Karibik Das rote Fieber der Revolte
Trommeln, Tröten, Jagdgewehre – gewalttätiger Protest erschüttert die französische Karibikinsel Guadeloupe. In Paris wächst die Sorge, der Aufstand könne das Mutterland erreichen

© Lionel Bonaventure/AFP/Getty Images
Robust treten die Sicherheitskräfte des Protestbündnisses LKP auf
Pointe-à-Pitre
Die Zuckerrohrpresse rasselt, der Generator brummt, und Orgelmusik dröhnt aus der Kirche, die wie ein Bunker aussieht. Gegenüber, im Hauptquartier der Streikbewegung, liegt Jacques Bino weich gebettet, ein Auge halb geöffnet. Er lächelt. Unter den vielen, die summend und murmelnd an ihm vorbeidefilieren, fällt ein leicht rotgesichtiger Jüngling auf, der seinen Kaugummi noch an der Totenbahre nicht aus dem Mund nimmt. Das ist Olivier Besançenot. Frankreichs populärster Linksradikaler ist nach Guadeloupe gereist, »um zu lernen, wie man es macht«. Jacques Bino wird ihm nichts mehr beibringen. Er wurde in der Nacht zum Mittwoch vergangener Woche erschossen. Nach Polizeiangaben mit einem Gewehr für Großwild. Solche Waffen benutzten die Weißen hier früher dazu, geflüchtete Sklaven zu jagen. Über den Mörder weiß man nichts. Jacques Bino war Gewerkschafter. Und Steuerbeamter. Jetzt ist er Märtyrer.
Das in der Karibik liegende, zu Frankreich gehörende Guadeloupe wird seit dem 20. Januar mit Streiks und Blockaden lahmgelegt. Je nach taktischer Lage errichten die Kämpfer Straßensperren aus Bäumen, brennenden Autos und dem, was von verwüsteten Geschäften übrig geblieben ist. Sie demonstrieren zu Zehntausenden, einmal war fast ein Fünftel der Gesamtbevölkerung auf der Straße – in Paris wären das 13 Millionen. Frankreichs Regierung lässt sich indes nicht blicken, der sonst so reaktionsfreudige Präsident nicht, der Premierminister nicht, die zuständige Ministerin nicht, ihr Staatssekretär ist längst wieder weg. Und wenn es allzu arg wird, verkriecht sich die örtliche Staatsgewalt in ihrem Gebäude.
Das Élysée will den Konflikt verdrängen. Vielleicht mit Geld zudecken. Schließlich fürchtet es die Ansteckung mehr als die Auszehrung durch neue Schulden. Schon hat das rote Fieber andere Überseedepartements erreicht. Am Samstag zeigten 15.000 Demonstranten in Paris ihre Solidarität, eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass in der Hauptstadt dieser Tage reichlich demonstriert wird. Da mischt sich Brisantes zusammen. Umfragen zufolge wollen zwei Drittel der Franzosen nicht ausschließen, dass Guadeloupe bald überall ist.
Elie Domota rechnet sogar fest damit. Domota ist le leader, Sprecher eines weitgefächerten Bündnisses namens LKP (Liannaj kont pwofitasyon, Bündnis gegen Ausbeutung), und außerdem Boss des harten Kerns der Proteste, der Gewerkschaft UGTG. Ganz entschieden schmiedet der hochgewachsene, athletische Mittvierziger seinen Zorn in einfache, scharfe Sätze, und immer wieder sagt er: »Es reicht jetzt.«
Man muss kein Marxist sein, um hier eine Klassengesellschaft zu sehen
Was reicht jetzt? Nach fünfwöchigem Schweigen, als Geschäfte und Häuser brannten und die Polizei beschossen wurde, fand ausgerechnet Nicolas Sarkozy dafür die passenden Worte: »Wie soll man es rechtfertigen, dass die Preise in den Überseedepartements höher sind als in der Metropole, die Einkommen aber niedriger? Wie soll man rechtfertigen, dass dort so große Arbeitslosigkeit herrscht? Wie die Monopole und Extraprofite rechtfertigen, die Formen der Ausbeutung, die es im 21. Jahrhundert nicht mehr geben sollte?«
Man muss kein Marxist sein, um Guadeloupe für eine postkoloniale Klassengesellschaft zu halten. Da gibt es zum einen den kolonialen Komplex: Die »Békés« genannten ehemaligen Sklavenhalterfamilien gehören dazu, außerdem leitende Angestellte aus der Metropole sowie die Beamtenschaft, die mehr als ein Drittel der Beschäftigten ausmacht. Sie alle verdienen gut bis sehr gut; den Beamten wird eine Zulage von 40Prozent ihres Gehalts gezahlt. Ihnen tun die Lebensmittelpreise, 30 bis 80 Prozent höher als in Paris, nicht weh; den Extraprofit kassiert das Oligopol der Békés. Treffend heißt es in einer Publikation der französischen Regierung: »Die Kolonien sind die Beute einer doppelten Oligarchie aus Geschäftsleuten und Beamten, die beide nach exzessivem Profit gieren.« Erscheinungsdatum: 5. April 1911.
Und wie das auf kleinen Inseln so ist, man kennt einander, hält zueinander, lässt keinen Konkurrenten zum Zug kommen. Erst recht keinen großen Investor, der den Békés Konkurrenz machen würde. Oder sich mit den Gewerkschaften anlegen könnte. Denn die gehören ebenfalls zum Kolonialkomplex. Stark sind sie im öffentlichen Dienst (auch Domota ist Beamter), und mächtig sind sie im Hafen. Docker verdienen 6.000 Euro netto; manche von ihnen beschäftigen illegal eingewanderte Haitianer. Die hausen in Hütten und stellen die unterste Schicht der anderen, der zweiten Gesellschaft. Zu ihr zählen die Arbeitslosen, und das sind fast 30 Prozent der Bevölkerung, unter der Jugend gar 50 Prozent. Die Zahlen zeigen, dass etwas nicht stimmt: Die verriegelte Konfliktgemeinschaft von Oligarchen und Gewerkschaften ist keine gute Voraussetzung für Wachstum und Arbeitsplätze.
Im Elend muss hier niemand leben. Frankreichs Sozialsystem gewährt Grundversorgung für alle. Davon kann man auf vergleichbaren Inseln der Karibik nur träumen. Einerseits. Andererseits sind diejenigen, die es sich gut gehen lassen, jederzeit und überall zu sehen. Und wenn Gegensätze zu krass werden, sammelt sich die Wut. Sie ist die Ressource, aus der die Gewerkschaften schöpfen, um ihre Machtposition zu erweitern. Das sollte ihnen auch besser gelingen, denn sonst entlädt sich der Volkszorn auf andere Weise. Die Geschichte Guadeloupes ist nicht zuletzt eine Geschichte seiner regellosen Klassenkämpfe, beginnend mit Sklavenaufständen, die sich als Unruhen schwarzer Arbeiter fortsetzten. Ihnen ging es schon vor 150 Jahren um Lohnerhöhungen, Preiskontrollen, Arbeitslosigkeit, und noch jeder Kampf endete mit Toten – zuletzt 1967. Die Plakate im Büro der Gewerkschaft UGTG erinnern an die erbitterten Klassenschlachten.
Karnevalesker Singsang begleitet alle Verhandlungen
Domota und Genossen sind harte Burschen. Ende der vergangenen Woche lockerten sie den Griff, ein paar Geschäfte durften öffnen. Einlass in den Supermarkt durch den Nebeneingang, grüppchenweise, kontrolliert von den gros bras, den dicken Armen der Gewerkschaft. Nun jedoch wird der Griff wieder fester. Denn diesmal soll mehr erreicht werden als ein normales Gewerkschaftsziel. Diesmal ist es ein politischer Kampf um Macht. Im Namen der Gleichheit sollen »die Guadeloupianer« künftig über Beschäftigung, Produktion, Handel und Banken bestimmen. Das ist der Sinn des allenthalben intonierten Liedes »La Gwadloup sé tan nou, La Gwadloup sé pa ta yo«: Guadeloupe gehört uns, Guadeloupe gehört nicht euch. Nein, das sei kein antiweißer Rassismus, sagen die Mitkämpfer, das »euch« meine lediglich die Ausbeuter, die Profiteure. Das darf man ihnen glauben, aber wird es auch immer so verstanden?
Ihr vereinnahmendes »Sé tan nou«, es gehört uns, ähnelt der Losung des kontinentalfranzösischen Massenstreiks vom 29. Januar: »Ihr seid die Krise, wir sind die Lösung.« Einem Deutschen kommt sofort »Wir sind das Volk« in den Sinn. »Sé tan nou« wird immer und immer wieder gesungen; der karnevaleske Singsang begleitet alle Verhandlungen. Die Delegationen treffen sich im Gebäude der Hafenpolizei von Pointe-à-Pitre. Draußen die Massen. Trommler und Muscheltröter machen Stimmung, sind auch im Sitzungssaal zu hören. Das geht viele Stunden so, bis abends die Frösche pfeifen. Tag um Tag kommen Familien mit Kleinkindern, außerdem schwere Bauarbeiter, kreischende Opis, feine herausgeputzte Damen, schicke Dealer, aufgebrezelte Teenager, und da ist auch schon wieder dieser kleine rote Pariser. »Ist ja ein Bubi«, lacht eine dicke Frau. Der knorrige José Bové beeindruckt schon mehr, der Kampf-Öko aus der Käseprovinz. Hin und wieder verlässt ein LKP-Mann den Verhandlungsraum und berichtet via Megafon. Die Verhandlungen stocken? Dann wird eben weiter »mobilisiert«.
Keine gute Nachricht, denn die fragile Inselwirtschaft droht zusammenzustürzen. Rund 6.000 Mutige haben im Internet eine Petition gegen die Blockade unterzeichnet, darunter etliche Manager und Unternehmer. Andere packen die Koffer. Ein Kompromiss muss dringend gefunden werden. Auch für Frankreichs Regierung. Domota weiß das. »Das ist jetzt die entscheidende Phase«, sagt er, und: »Danach wird nichts mehr so sein wie vorher.«
- Datum 26.02.2009 - 17:48 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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Wer mehr darüber wissen will, wie die LKP ihre Forderungen begründet und wie sie die taktische Lage einschätzt, lese bitte das Interview mit Elie Domota, das heute in der ZEIT steht.
"...Das rote Fieber der Revolte…sich mit den Gewerkschaften anlegen…verriegelte Konfliktgemeinschaft von Oligarchen und Gewerkschaften…Wut. Sie ist die Ressource, aus der die Gewerkschaften schöpfen, um ihre Machtposition zu erweitern…Plakate im Büro der Gewerkschaft UGTG erinnern an die erbitterten Klassenschlachten…kontrolliert von den gros bras, den dicken Armen der Gewerkschaft. Nun jedoch wird der Griff wieder fester…diesmal soll mehr erreicht werden als ein normales Gewerkschaftsziel. Diesmal ist es ein politischer Kampf um Macht."
Wer eine lieber eine unparteiische, journalistisch hochwertige Analyse der Vorgänge auf Guadeloupe lesen möchte statt einseitiger antigewerkschaftlicher Tiraden, der lese bitte
"Gegen das teure Leben!"
Auch wenn ich Ihren Kritikpunkt nicht wirklich teile: danke fuer den Link und den damit verbundenen Artikel - sehr uebersichtlich, hochwertig und informativ.
Gero von Randow hat halt einen anderen Stil, liebt die Pointen, und zugespitze Formulierungen - mit denen er genuesslich und meist sehr treffsicher um sich wirft. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack und zugegebenermassen nicht immer leicht nachzuvollziehen fuer jemanden, der nicht so tief in der Materie steckt wie er selbst (da schliesse ich mich oft genug ein). Aber "antigewerkschaftliche Tiraden", naja, ich glaub' nicht, dass das so sein Ding ist.
Auch wenn ich Ihren Kritikpunkt nicht wirklich teile: danke fuer den Link und den damit verbundenen Artikel - sehr uebersichtlich, hochwertig und informativ.
Gero von Randow hat halt einen anderen Stil, liebt die Pointen, und zugespitze Formulierungen - mit denen er genuesslich und meist sehr treffsicher um sich wirft. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack und zugegebenermassen nicht immer leicht nachzuvollziehen fuer jemanden, der nicht so tief in der Materie steckt wie er selbst (da schliesse ich mich oft genug ein). Aber "antigewerkschaftliche Tiraden", naja, ich glaub' nicht, dass das so sein Ding ist.
Der Artikel liefert keinerlei Beweise, auf welche Weise und warum diese Inselrevolte vor der Küste Südamerikas das europäische "Mutterland erreichen" sollte.
Das wiederum wird in dem Interview dargestellt, das in der (gedruckten) ZEIT erhältlich ist.
Das wiederum wird in dem Interview dargestellt, das in der (gedruckten) ZEIT erhältlich ist.
Hier auf Martinique wird seit dem 5. Feb gestreikt und auf La Renuion im indischen Ozean ist ein Streik ab dem 5. Mar geplant. Diese franzoesischen Ex Kolonien haben den gleichen historischen Hintergrund und somit ist die Problematik natuerlich vergleichbar mit Guadeloupe.
Aber wie kann sich diese Problematik weiter auf das franzoesische «Festland» ausweiten ?
Ein kreolisches Wort, dass diesen Streik praegt und diesen Hebel erklaeren kann, ist PROFITATION. Es beschreibt den durch unterdrueckende und unethische Methoden erlangten Nutzen. Es geht um Missbrauch von Macht, um die Schwaecheren –nicht nur aus monetaerer Sicht - auszubeuten.
Also kein lokales, sondern auch ein globales Thema.
kleine Korrektur: Richtig ist Profitasion oder kreolisch Pwofitasyon
kleine Korrektur: Richtig ist Profitasion oder kreolisch Pwofitasyon
sehr geehrter herr von Randow,
vielen dank und herzlichen glueckwunsch zum ersten lesbaren artikel in deutscher sprache zu diesem streik hier auf guadeloupe.
kleine korrektur : niemals waren hier 60.000 menschen auf der strasse : schon von 10.000 zu reden, waere eine uebertreibung.
Wie der streik nach frankreich schwappen koennte ? Weil sich irgendwelche Fuehrer diesen streik zu eigen machen : royal war schon hier - und der kleine rote faends natuerlich noch schoener, in dieses chaos hier eine kleine revolution hineinzuinterpretieren...
herzliche Gruesse aus der wilden karibik !
kleine Korrektur: Richtig ist Profitasion oder kreolisch Pwofitasyon
Auch wenn ich Ihren Kritikpunkt nicht wirklich teile: danke fuer den Link und den damit verbundenen Artikel - sehr uebersichtlich, hochwertig und informativ.
Gero von Randow hat halt einen anderen Stil, liebt die Pointen, und zugespitze Formulierungen - mit denen er genuesslich und meist sehr treffsicher um sich wirft. Vielleicht nicht jedermanns Geschmack und zugegebenermassen nicht immer leicht nachzuvollziehen fuer jemanden, der nicht so tief in der Materie steckt wie er selbst (da schliesse ich mich oft genug ein). Aber "antigewerkschaftliche Tiraden", naja, ich glaub' nicht, dass das so sein Ding ist.
Das wiederum wird in dem Interview dargestellt, das in der (gedruckten) ZEIT erhältlich ist.
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