Klimawandel Der Heilige Krieg um die Erderwärmung
Kaum publiziert, wird eine Schweizer Klimastudie von Skeptikern missbraucht. Im aufgeheizten politischen Umfeld wird es immer schwieriger, nüchterne Wissenschaft zu betreiben
Post im Eingangsordner. Jürg Beer klickte auf die Rundmail aus den USA und begann zu lesen. »Studie: Die Hälfte der jüngsten Erwärmung geht auf das Konto der Sonne!« lautete die Überschrift. Er schüttelte den Kopf, las aber unbeirrt weiter – bis ihm der Atem stockte. Im Brief des führenden Klimaskeptikers Marc Morano tauchte sein eigener Name auf: Die Studie, die angeblich den menschlichen Einfluss auf das Klima kleinredete, hatte er selbst mitverfasst.
Wenige Tage später wurde Beer, der als Umweltphysiker beim Eidgenössischen Wasserforschungsinstitut Eawag arbeitet, von einem Kollegen an der ETH Zürich angesprochen. Dieser hatte den alarmistischen Klimabrief ebenfalls bekommen und gelesen. »Er fragte mich, wie ich dazu käme, einen solchen Mist zu schreiben«, erzählt Beer. »Da musste ich einiges klarstellen. Die Aussage in diesem Brief war falsch – in Wahrheit hat unsere Arbeit den menschlichen Einfluss aufs Klima bestätigt.«
Angeregt durch den Rundbrief, wurde die Schweizer Studie in mehreren Blogs im Internet aufgeregt besprochen. Die Beiträge sind ein Paradebeispiel dafür, wie politisiert und teilweise unsachlich die Klimadiskussion vor allem in den USA derzeit verläuft. Dabei handelt es sich bei jener Studie eigentlich um ein Stück Grundlagenwissenschaft, das in einem anderen Umfeld kaum öffentliche Beachtung gefunden hätte.
2001 ist, unter Leitung des Paul Scherrer Instituts (PSI) im aargauischen Villigen, ein Forscherteam ins sibirische Altai-Gebirge gereist und hat dort einen 139 Meter langen Eiskern aus einem Gletscher gebohrt. Im Labor rekonstruierten daraufhin die Forscher mithilfe des Kerns das lokale Klima. Das ist möglich, weil sich im Eis bestimmte Stoffe ablagern, die den Temperaturverlauf spiegeln. Die Temperaturen verglichen die Wissenschaftler anschließend mit der Sonnenaktivität, die sie anhand von Baumringen und Eiskernen rekonstruiert hatten.
Das Resultat war eindeutig: Von 1250 bis etwa 1850 verlaufen Temperatur- und Sonnenkurve ziemlich parallel – dann gehen sie auseinander. Daraus schließen die Forscher, dass Temperaturveränderungen im Altai-Gebirge früher hauptsächlich durch Schwankungen der Sonnenaktivität verursacht wurden.
Genau genommen haben die Forscher das exakte Gegenteil herausgefunden
Seit Beginn der Industrialisierung wird der Faktor der Sonnenaktivität jedoch von einem anderen überlagert: dem verstärkten Treibhauseffekt. Fabriken, Kraftwerke und Autos stoßen Kohlendioxid (CO₂) aus, das die Welttemperatur zunehmend nach oben treibt.
Wie groß ist der Einfluss der Sonne auf das Klima heute noch? Darum dreht sich die ganze Debatte. Die Hauptautorinnen der erwähnten Studie, Margit Schwikowski und Anja Eichler vom Labor für Radio- und Umweltchemie des PSI, formulieren es so: »Der Beitrag der Sonne am Temperaturanstieg im Altai liegt in den letzten 150 Jahren etwa zwischen zehn und fünfzig Prozent.« Dies sei aber wohlgemerkt ein Mittelwert über diesen Zeitraum. »Am größten war der Sonnenbeitrag im 19. Jahrhundert – in den vergangenen 50 Jahren war er wesentlich kleiner«, sagen Schwikowski und Eichler. »Die starke Temperaturzunahme seit 1850 korreliert signifikant mit dem Anstieg des Treibhausgases CO₂.« Das ist das Gegenteil von dem, was die Klimaskeptiker in ihrer Rundmail behaupten.
Die Schlagzeile, wonach die Hälfte der jüngsten Erwärmung auf das Konto der Sonne gehe, enthält also gleich zwei Unstimmigkeiten: Erstens beträgt der Anteil nicht die Hälfte, sondern 10 bis 50 Prozent. Zweitens handelt es sich um einen Mittelwert über die letzten 150 Jahre. Und gerade bei der »jüngsten Erwärmung« dürfte der Sonnenanteil besonders gering sein.
In einer E-Mail auf die Ungenauigkeiten angesprochen, weist der Klimaskeptiker Marc Morano den Vorwurf der Verfälschung von sich: Der Ausdruck »die Hälfte« stehe ja nur in der Schlagzeile. »Im Text selbst heißt es korrekt: bis zu 50 Prozent. Bitte seien Sie exakt, und vermerken Sie das!« Allerdings weiß Morano als ehemaliger Journalist sehr wohl um die Wirkung von Schlagzeilen. Man kann nachvollziehen, dass die betroffenen Wissenschaftler das Gefühl haben, hier würden ihnen die Worte im Mund umgedreht.
Morano ist einer der Wortführer in der amerikanischen Klimadebatte. »Unser Ziel ist es, die schlechte staatliche Politik zu stoppen, die auf unbegründeten und hysterischen wissenschaftlichen Behauptungen zur menschgemachten Erderwärmung beruht«, sagt er. Morano amtet als Kommunikationschef der republikanischen Minderheit in der Umweltkommission des US-Senats. Sein Vorgesetzter ist James Inhofe, der Senator für Oklahoma. Für Inhofe sind alle Umweltprobleme bloß Erfindungen der Linken. Die Umweltbewegung erinnere ihn ans »Dritte Reich«, hat er einmal gesagt, und die Klimaerwärmung sei »die größte Falschmeldung, die dem amerikanischen Volk jemals untergejubelt wurde«.
Auf Inhofe und seinen Spindoktor Morano geht auch der sogenannte Minderheitsbericht der Umweltkommission im Senat zurück, der im Januar veröffentlicht wurde. Im Bericht werden 650 Wissenschaftler genannt, die daran zweifeln, dass die Klimaerwärmung vom Menschen verursacht wird. Die meisten von ihnen haben herzlich wenig mit der Klimaforschung zu tun. Doch wird mit solchen Aktionen der Eindruck erweckt, die Klimafrage sei innerhalb der Forschergemeinde umstritten. In Wahrheit zweifeln laut einer kürzlichen Umfrage der University of Illinois nur drei Prozent der eigentlichen Klimaforscher an der menschgemachten Erwärmung. Auffallend viele der Skeptiker sind Geologen oder Physiker, die in ihrem Fachgebiet oftmals hervorragende Arbeit leisten, aber eben kein professionelles Wissen über Klimavorgänge haben.
Für die Wissenschaftler wird es zunehmend schwieriger, in diesem aufgeheizten Umfeld überhaupt noch unbehelligt zu forschen. »Uns ist bewusst, dass wir auf einem politisch sehr brisanten Forschungsgebiet arbeiten und unsere Studie potenziellen Zündstoff für Klimaskeptiker liefert«, sagen Margit Schwikowski und Anja Eichler vom PSI. »Trotzdem waren wir überrascht zu sehen, wie schnell unsere Ergebnisse aufgegriffen, aus dem Zusammenhang gerissen und falsch zitiert für politische Aussagen missbraucht wurden. Wir bedauern sehr, dass im heutigen Umfeld nur der politische Disput im Vordergrund steht und die eigentliche wissenschaftliche Diskussion darunter leidet.«
Schon einmal landete Beer ungefragt auf einer Liste der Fundamentalisten
Dem Mitautor Jürg Beer von der Eawag ergeht es ähnlich. Er ist schon zum zweiten Mal betroffen. Im Jahr 2007 hat ihn der bekannte Klimaskeptiker Fred Singer ungefragt in eine Liste mit Wissenschaftlern aufgenommen, die angeblich Argumente gegen den menschgemachten Treibhauseffekt vorgebracht haben. »Die Auseinandersetzung um die Klimaerwärmung kommt mir immer mehr vor wie ein Heiliger Krieg«, sagt Beer. »Man glaubt es, oder man glaubt es nicht – dazwischen gibt es nichts. Das ärgert mich am meisten.«
Diese Polarisierung ist nicht gut für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess. Skepsis ist für Wissenschaftler eigentlich eine unabdingbare Eigenschaft, aber seit dem Auftauchen der fundamentalen Klimaskeptiker hat das Wort einen bitteren Beigeschmack. »Die Klimaskeptiker sind völlig einseitig«, sagt Beer. »Wenn etwas für ihre Thesen spricht, glauben sie es bedingungslos. Wenn es gegen sie spricht, lehnen sie es einfach ab oder blenden es aus.« So wurde etwa die Tatsache, dass das Jahr 2008 in den USA das kälteste seit 1997 war, von manchen Skeptikern begierig aufgegriffen. Doch der relativ tiefe Wert gilt eben nur für die USA. Global gesehen war 2008 zwar ein paar Hundertstel Grad kühler als die Jahre unmittelbar zuvor, aber immer noch das neuntwärmste Jahr seit 1880.
Doch auch auf der Gegenseite haben einseitige Sichtweisen Auftrieb. »Es gibt heute in der Treibhaus-Community Leute, die finden, man solle keine kritischen Fragen mehr stellen, weil diese sonst missbraucht werden könnten«, sagt Beer. »Wenn man aber keine kritischen Fragen mehr stellen darf, dann können wir aufhören mit der Wissenschaft.«
- Datum 26.02.2009 - 04:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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