STAMMTISCH STÄRNE Frostschutzmittel

Seit die Amerikaner das Bankgeheimnis pulverisiert hatten, klebte Chäschpi zu Hause vor dem Fernseher, am Radio, im Internet, oder er verschanzte sich hinter der Zeitung. So eifrig verfolgte er das Geschehen, dass ihm seine Ruth liebevoll den Vogel zeigte. Als er dann aber im Sternen saß, war seine Aufregung einem Gefühl der Konsternation gewichen.

Den anderen ging es nicht besser. Charlotte schimpfte zwar über Rechtsunsicherheit, suchte im Grunde aber nur einen Ausdruck für ihre eigene Angst. Franz’ Mund war wie zugenäht. Und Peti? Teilte mit Chäschpi den Ärger, dass schon wieder per Notrecht regiert wurde.

»Sie hüten die Hintergründe wie das Beichtgeheimnis«, sagte er. »Nicht ganz«, erwiderte Chäschpi, »Merz sprach klar von Betrug. Und eine unschuldige UBS hätte den Prozess gesucht. Wir haben, deutsch und deutlich, eine kriminelle Organisation mit 66 Milliarden Steuerfranken gestützt.«

»Die können wir definitiv abschreiben«, murrte Peti, »wenn die Amis fertig sind mit Sammelklagen, ist die UBS ruiniert.« Franz rührte noch einmal im Kafi Zwetschge, mit dem er sich gegen die Kälte draußen wappnete: »Die Amis können einfach alles, was sie wollen« – und es klang, als werde er morgen auf Washingtons Befehl in ein Bootcamp gesteckt. »Aus Sicht der Amerikaner hat die UBS US-Recht mit Füßen getreten«, sagte Chäschpi und zuckte mit den Schultern, »also ginggen sie jetzt zurück.«

»Land müsste man besitzen«, seufzte Peti. »Willst du eine Karriere als Selbstversorger starten?«, foppte Chäschpi. »Das ist der Beginn einer neuen Ära«, sagte Peti. »Aber scho sicher«, versetzte Charlotte bitter. Chäschpi wusste genau, was sein Freund meinte: »Du denkst, das ist wie damals mit dem Frostschutzmittel im österreichischen Wein. Heute machen die Spitzenweine! Ruth und ich waren im Januar an einer Degustation, ich sag dir …«

Franz verstand kein Wort von Chäschpis geistigen Bocksprüngen: »Was ist denn das Frostschutzmittel in der Bank?« – »Die Bankenaufsichtsbehörde«, sagte Peti trocken. Eifrig erläuterte Chäschpi: »Dänk diese unselige Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung. Wenn die wegfällt, muss man sich als Schweizer im Ausland nicht mehr schämen …«

»Ihr habt alle noch gar nichts begriffen«, holte Peti verschmitzt aus. »Das Bankgeheimnis fällt nur gegenüber dem Ausland. In Zukunft musst du zum Hinterziehen halt Schweizer werden. Das gibt dann einen Bauboom.«

»Und der Privatjet-Hangar von Kloten wird das neue Ellis Island«, spann Chäschpi den Faden weiter. »Genau, und das Dolder wird Zürichs Asylantenheim«, ergänzte Peti. Franz blieb skeptisch: »Viel zu kalt. Zieht doch keiner von Florida nach Andermatt.« silvano cerutti

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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    • Schlagworte UBS | Bankgeheimnis | Andermatt | Florida | Betrug | Zürich
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