Wer hätte für möglich gehalten, dass es so schnell gehen würde? Als der Amerikaner James Thomson vor zehn Jahren erstmals Stammzellen aus menschlichen Embryonen züchtete, betrat er Neuland. Die Nachricht erzeugte gewaltige Aufregung – wegen des immensen medizinischen Potenzials dieser ES-Zellen, aus denen sich prinzipiell Ersatz für jedes Gewebe des Körpers erzeugen lässt, und weil diese Zellen vielen durch ihre Herkunft als moralisch befleckt gelten.

Der ethische Streit um die embryonalen Zellen verstummte nie. Gleichwohl verzeichnet die ES-Zellforschung rapide Fortschritte. Inzwischen stehen drei klinische Tests mit Patienten an der Startlinie. Es sind die ersten Schritte in Richtung einer klinischen Anwendung.

Eine solche medizinische Erfolgsgeschichte ist eigentlich zu schön, um wahr zu sein. Tatsächlich musste man vergangene Woche verstörende Berichte zur Kenntnis nehmen: Unisono berichteten Süddeutsche Zeitung und Spiegel Online über den Fall eines israelischen Jungen, der in einer Moskauer Klinik durch mehrfache Transplantationen embryonaler Stammzellen gegen das unheilbare Louis-Bar-Syndrom behandelt worden sein soll. Inzwischen leidet das Kind an Tumoren, die von den ins Hirn transplantierten Zellen herrühren. Fazit der Artikel: ES-Zelltherapien sind gefährlich, sie können Krebs auslösen.

In Wahrheit – und die Veröffentlichung seiner Ärzte im Online-Fachblatt PLoS Medicine ist da unmissverständlich – war der Junge keineswegs mit ES-Zellen behandelt worden. Die russischen Mediziner hatten in einem obskuren Experiment Hirnzellen unklarer Beschaffenheit aus abgetriebenen Föten transplantiert.

Wie es im Fall des jungen Israeli zum medizinischen Desaster kam, ist nun ebenso schwer zu beantworten wie die Frage, warum ihm ein journalistischer Blackout folgte. Handelte es sich um einen Fall von Abschreiberei, bei dem eine Redaktion die Irrtümer der anderen weiterverbreitet hat? Oder war es ein Versuch, ein Einzelschicksal gegen die ES-Zellforschung in Stellung zu bringen, wie es der Wissenschaftsblog der Frankfurter Allgemeinen Zeitung argwöhnte?

Die Medien haben ihre Fehler korrigiert, doch der Imageschaden ist da. Die Stammzellforscher könnten aber den medizinischen wie den publizistischen Störfall als Chance begreifen: indem sie gegen obskure Kuren mit adulten wie embryonalen Stammzellen Stellung beziehen. Für adulte Stammzellen gibt es genau zwei Optionen: den Einsatz von Knochenmarkstammzellen bei Leukämien und schweren Autoimmunleiden. Alle anderen Heilversuche mit adulten Stammzellen sind dubios oder blanke Scharlatanerie. Und die Forscher sollten deutlich machen, dass die ersten Versuche mit ES-Zellen kaum sofort Heilmacht zeigen werden. Ein Misserfolg wäre kein Menetekel. Sollte es bei den Tests allerdings wirklich zum Desaster kommen, ist ihr Feld in Gefahr.