Guadeloupe »Wir können nicht mehr zurück«
Ein Gespräch mit Elie Domota, dem Anführer der Proteste gegen die Urenkel der Sklavenhalter auf Guadeloupe
DIE ZEIT: Herr Domota, was fordern Sie?
ELIE DOMOTA: Lohnerhöhungen für Geringverdiener und Preiskontrollen. Sofort!
ZEIT: Dafür allein gehen die Menschen aber nicht wochenlang auf die Barrikaden.
DOMOTA: Völlig richtig. Sobald diese Forderungen erfüllt sind, geht es weiter. Die Lebensbedingungen müssen sich fundamental ändern. Als 1848 die Sklaverei abgeschafft wurde, behielten die Sklavenhalter ihre Reichtümer, sie wurden sogar für jeden Sklaven entschädigt. Von diesen Vermögen profitieren deren Urenkel heute noch. Die Guadeloupianer afrikanischer oder indischer Abstammung dagegen bleiben diskriminiert. Weder in den großen Unternehmen noch in der Verwaltung bekleiden Nichtweiße Führungspositionen. Das ist doch nicht normal.
ZEIT: Man hat Ihrer Bewegung vorgeworfen, den Hass auf Weiße zu schüren.
DOMOTA: Guadeloupe ist auf Klassen- und auf Rassenbeziehungen aufgebaut. Das festzustellen ist kein Rassismus. Wir sagen ja nicht: Schmeißt die Weißen raus. Aber: Die Manager weiß, die Straßenkehrer schwarz? Das muss aufhören.
ZEIT: Wie ist der Stand der Verhandlungen?
DOMOTA: Die Unternehmer wollen, dass der Staat die Hälfte unserer Lohnforderungen finanziert.
ZEIT: Und was tut der Staat?
DOMOTA: Die Polizei schlägt auf uns ein. Aus den Verhandlungen hat der Staat sich aber zurückgezogen. Die sind riskant für ihn. Gibt er nach und finanziert Lohnerhöhungen, dann werden die Arbeiter auf dem Festland fragen: Und wir?
ZEIT: Und wenn niemand nachgibt?
DOMOTA: Staat und Unternehmer werden nachgeben.
ZEIT: Und wenn nicht?
DOMOTA: Sie müssen nachgeben.
ZEIT: Anderenfalls?
DOMOTA: Wir können nicht mehr zurück. Der Generalstreik greift auf Martinique über, auf Guyana und La Réunion. Sollte er in Paris ankommen, wird ganz Europa betroffen sein: Spanien, Italien, Griechenland, Deutschland.
ZEIT: Mit anderen Worten: Ob die Gegenseite nachgibt oder nicht, die Bewegung wird Europa erreichen?
DOMOTA: Ganz genau. Und niemand wird mehr auf uns herumtrampeln.
Die Fragen stellte Gero von Randow
- Datum 10.03.2009 - 12:51 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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