immer der staerkere durch, wenn es keine regeln in der gruppe/gesellschaft gibt.
Die Haltung von Herrn Vontobel ist heutzutage selten, aber es gibt nach wie vor Banker die versucht haben sich ähnlich zu verhalten. doch persönliche Integrität hatte zuletzt bei vielen Kunden nicht den gleichen Stellenwert, wie die tollen Marketingversprechungen und Hochglanzprospekte.
Das Problem ist auch nicht nur ein Bankspezifisches, sondern, wie der Artikel andeutet ein Generationenspezifisches.
Denn die Gier der Banker spiegelt nur die ungezügelte Gier ihrer Kunden wieder.
Eine Bank ist ein Wirtschaftsunternehmen, das sich dem Nachfragedruck nicht entziehen kann.
Wenn dann pseudoliberale, regulatorische Fehlsteuerungen des Staates die Riegel entfernen bzw. das Einziehen vernünftiger liberaler Regulatorien unterbleibt, geraten seriöse Banker ins Hintertreffen gegenüber der Konkurrenz, die entweder mit weniger Wissen oder weniger Skrupeln beladen ist.
Man könnte also sagen, wir haben die Banker, die wir verdient haben. Das gilt für Reiche Anleger ebenso wie für die Verwalter des Sozialstaates.
Berthold Grabe
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