Irland Arbeitslos und abgebrannt in Dublin

Irland galt als Musterland, jetzt wird es zum Musterfall der Krise: Nirgendwo sonst in der EU ballen sich Unternehmens-, Immobilien- und Finanzprobleme so massiv

"Schlagt die Rezession, nicht die Arbeiter!" Ein Demonstrant hält am 21. Februar in Dublin ein Plakat in die Höhe. Tausende gingen auf die Straße, um gegen die Regierung zu protestieren

Der alte BMW, mehr Klapperkiste als Auto, ist bis unters Dach vollgeladen: Bücherkisten, eine Stereoanlage, Taschen, Koffer, ein aufgerollter Teppich, sogar die sperrige Stehlampe hat noch Platz gefunden. »Time to say goodbye«, sagt Charlotte Murphy entschlossen und blickt noch einmal hoch in den fünften Stock. Vor kaum einem Jahr hatte sie noch geglaubt, dass ihre Karriere so richtig beginnen würde. Ohne lange Berufserfahrung hatte die 23-Jährige einen Superjob in einer Werbeagentur bekommen. Mit dem Gehalt konnte sie ihre erste eigene Wohnung anzahlen. Und dann gleich hier in den Docklands von Dublin, wo Irland am coolsten ist.

In der Gegend rund um den Sir John Rogerson’s Quay am Ufer des Liffey ist in den vergangenen zehn Jahren eine neue Stadt entstanden. Auf einer Fläche, so groß wie der Berliner Tiergarten, wurden fünf Milliarden Euro investiert. Schicke Apartment- und Bürohäuser, Designerhotels, ein Theater des Stararchitekten Daniel Libeskind breiteten sich über die Industriebrache aus.

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Aber bevor alle Türklinken in der Nachbarschaft festgeschraubt waren und die junge Charlotte Murphy in den Bars und Restaurants am Fluss ihren Karrierestart und ihre glänzenden Zukunftsperspektiven genießen konnte, wurde sie von der Gegenwart aufgehalten. Im Januar verlor sie ihren Job. »Da war mir sofort klar, dass ich die Hypothek für die Wohnung nicht mehr bezahlen kann«, erinnert sie sich. »Über Nacht war ich pleite.«

"Schlagt die Rezession, nicht die Arbeiter!" Ein Demonstrant hält am 21. Februar in Dublin ein Plakat in die Höhe. Tausende gingen auf die Straße, um gegen die Regierung zu protestieren

"Schlagt die Rezession, nicht die Arbeiter!" Ein Demonstrant hält am 21. Februar in Dublin ein Plakat in die Höhe. Tausende gingen auf die Straße, um gegen die Regierung zu protestieren

Charlotte Murphy, arbeitslos und zahlungsunfähig in der coolen, windigen Geisterstadt, steht vor dem Ende – und damit stellvertretend für Irlands Misere. Die Finanzkrise hat die Wirtschaft der Inselrepublik schwer getroffen. Am vergangenen Wochenende gingen in Dublin 120.000 Menschen auf die Straße, um gegen die Regierung, ihre Sparpolitik und die Banken zu protestieren. Die »Wirtschaftselite« müsse zur Rechenschaft gezogen werden, verkündeten Redner unter dem Applaus der Menge. Denn sie sei schuld daran, dass Irlands Wirtschaft ihren guten Ruf verloren habe.

Lange Jahre galt Irland als Muster für erfolgreiche Wirtschaftspolitik – nun wird das Land zum Exempel für den Absturz. In seiner Wirtschaft ballen sich Probleme, die in anderen Ländern Europas nur einzeln auftreten: eine Immobilienkrise wie in Spanien, eine extreme Abhängigkeit von ausländischen Direktinvestitionen wie in Osteuropa und die laxe Kontrolle eines aufgeblähten Bankensektors wie in Island oder Großbritannien. »Ohne den Euro«, sagt Will Hutton, Chef des Londoner Thinktanks Work Foundation, »wäre Irland schon bankrott.«

Die Staatspleite ist auch noch nicht ausgeschlossen, wie Hutton fürchtet. Das gesamte irische Finanzsystem droht aus den Fugen zu geraten. Die Summe der ausstehenden Kredite, Derivate und Hypothekendarlehen irischer Banken übersteigt das Bruttoinlandsprodukt beinahe um das Vierfache. Nun haben auch die beiden großen Rating-Agenturen Standard & Poor’s und Moody’s angedroht, die Bonitätsnoten für Irland »innerhalb der nächsten zwölf bis achtzehn Monate herabzusetzen«. Deshalb muss die Regierung unter Premierminister Brian Cowen schon heute zwei Prozent mehr an den Kapitalmärkten zahlen als Deutschland. Das ist in diesem Geschäft eine riesige Spanne. Irland ist dabei, seine Kreditwürdigkeit zu verlieren.

Die Arbeitslosenquote, vor einem Jahr noch bei ansehnlichen 4,7 Prozent, ist bereits auf acht Prozent gestiegen und wird nach Schätzungen der Regierung bis Ende des Jahres ohne Weiteres zwölf Prozent erreichen. Auf den Staatshaushalt kommen also steigende Sozialausgaben zu, und das bei einer Gesamtverschuldung, die sich im vergangenen Jahr fast verdoppelte und nun bei 41 Prozent des Bruttoinlandsproduktes steht. Damit liegt Irland zwar immer noch unter dem EU-Durchschnitt von rund 58 Prozent, aber die Europäische Kommission rechnet in diesem Jahr mit einer irischen Neuverschuldung von 9,5 Prozent. Das ist mehr als das Dreifache dessen, was der EU-Stabilitätspakt erlaubt, und die höchste Neuverschuldung in der EU.

So endet, dramatisch und binnen eines Jahres, eine der größten ökonomischen, politischen und sozialen Erfolgsgeschichten der Europäischen Union. Der irische Aufschwung begann Anfang der neunziger Jahre. EU-Geld floss in die Infrastruktur, und mit Unternehmenssteuern von 12,5 Prozent und einem niedrigen Lohnniveau lockte Irland Investitionen an, vor allem aus den USA. Textilfirmen, Computerhersteller und Pharmaunternehmen eröffneten Produktionsstätten und Callcenter in Limerick, Cork oder Galway und eröffneten ihre europäischen Hauptquartiere in Dublin. Mit ausländischem Kapital entstand so eine Exportindustrie, die dem Land ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich acht Prozent bescherte und, zum ersten Mal in seiner Geschichte, Vollbeschäftigung. Irland wurde zur Computerschmiede und produzierte die Hälfte aller in Europa verkauften Hard- und Software.

»Die Kerle erzählten von ihren Bentleys und ihren Hubschraubern«

Der Barmann Patrick, Mitte 50, krauses Haar und gegerbtes Gesicht, verfolgte die Euphorie am Ausschank mit. Sein Doheny & Nesbitt Pub in der Altstadt von Dublin ist eine Institution. Das Fenster ist voll mit verstaubter Guinness-Reklame und wird von einer altmodischen Holzfassade eingerahmt. Drinnen ist es düster und ein bisschen muffig. Am Mobiliar hat der keltische Tiger keine Spuren hinterlassen. Der Charme des Einfachen hat den Laden zu einem Lieblingsplatz der Politik und des neuen Geldes gemacht. »Übers Geschäft wurde hier immer viel gesprochen«, erzählt Patrick. »Aber neu war, dass auf einmal alle über Geld redeten«, erinnert er sich. »Kerle, die ich seit Jahrzehnten kannte, erzählten von ihren Bentleys, ihren Hubschraubern und den Rennpferden, die sie gekauft hatten.« Der Boom brachte ein neues soziales Phänomen mit sich: Auf einmal gab es hausgemachte superreiche Iren. Vergangenes Jahr im April, bevor alles zusammenbrach, schätzte die Londoner Sunday Times das Gesamtvermögen von Irlands 250 reichsten Männern und Frauen auf über 61 Milliarden Euro. Männer wie Sean Quinn, der mit 14 die Schule verlassen hatte und ein Konglomerat aus Industrieunternehmen, Finanzdienstleistern und Immobilienfirmen aufbaute, das ihn mit über vier Milliarden Euro zum reichsten Iren machte, wurden zum Symbol für den Erfolg. »Für dieses kleine Land mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern, das in seiner Geschichte nur Armut kannte, spielte der Aufstieg dieser Unternehmer eine große Rolle«, glaubt Hugo Bradey, Irland-Experte am Centre for European Reform in London. »Ihr Aufstieg verstärkte den feel-good- Faktor.«

Ihren Wohlstand kosteten die Iren vor allem mit größeren Eigenheimen aus. Ein wahrer Bauwahn setzte ein. Ehrgeizige Stadtentwicklungsprojekte wie Dublins Docklands waren nur der Anfang. Die Immobilienpreise gingen durch die Decke, als sich die Innenstädte von Cork bis Galway mit neuen Einkaufszentren und Fußgängerzonen herausputzten und überall neue Wohnsiedlungen entstanden. Irland wurde zum Land der urbanen Speckgürtel.

Wer vor fünf Jahren von Dublins Ringautobahn links auf die N7 abbog, brauchte nicht lange zu fahren, bis er Irlands Postkartenlandschaft mit ihren grünen Hügeln und ihren saftigen Wiesen erreicht hatte. Heute führt die Reise durch eine neue Industrievorstadt. Die Landschaft wurde zehn Kilometer weit zurückgedrängt. Kongresszentren, Industrieanlagen, Neubausiedlungen und Hotelneubauten wechseln sich entlang der Verkehrsader ab.

»Sind Sie es leid zu mieten?«, liest der Reisende auf einem Werbeplakat über einer Schallschutzmauer: »www.betterliving.ie – kaufen Sie Ihr eigenes Heim. Schon ab 720 Euro im Monat.« Eigentum zu besitzen verheißt ein besseres Leben. Vom Stadthaus im herrschaftlichen Stil des 18. Jahrhunderts bis zur Dreizimmerwohnung im Reihenhaus, der Bauherr bietet sieben verschiedene Varianten des bezugsfertigen Eigenheimglücks. So verlockend einfach waren die Angebote und so zuverlässig funktionierte das Geschäftsmodell, dass die Baubranche ungezügelt expandierte. Auf dem Höhepunkt wurden 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Wohnungsbau erwirtschaftet. In Deutschland sind es gerade mal 5,5 Prozent. Bis 2006 wurden innerhalb weniger Jahre rund 90.000 neue Wohnungen gebaut. »Damals beschäftigte die Baubranche knapp 300.000 Menschen«, sagt Alan Barrett vom Dubliner Economic and Social Research Institute (ESRI). Rund acht Prozent aller irischen Jobs hingen von der Immobilienblase ab, ungefähr so viele wie in Spanien, wo die Hauspreise binnen acht Jahren um 250 Prozent stiegen. In Irland waren es über 300 Prozent, obwohl offensichtlich war, dass es längst ein Überangebot gab. Nach Schätzungen der Regierung stehen knapp 300.000 Wohnungen leer. Der Markt ist ins Bodenlose gefallen. Bis Ende des Jahres könnten die Immobilienpreise von ihrem Hoch Ende 2007 um 80 Prozent gesunken sein, glauben einige. Im Vergleich dazu sieht die Situation auf dem spanischen Immobilienmarkt, für den ein Sturz um 50 Prozent erwartet wird, geradezu rosig aus.

Am anderen Ende der N7, vor den Toren von Limerick, findet sich eine weitere Szene aus dem Drehbuch der irischen Krise. Am Rande von Kornfeldern liegt der Parkplatz von Dell. Autos, so weit das Auge reicht. 3000 Menschen arbeiten hier für den amerikanischen Computerhersteller. Eine von ihnen ist Siobean Jennings. Die 36-jährige Mutter von vier Kindern schraubt Bildschirme zusammen. Anstrengend sei das, meint sie, »aber welcher Job ist das nicht«, dann steuert sie auf ihren Wagen zu. »Besser einen anstrengenden Job als gar keinen.« Für Jennings ist Dell eine Art Familienunternehmen. »Meine Mutter, meine beiden Brüder, mein Mann und mein Schwager arbeiten hier auch.« Doch sie und 1900 Kollegen werden sich Ende des Jahres eine neue Arbeit suchen müssen. Nach knapp zwanzig Jahren verlegt Dell die Produktion von Limerick ins polnische Łódź. »Es ist ein ziemliches Desaster«, sagt Jennings. »Limerick lebt von Dell.« Wie es für ihre Familie weitergehen soll, weiß sie nicht. »Neuseeland vielleicht oder Australien. Meine Vorfahren sind damals nach Amerika abgehauen. Im Auswandern sind wir Iren gut.«

Die Jennings ereilt damit ein Phänomen, das Arbeiter in Griechenland und Ungarn längst kennen. Beide Länder haben wie Irland in den vergangenen zwanzig Jahren von Auslandsinvestitionen profitiert, dann stiegen die Einkommen, und die Konzerne zogen zu billigeren Produktionsstätten in Fernost weiter. Dell begann schon vor Jahren damit, seine Produktion in asiatische Billiglohnländer zu verlagern. Alan Barrett vom Wirtschaftsforschungsinstitut ESRI hält es sogar »für ein Wunder, dass Dell so lange in Irland ausgehalten hat«, und zieht Parallelen zur irischen Textilindustrie. »Die Textilfabriken kamen aus dem Ausland, die Löhne stiegen, und schließlich wurde die Produktion verlegt.« Tatsächlich ist Dell der letzte IT-Konzern, der noch in Irland produziert. Apple, Microsoft und IBM sind schon vor Jahren weitergezogen. Die ungesicherte Zukunft, die sich für Siobean Jennings und ihre Familie eröffnet, ist insofern Zeichen einer strukturellen Schwäche der irischen Wirtschaft. Das Billiglohnmodell, das ganz auf Auslandsinvestitionen setzt, hat nur eine kurze Laufzeit. »Im Zeitalter der Globalisierung zieht die Karawane rasch weiter und sucht sich billigere Standorte«, sagt Will Hutton von der Work Foundation, und Irland hat sich zu sehr auf dieses Modell verlassen. 70 Prozent des Bruttoinlandsproduktes werden durch ausländische Investitionen geschaffen.

Ähnlich verzweifelt wie die Jennings sind die Arbeiter weiter östlich in der Vorstadt von Waterford. Seit fast 200 Jahren wird hier Glas geblasen. Feinste Briefbeschwerer stellen die Arbeiter her, Kronleuchter oder Gläser aus Bleikristall. Es ist eine uralte Handwerkskunst, für die Waterford zum Synonym wurde. Die Fabrikhallen sehen grau und angegriffen aus von dem rauen Meeresklima der nahen Küste. Der Showroom der Fabrik ist menschenleer. Der Ausverkauf hat begonnen. Tafelkristall und Vasen mit filigran geätzten Mustern, selbst die ausladenden Kronleuchter, die von der Decke blinken, sind billig zu haben. Anfang Januar meldete die Unternehmensgruppe Waterford Wedgwood, zu der auch die Porzellanhersteller Wedgwood und Rosenthal gehören, Konkurs an. Waterford verliert damit seinen wichtigsten Arbeitgeber. 500 Jobs werden abgebaut.

Dass der größte Arbeitgeber in Waterford ausgerechnet jetzt einpackt, ist nicht einmal eine direkte Konsequenz der Krise. Die Insolvenzverwalter von Waterford Crystal machen Management- und Marketingfehler der vergangenen Jahre für den Untergang verantwortlich. Die Marktsituation sei für Luxusartikel im Moment zwar schwierig, aber Waterford Wedgwood habe es versäumt, sich in den guten Zeiten eine Marktnische zu erobern, erklären sie. Waterford Wedgwood ist damit ein Symbol für die, insgesamt gesehen, schwache internationale Wettbewerbsfähigkeit irischer Unternehmen. Nur eine Handvoll von ihnen, wie der Billigflieger Ryanair oder die Verpackungsgruppe Smurfit Kappa, können international bestehen.

Irlands Finanzaufsicht war lax – das lockte auch deutsche Banken an

Als wäre das nicht genug, droht der irischen Wirtschaft die größte Gefahr von ihren Banken. Im Boom nährten sie sich vor allem an der Euphorie auf dem Immobilienmarkt. Jetzt scheitern sie an ihm. Die Bank of Ireland, zweitgrößte Bank des Landes, hat 70 Prozent ihrer Kredite an den heimischen Wohnungsmarkt gebunden. Im Dezember verkündete sie Abschreibungen von 3,8 Milliarden Euro und erhielt von der Regierung zwei Milliarden Euro Finanzhilfe. Aber das reichte nicht. Vor zwei Wochen mussten die Ergebnisse korrigiert werden. Bis 2011 könnten die Abschreibungen auf sechs Milliarden Euro steigen, erklärte die Bank und erhielt weitere 3,5 Milliarden Euro vom Steuerzahler. Genauso viel ging auch an die Allied Irish Bank, von der ähnlich schlechte Nachrichten erwartet werden. Insgesamt hat die Regierung also bereits elf Milliarden Euro in die Stützung der beiden größten Banken gepumpt und die dritte, die Anglo Irish Bank, im Januar ganz verstaatlicht, nachdem ihr Marktwert binnen eines Jahres von sieben Milliarden auf 160 Millionen Euro gefallen war.

Billiges Geld und die Gier nach Größe, befriedigt durch wahnwitzige Hypothekendarlehen, waren aber nicht der einzige Grund für den Aufstieg der irischen Banken. Ähnlich wie in Großbritannien herrschte auch hier wenig Kontrolle. »Die City of London war das Vorbild für die irische Regulierungsbehörde«, sagt der Broker Kevin McDonnell. Nun hat sogar der Chef der Londoner Financial Services Authority, Lord Turner, zugegeben, dass seine Behörde in der Vergangenheit »nicht ausreichend auf die exzessiven Risiken geachtet hat, auf die die Banken sich eingelassen haben«, aber im Vergleich zu dem Gebaren der Dubliner Aufsicht scheint Turner geradezu strikt gewesen zu sein. Nicht von ungefähr siedelten sich viele Zweckgesellschaften deutscher Banken in Dublin an, um von dort ihre riskanten und für ihre Muttergesellschaften existenzbedrohenden Geschäfte mit Derivaten zu betreiben. Die Depfa, diese ehemals solide deutsche Pfandbriefbank, verlegte sogar ihren Hauptsitz nach Irland – und gehört heute zu den Verursachern des größten deutschen Banken-Schadensfalls: Denn die Depfa gehört zur demnächst vermutlich zwangsverstaatlichten Hypo Real Estate.

Der Ruf von Dublin als Bankenplatz ist also dahin – genau wie die gesamtwirtschaftliche Reputation Irlands. In einem Versuch, die Lage unter Kontrolle zu bekommen, verabschiedete Premierminister Brian Cowen kürzlich ein drastisches Sparprogramm von 15 Milliarden Euro. Vor allem der öffentliche Dienst, der in den guten Jahren auf 350.000 Beamte aufgeblasen wurde, muss heftige Kürzungen hinnehmen. Aber auch Infrastrukturprojekte wurden gestoppt und regionale Strukturhilfen auf unabsehbare Zeit eingefroren. Viel mehr kann die Regierung nicht tun. »Der keltische Tiger war ein Paradebeispiel dafür, wie die Kräfte der Globalisierung funktionieren«, sagt der Ökonom Alan Barrett vom ESRI. Jetzt muss Irland warten, bis diese Kräfte sich wieder erholen. Allein wird das Land es nicht schaffen.

 
Leser-Kommentare
    • self22
    • 27.02.2009 um 16:05 Uhr

    Sollte sich zufällig ein Ire in Ihrer Redaktion melden und nach Möglichkeiten fragen, wie er in der Krise sparen kann, dann können Sie diesen getrost an mich weiterleiten. Sagen Sie ihm, dass ich ein hervorragender Fachmann mit einer 20 jährigen Erfahrung beim Überleben mit sinkendem Realeinkommen bin.
    Und dabei habe ich es sogar noch geschafft, meine im goldenen Rausch schwelgenden EU-Verwandten in Irland mit meiner steigenden Steuerlast zu unterstützen, damit sie nicht so viele Steuern von den aus Deutschland abwandernden Banken und sonstigen Firmen verlangen müssen und damit sie auch nicht einen angemessenen Betrag in die EU einzahlen müssen. Das können wir eh besser.

    Ich denke , mit diesen Qualifikationen bin ich genau der richtige Berater für ihn.

  1. Lange Jahre galt Irland als Muster für erfolgreiche Wirtschaftspolitik? Also bei mir bestimmt nicht. Irlands Aufschwung war großteils auf EU-Subventionen aus den Strukturfonds gebaut - und damit in erheblichem Maße vom deutschen Steuerzahler finanziert. Als "Gegenleistung" durften wir uns u.a. auch die Iren als Vorbild an Innovation und Dynamik hinstellen lassen, von denen wir spießige und provinzielle Deutsche uns eine Scheibe abschneiden könnten. Eine gewisse Schadenfreude kann ich mir da nun wirklich nicht verkneifen.

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    • Haimax
    • 03.03.2009 um 12:35 Uhr

    Da muss ich Gernot recht geben.

    Mit finanziellen Zuwendungen der EU haben die Iren viele Betriebe, günstges Land, jahrelange Steuerbefreiung, nach Irland gelockt.

    Jetzt da es bei vielen mit der Steuerbefreiung vorbei ist ziehen diese wieder in den nächsten Steuerfreihafen!

    Es war nur ein kurzes Strohfeuer.

    • Haimax
    • 03.03.2009 um 12:35 Uhr

    Da muss ich Gernot recht geben.

    Mit finanziellen Zuwendungen der EU haben die Iren viele Betriebe, günstges Land, jahrelange Steuerbefreiung, nach Irland gelockt.

    Jetzt da es bei vielen mit der Steuerbefreiung vorbei ist ziehen diese wieder in den nächsten Steuerfreihafen!

    Es war nur ein kurzes Strohfeuer.

  2. empfinde ich, muss ich sagen.
    Gott sei dank ist unser Land etwas zu groß um in jede Moderichtung geschubst zu werden. Es tut mir leid für die Iren die eine kurze Periode geglaubt haben einen Platz an der Sonne ergattert zu haben. Wir sollten nicht vergessen dass wir auch ganz gern die Steuern so gesenkt hätten wie die Iren oder Letten.
    Ich wünsch jedem dass er heil aus der Geschichte rauskommt die uns Gier und Habsucht eingebrockt haben.

  3. und außerdem hat Irland einen Mindestlohn von 8,65 Euro die Stunde, während man sich in Deutschland nicht einmal auf einen Mindestlohn von 5,50 Euro pro Stunde einigen kann.

    Warum soll der dt. Steuerzahler Hilfszahlungen in ein Land schicken, in dem die Menschen deutlich mehr verdienen als in D ? Wie ist das den Bürgern in einer Zeit, in der überall staatliche Leistungen gekürzt werden, zu vermitteln ?

    Interessant ist es übrigens zu sehen, was Davil Mc Williams, der in der letzten Zeit zitiert wurde "Deutschland muss Irland helfen" noch im Jahre 2005 über die dt. Wirtschaft geschrieben hat: http://www.davidmcwilliam...

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    • QUOTE
    • 27.02.2009 um 20:46 Uhr

    ...für den McMillan-Artikel. Sehr lesenswert.

    Tja, Ireland thrives when Germany is weak and falters when Germany is strong - dann sollte der Celtic Tiger ja schon wieder zum Sprung ansetzen, so beschissen, wie es uns im Augenblick geht.

    Wäre nett, wenn er sich dann auch an der Aufräumaktion für die Depfa, die durch seine ungenügende Bankenaufsicht entstanden ist, beteiligen würde. Schließlich hat die Depfa ja ihre Steuern in Dublin gezahlt, und nicht in Düsseldorf.

    Nun zum Beispiel weil die Iren sich mit ihren hoeheren Loehnen im Bauboom standardmaessig und mit Miele Waschmaschinen, Siemens Kuehlschraenken und Vorwerck Staubsaugern eingedeckt haben.

    Auch ist Ihre These vom Steuerparadies Irland zumindest in Bezug auf die Privathaushalte nicht richtig: Zwar sind die Einkommenssteuern recht niedrig, bei einer Mehrwertsteuer von 21,5 Euro auf ohnehin schon sehr hohe Produktpreise, stellt sich das Verhaeltnis von Mindestlohn und Kaufkraft aber ein wenig anders dar, als es auf den ersten Blick scheint. Fuer 7 Euro (was netto vom Mindestlohn uebrigbleibt), kann man in Irland gerade mal eine Packung Toilettenpapier und 2 Joghurt kaufen.

    • QUOTE
    • 27.02.2009 um 20:46 Uhr

    ...für den McMillan-Artikel. Sehr lesenswert.

    Tja, Ireland thrives when Germany is weak and falters when Germany is strong - dann sollte der Celtic Tiger ja schon wieder zum Sprung ansetzen, so beschissen, wie es uns im Augenblick geht.

    Wäre nett, wenn er sich dann auch an der Aufräumaktion für die Depfa, die durch seine ungenügende Bankenaufsicht entstanden ist, beteiligen würde. Schließlich hat die Depfa ja ihre Steuern in Dublin gezahlt, und nicht in Düsseldorf.

    Nun zum Beispiel weil die Iren sich mit ihren hoeheren Loehnen im Bauboom standardmaessig und mit Miele Waschmaschinen, Siemens Kuehlschraenken und Vorwerck Staubsaugern eingedeckt haben.

    Auch ist Ihre These vom Steuerparadies Irland zumindest in Bezug auf die Privathaushalte nicht richtig: Zwar sind die Einkommenssteuern recht niedrig, bei einer Mehrwertsteuer von 21,5 Euro auf ohnehin schon sehr hohe Produktpreise, stellt sich das Verhaeltnis von Mindestlohn und Kaufkraft aber ein wenig anders dar, als es auf den ersten Blick scheint. Fuer 7 Euro (was netto vom Mindestlohn uebrigbleibt), kann man in Irland gerade mal eine Packung Toilettenpapier und 2 Joghurt kaufen.

    • QUOTE
    • 27.02.2009 um 20:33 Uhr

    WESSEN "Musterland" denn bitte schön?

    Das der neoliberalen Scharlatane, ihrer Mietmäuler und ihrer Propagandaorgane, wie der ZEIT...nicht MEINS!

    Was Irland angeht:

    "Die Straßen sind verlängerte Kloaken, und die Kloaken sind voller Blut, und wenn die Gullis schliesslich überschwappen wird das ganze Ungeziefer ersaufen!

    Der ganze Schmutz ihrer Dummheit und ihrer GIER wird um ihre Hüften emporschäumen, und alle Huren, Banker und Politiker werden rufen: "Rettet uns!"

    Und ich werde hinabblicken und flüstern: "Nein!"

    Sie hätten den anständigen Menschen folgen können, die immer an den Lohn eines Tages für die Arbeit eines Tages geglaubt haben. Stattdessen sind sie Versprechungen von Wüstlingen und Neoliberalen gefolgt, und haben erst zu spät bemerkt, daß dieser Weg über einen jähen Abgrund führte!"

    (Falls das jemandem bekannt vorkommt: hab ich frei zitiert nach Alan Moore, Watchmen. Entspricht voll meinen Empfindungen, und besser als er kann ich es eh nicht ausdrücken.)

    • QUOTE
    • 27.02.2009 um 20:46 Uhr

    ...für den McMillan-Artikel. Sehr lesenswert.

    Tja, Ireland thrives when Germany is weak and falters when Germany is strong - dann sollte der Celtic Tiger ja schon wieder zum Sprung ansetzen, so beschissen, wie es uns im Augenblick geht.

    Wäre nett, wenn er sich dann auch an der Aufräumaktion für die Depfa, die durch seine ungenügende Bankenaufsicht entstanden ist, beteiligen würde. Schließlich hat die Depfa ja ihre Steuern in Dublin gezahlt, und nicht in Düsseldorf.

    • Anonym
    • 27.02.2009 um 20:56 Uhr

    und will hier nichts anderes vorheucheln.

    Mal ehrlich, die übermotivierten jungen Leute als auch die dauerfrustrierten Älteren die schon immer alles - solang es nur außerhalb Deutschlands war - romantisch verklärt haben sind in Scharen nach Irland gezogen. The smartest guys in the room, so to speak. Und nun hat sich doch rausgestellt dass die ach so provinziellen Deutschen mit ihrer "Neidgesellschaft" und "Heuschreckendebatte" richtig lagen, die Ironie liegt darin dass außer den Populisten von Links- und Rechtsaußen keiner in der Politik auf diese Sorgen im Volk eingegangen ist. Und dass es keinen "Boom" gab sondern nur eine Panikblüte deren Zenit jetzt überschritten ist. Auch hier haben wir die Ironie dass die Deutschen dennoch mitgezogen werden, in den Abgrund, obwohl sie die Schuldenparty gar nicht mitgefeiert haben (Kreditkarten für den endlosen Konsum ohne Reue, Hypothekentricks als Geldautomat,..) leiden sie nun am selben Kater. Dabei saßen sie daheim am Tisch und haben Mensch-Ärger-Dich-Nicht gespielt und dabei billiges Bier und No-Name Chips geknabbert während Iren, Spanier, Schweizer und Co zur Orgie ins P1 nach München gefahren sind.

    Nun ja. Ob hier auch Rollmöpse helfen?

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    Die Deutschen "werden" mitgezogen in den Abgrund??? Laecherlich - was denken Sie denn, wohin die Exportnation Deutschland ihre Produkte verkauft hat? Wenn in Irland eine Kreditkarte platzt, ist der mit ihr gekaufte VW Golf doch laengst bezahlt.

    Die Deutschen "werden" mitgezogen in den Abgrund??? Laecherlich - was denken Sie denn, wohin die Exportnation Deutschland ihre Produkte verkauft hat? Wenn in Irland eine Kreditkarte platzt, ist der mit ihr gekaufte VW Golf doch laengst bezahlt.

  4. Nun zum Beispiel weil die Iren sich mit ihren hoeheren Loehnen im Bauboom standardmaessig und mit Miele Waschmaschinen, Siemens Kuehlschraenken und Vorwerck Staubsaugern eingedeckt haben.

    Auch ist Ihre These vom Steuerparadies Irland zumindest in Bezug auf die Privathaushalte nicht richtig: Zwar sind die Einkommenssteuern recht niedrig, bei einer Mehrwertsteuer von 21,5 Euro auf ohnehin schon sehr hohe Produktpreise, stellt sich das Verhaeltnis von Mindestlohn und Kaufkraft aber ein wenig anders dar, als es auf den ersten Blick scheint. Fuer 7 Euro (was netto vom Mindestlohn uebrigbleibt), kann man in Irland gerade mal eine Packung Toilettenpapier und 2 Joghurt kaufen.

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    Häufig wird das Argument gebracht, Deutschland müsse den EU Staaten, die sich verschuldet haben helfen, damit sie mit diesem Geld weiter dt. Produkte kaufen.

    Nach dieser Argumentation könnte man auch fordern das ALG II auf 400 Euro im Monat anzuheben, damit Arbeitslose mehr Geld haben, um zu konsumieren. Bei den Sozialleistungen in D wird allerdings immer mehr gespart mit dem Argument man müsse die Eigeninitiative fordern, es müsse mehr Freiheit geben, die Steuern seien zu hoch usw.... Wie kann man einerseits immer weitere soziale Kürungen in D fordern und gleichzeitig bei der EU so großzügig sein ? Ist das nicht ein Widerspruch ?

    Ich habe in einer englischen Zeitung gelesen, dass das Model der Eurobonds den dt. Steuerzahler pro Jahr 3 Milliarden zusätzlich kosten würde. Damit könnte man z.B. auch das Kindergeld um 50 Euro pro Monat anheben oder einen Transrapid von Hamburg nach Berlin bauen... Das würde die Binnenkonjunktur und den Konsum vielleicht stärker ankurbeln als höhere Transferzahlungen an die EU.

    Häufig wird das Argument gebracht, Deutschland müsse den EU Staaten, die sich verschuldet haben helfen, damit sie mit diesem Geld weiter dt. Produkte kaufen.

    Nach dieser Argumentation könnte man auch fordern das ALG II auf 400 Euro im Monat anzuheben, damit Arbeitslose mehr Geld haben, um zu konsumieren. Bei den Sozialleistungen in D wird allerdings immer mehr gespart mit dem Argument man müsse die Eigeninitiative fordern, es müsse mehr Freiheit geben, die Steuern seien zu hoch usw.... Wie kann man einerseits immer weitere soziale Kürungen in D fordern und gleichzeitig bei der EU so großzügig sein ? Ist das nicht ein Widerspruch ?

    Ich habe in einer englischen Zeitung gelesen, dass das Model der Eurobonds den dt. Steuerzahler pro Jahr 3 Milliarden zusätzlich kosten würde. Damit könnte man z.B. auch das Kindergeld um 50 Euro pro Monat anheben oder einen Transrapid von Hamburg nach Berlin bauen... Das würde die Binnenkonjunktur und den Konsum vielleicht stärker ankurbeln als höhere Transferzahlungen an die EU.

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