Neulich fragte eine Gymnasiastin, offenbar verunsichert durch die millimetergenauen Interpretationskünste ihres Deutschlehrers, woher man eigentlich wisse, wie der Autor sein Buch gemeint habe. Trüge der Held beispielsweise in einer Romanszene eine weiße Hose, sagte die Gymnasiastin, könne dies doch sowohl als ein Zeichen für die modische Unsicherheit des Autors wie auch als Symbol für die Unschuld des Helden gedeutet werden. Aber wer darf das entscheiden? Gibt es in der Literaturinterpretation denn gar keine höhere Instanz als das Tafelbild des Deutschlehrers oder die Rezension des Kritikers?

Solche Fragen zielen in das schwarze Loch unserer jahrhundertelangen Bemühungen um die Auslegung von Texten. Am Ende aller klugen Deutungen wartet immer die vernichtende Frage: Und woher wisst ihr das? Und was, wenn das alles gar nicht stimmt? Die Ungewissheit über die Gültigkeit der Interpretation ist ein Makel, den der Kritiker mit sich herumträgt wie ein löcheriges Hemd, das – obwohl Marcel Reich-Ranicki gottlob noch lebt – niemand mehr für ein päpstliches Ornat hält.

In dieser misslichen Lage sucht der bedrängte Interpret zunehmend Obdach beim allwissenden Autor und bittet bei Interviews und Hausbesuchen um ein paar Interpretationsbrosamen vom Tisch des Herrn. Noch bevor Daniel Kehlmanns neuer Roman Ruhm erschienen ist, haben wir auf diese Weise von ihm erfahren, dass sein neues Buch das »Avancierteste« sei, das er je geschrieben habe, dass ihm darin »ein Ineinander von menschlichem Realismus und postmoderner Form gelungen« sei und dass manche Passagen »höchstes Reflexionsniveau« erreichten. Bodo Kirchhoff erklärt, dass er in seinem neuen Roman Erinnerungen an meinen Porsche im Rahmen seiner 30jährigen Erforschung des »sexuellen Schicksals« die Gemeinsamkeiten zwischen dem »Quickie beim Sex« und dem »Quickie des Geldes« herausgearbeitet habe. Sibylle Lewitscharoff verrät, wo sich in ihrem neuen Roman Apostoloff »die ansteckende Komik der bulgarischen Gesellschaft« und wo die »himmlische Schönheit« befinde. Andreas Maier enthüllt (exklusiv in der Zeitschrift Volltext) nur ihm bekannte bisher unveröffentlichte Schlüsselszenen seines Romans Sanssouci (»Grigorij, der Bulgare, wird, indem er seine Kapelle und den ganzen unterirdischen Gang abschließt, Merle dort unten einschließen, sie erstickt«). Und so geht das weiter, Woche für Woche.

Wozu, fragt die junge Gymnasiastin nun, brauchen wir dann aber überhaupt noch jemanden, der uns die Bücher erklärt, wenn die Autoren das am besten können? Auf diese den Berufsstand des Literaturkritikers durchs löchrige Hemd ins blutende Herz treffende Frage, liebes Kind, weiß ein so gescheiter Autor wie Daniel Kehlmann natürlich auch eine Antwort. Kritiker, sagt er (ebenfalls in der Zeitschrift Volltext), seien wie Zahnärzte. »Man fragt sich manchmal, warum es Leute gibt, die freiwillig diesen Job ausüben.« Wir fragen uns das auch. Es wäre doch viel besser, wollten die Autoren sich ihre himmlisch schönen Zähne auf höchstem Reflexionsniveau endlich selbst ziehen. Und zwar quickie.