Diskothek HÖRBUCH Zwei Mundvoll Schweigen
Briefwechsel? Tragödie! Liebesdrama in drei Akten. 182 Briefe, jubelnd, selig – und doch immer schmerzlicher damit Ernst machend, wovon das Gedicht In Ägypten spricht, das Paul Celan im Mai 1948 schreibt, drei Tage nachdem er die 21-jährige Ingeborg Bachmann in Wien kennengelernt hat: »Zwei Mundvoll Schweigen«. Doch in den Frühlingswochen der ersten Begegnung geht beiden der Mund über. »Herrlicherweise«, schreibt die junge Frau den Eltern, »hat sich der surrealistische Dichter« aus dem rumänischen Czernowitz »in mich verliebt«. Die Protestantin aus Kärnten, deren Vater ein Nazi der ersten Stunde war, gesteht dem staatenlosen Juden deutscher Sprache, der Verfolgungen und Flucht überlebt hat: »Für mich bist Du Wüste und Meer und alles, was Geheimnis ist.« Celan, der schon im Juni aus dem Literaturgeschwätz Wiens weiter flieht nach Paris, bekennt: »Du warst, als ich Dir begegnete, beides für mich: Das Sinnliche und das Geistige. Das kann nie auseinandertreten.« Doch während Celan in Paris Fuß zu fassen versucht und die sechs Jahre jüngere Freundin in Wien promoviert, bricht das Schweigen aus – und Celan erklärt: »Vielleicht ist es so, dass wir einander gerade da ausweichen, wo wir einander so gerne begegnen.« Das Wagnis gemeinsamen Lebens scheitert in Paris rasch »strindbergisch« (Bachmann). Dann jedoch, nach sechs stummen Jahren, ein rauschhaftes Wiedersehen. Jetzt ist es Celan, der um die Kollegin wirbt. Und rasch wieder: das Schweigen, nun endgültig. Johanna Wokalek und Jenz Harzer machen die »Herzzeit« dieser unglücklichen Liebe ergreifend lebendig. Rolf Michaelis
Ingeborg Bachmann/Paul Celan: Herzzeit
speak low, 4 CDs, 318 Min., 26,80 €
- Datum 26.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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