Platte meines Lebens (42) Vor-links-ran, rück-rechts-ran

Alles dreht sich im Dreiertakt: Mit ihrem Schatz und Johann Strauss übt unsere Autorin den Walzer. Schließlich steht schon der Hochzeitstermin fest

Vor-links-ran, rück-rechts-ran, vor-links-ran, rück-rechts-ran… Hände locker, rufe ich. Nicht so schnell, rufe ich. Schatz, der Fernseher, schreie ich. Aber Schatz lacht nur und reißt mich gerade noch rechtzeitig herum, mein Hintern streift den Bildschirm, vor-links-ran, rück-rechts-ran, unsere Knie stoßen zusammen, unsere Hände krallen sich schon wieder ineinander, mein Fuß landet auf seinem, noch habe ich Socken an, aber irgendwann muss ich anfangen, in hohen Schuhen zu üben.

Wir hatten uns das so schön vorgestellt: Ich im Brautkleid, Schatz nicht minder schick, der Donauwalzer erklingt, und wir drehen, drehen, drehen… dadam-dadam-dadaaaaadam… Wir haben uns vors Internet geklemmt und aus Hunderten Walzer-Samplern den vielversprechendsten ausgewählt: Johann Strauss – Best of Waltzes & Polkas, die Wiener Philharmoniker, immerhin, Karajan und Maazel dirigieren, leider bemerken wir davon nichts, wir müssen uns konzentrieren, vor-links-ran… Wir bewegen uns so elegant wie zwei betrunkene Wasserbüffel, und ich falle nur nicht hin, weil er mich wie eine Ladung Wäsche an sich drückt. Schatz, meinst du nicht, ich kann den Brautwalzer in Turnschuhen absolvieren?

Dabei üben wir seit dem Sommer, mit einer schönen Regelmäßigkeit und steigender Frequenz. Anfangs drehten wir ins Blaue hinein, alles war frei und leicht, wir hatten uns unsere Herzen versprochen, eingerollt stand der Wohnzimmerteppich an der Wand. Aber jetzt steht der Termin, der Ort, die Gästeliste, wir wissen bereits, welche Vorsuppe es gibt. Seit einigen Wochen klingt Schatz auch nicht mehr lieblich, sondern brüllt mir ins Gesicht wie ein sadistischer Ausbilder bei den Marines. Vor-links-rrran, rück-rechts-rrran!

Dabei bin ich mir nicht einmal sicher, ob die Schrittfolge überhaupt stimmt. Wir verlassen uns auf meine vage Erinnerung an die Tanzstunden, die ich mit 13 oder 14 besucht habe, schon damals eher unwillig, unkonzentriert, ungeschickt. Liegt meine Hand in seiner? Sieht man sich beim Tanzen in die Augen oder nicht? Ist das nicht unanständig, wenn seine Hand schon wieder auf meinen Hintern rutscht?

Schatz, vielleicht sollten wir einfach einen Hochzeitstanzkurs besuchen! Ist sicher nicht teuer! Wahrscheinlich kann man das an einem Samstagnachmittag lernen!

Ich muss anschreien gegen das Dröhnen der Musik, aber das Lachen von Schatz wird nur noch breiter, er lässt sich nicht irritieren.

Schatz, ich kann nicht mehr, rufe ich, als der Donauwalzer endlich zu Ende ist, aber Schatz läuft schon wieder zum CD-Player und – vor-links-ran, rück-rechts-ran!

Schatz, lass uns Feist hören oder Kelley Polar oder Ricardo Villalobos oder… Ricardo, hörst du, Schatz? Ricardo!

Aber Schatz interessiert sich nicht für Ricardo, auch für die zigtausend anderen Platten in unserem Wohnzimmer nicht, seine 1210er interessieren ihn nicht, und sein neuer Urei-Mixer dient nur noch als Ablagefläche für die leere CD-Hülle und das Booklet mit der Goldschrift.

Schatz, lass es uns doch mit einem Schieber probieren! Schatz, ein Michelle-und-Barack-Inauguration-Schieber! Schatz!

Aber da hat Schatz schon wieder zurück auf den Anfang geskippt. An der schönen blauen Donau, Wiegeschritt… 

Johann Strauss: Best of Waltzes & Polkas Vienna Philharmonic Orchestra (1998), Deutsche Grammophon

 
Leser-Kommentare
    • KMurx
    • 26.02.2009 um 20:05 Uhr

    da sollte jemand tatsaechlich einen Tanzkurs besuchen ;-)
    Waere sicher ein schoenes Geschenk fuer "Schatz", er scheint ja mit Begeisterung bei der Sache zu sein.

    Fuer Fragen wie "wohin mit dem Kopf/der Hand/..." kann man auch einfach Videos auf Youtube anschauen. Kopf uebrigens links, Hand des Herrn auf den unteren Rand des Schulterblatts, Dame legt die Hand locker (!) auf den Oberarm (da wo sich die Muskeln unterm Hemd spannen... sollten.) rechter Ellenbogen des Herrn nach oben, Dame legt locker auf (traegt ihren Arm aber bitte selber!).
    Seitlich versetzt "auf Luecke" stehen (Dame rechts vom Herrn), Kontakt an der rechten Huefte des Herrn. Dame leicht nach hinten lehnen (nicht im Hohlkreuz! Aus der Taille).

    Und dann erst mal 50mal durch das Wohnzimmer laufen (ohne gross links, rechts, sonstwas), bis man sich einigermassen wohlfuehlt. Dann geht's weiter...

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  • Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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  • Schlagworte Johann Strauss | Donau | Musik
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