Kaleidoskop STILLLEBEN MIT BUCHGeballte Faust

Rolf Vollmann entdeckt bei Pierre Michon, was richtige Prosa ist, und Geschichten, die wahr sind von Rolf Vollmann

Schön sind Dichterbiografien, wenn uns die Autoren diskursiv Schritt für Schritt sagen, was es auf sich hatte mit ihrem Helden und woran wir mit ihm sind. Was noch schöner wäre, lassen wir jetzt weg. Denn am schönsten ist es, wenn dann einmal ein großer Schriftsteller völlig vorbehaltlos über den Dichter schreibt, dem er, und seine Zeit mit ihm, alles verdankt, sich selber inbegriffen, und wenn er das so schreibt, etwa so geballt und leidenschaftlich, dass er das, was er sagt, indem er’s sagt, uns unwidersprechlich vor Augen führt. Vor Jahren, um bei den Franzosen zu bleiben, hat das Francis Ponge mit Malherbe so gemacht (1965, deutsch 2004 bei Ritter, Klagenfurt) – und jetzt hat ein solches Beispiel Pierre Michon geliefert (Pierre Michon: Rimbaud der Sohn; aus dem Französischen von Anne Weber; Suhrkamp, Frankfurt 2008; 115 S., 11,80 €; die Originalausgabe ist 1991 herausgekommen).

Von Michon ist bei uns vor fünf Jahren ein Buch erschienen (bei Suhrkamp), das er 1984 veröffentlicht hat, Das Leben der kleinen Toten, im Original unnachahmlich kurz Vies minuscules, acht kleine Geschichten, aneinandergereiht am Faden einer fragmentarischen Erzählerbiografie, die die des Autors gewesen sein kann oder auch nicht.

Das war genau in jener geballten und leidenschaftlichen Art geschrieben, dass man sich sagte: Wie gut, dass ich noch lebe und so was lesen kann – denn mit einem Mal, 250 Seiten lang, war wieder klar, was der anderweitig verlesene Tag sonst immer wieder vergessen lässt, nämlich, was richtige Prosa ist und was Geschichten sind, wahre Geschichten; und es ist egal, ob die Geschichten oder die Sprache der Ursprung dieses Ereignisses gewesen sind.

Und Michon ist es ganz ähnlich gegangen, als er Rimbaud las, er schreibt, Seite 78, wo er davon redet, dass jeder eben so seine Sachen schreibt, in denen sich nur noch beinahe unbemerkt das versteckt, wovon sein Schreiben lebt: »Unser Gedicht hat so viel Platz eingenommen, dass wir mitunter, wenn wir das Büchlein öffnen, in denen die Schriften Arthur Rimbauds ruhn, darüber staunen, dass es sie gibt. Wir hatten sie vergessen. Aufs neue überfliegen wir sie, hastig, blind, ängstlich wie die kleine Ameise, die, ohne sich um die Zeilen zu kümmern, quer über unsre Seite rennt, wenn wir sie neben uns auf den Boden gelegt haben, im Garten.«

Später, Seite 108, nennt er Rimbauds Schriften »das kleine Werk, das geschlossen ist wie eine Faust, geballt wie eine Faust um einen vorenthaltenen Sinn« – und da ist es mit keinem Schritt für Schritt mehr getan, sondern da muss einer, der was ahnt von dem Sinn, uns nun selber nichts vorenthalten, und muss und darf frei, ja bedenkenlos reden, sinnieren, erzählen und Himmel und Hölle bemühen, wenn sonst nichts hilft.

Nächste Woche erscheint an dieser Stelle die Kolumne »Kriminalroman« von Tobias Gohlis

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    • Schlagworte Buch | Suhrkamp | Ameise | Geschichte | Kriminalroman | Prosa
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