Wanderung Über den Berg

Und in der Hand ein Buch: Zwei Schweizer Autoren zeigen Fußwege durch die Alpen

Ob die Schuhe das aushalten? Eine Schneewanderung war nicht geplant. Vor dem Zugfenster fliegen verschneite Schweizer Täler vorbei. Der Winter dauert, mit Unterbrechungen, seit Oktober bis jetzt in den Februar an. Noch nie sah man bei Fahrten durchs Land so viele Schneekanonen untätig in den Tälern herumstehen wie in diesem Winter.

Im Bahnhof Chur warten Ursula Bauer und Jürg Frischknecht. Gelassen, ohne Bergsportausstattung sehen sie an diesem Morgen dem Schneematsch entgegen. Wer so gründlich wandert, darf sich nicht abhängig vom Wetter machen. Für das Schweizer Autorenpaar geben nun schon seit 15 Jahren weniger die Wetterprognosen den Takt der Wanderungen an als die großen Themen, denen sie folgen: Antipasti und alte Wege (1999), Bäderfahrten – Wandern und baden, ruhen und sich laben (2001), Grenzland Bergell (2003), um nur drei von ihnen zu nennen. Und nun: Auswanderungen.

Auswandern? Wenn man an den aggressiven »Freipass für alle? Nein!«-Plakaten vorbeikommt, – Zeugnissen der jüngst hitzig geführten Debatte um die Personenfreizügigkeit – könnte man leicht vergessen, dass das begehrte Einwanderungsland Schweiz auch eine Auswanderungsvergangenheit hat. Die liegt keine hundert Jahre zurück und erzählt wenig von Freiwilligkeit und viel von Armut und sozialer Not. Der »Schwabenkinder« etwa, die aus Tirol oder dem Bündner Oberland ein-, zweihundert Fußkilometer zum Hütekindermarkt ins süddeutsche Ravensburg geschickt wurden, damit sie sich für die warme Hälfte des Jahres bei einem Bauern »verdingen« und nach Martini mit einem zweiten Gewand, dem »dopplet Häs«, nach Hause zurückkehren konnten. 1914 fand der letzte »Sklavenmarkt in Ravensburg« statt.

Man könnte den Schwabenkindern nun mit dem Buch in der Hand nachwandern, aus dem Bündner Land bis zum Bodensee, wo sie sich einschifften – stattdessen aber nehmen wir Chur zum Ausgangspunkt für eine Auswanderung in Richtung Süden. Bis Como, über den Splügen-Pass, sind neun Tage veranschlagt. Diesen Weg nahm nach 1830 so mancher Sohn aus der boomenden Zürcher Seidenindustrie, um in Norditalien Seidenspinnereien einzurichten. Wir starten auf dem weiträumigen Churer Kathedralenplatz – »unsere Touren gehen immer an wichtigen Marktflecken los« – und würden diesen sogar schön finden, wäre er denn wirklich die Mitte von etwas. Wer zu schnell weiter will, verpasst aber die erste Geschichte: vom alten Bischof Caminada, der sich hier 1959 bei der Öffnung der Grabstätte des Bündner Volkstribuns Jürg Jenatsch so übers Grab gebeugt haben soll, dass er hineinfiel. Ein älterer Caminada hatte als genialer Ingenieur 1908 eine Wasserstraße über den Splügen geplant. Bei einem jungen Caminada könne man heute hervorragend essen.

Auswanderungen ist ein Buch der Querverbindungen. Voller Wanderwege und Unterwegs-Empfehlungen, Hintergrund-Geschichte und Wegesrand-Geschichten, weist es in gleich mehrere Vergangenheiten zurück: in eine Schweiz vor allem des 19. Jahrhunderts, aus der arme Bergbauern ihr weniges Hab und Gut über den Grimselpass schleiften, um sich in Le Havre, Genua oder Livorno nach Amerika einzuschiffen; in der Kaminfegerbuben »als lebende Rußbesen« in norditalienischen Städten arbeiteten, Engadiner Zuckerbäcker ihre Kunst in London, Neapel oder Petersburg zur Vollendung brachten und eine vornehme Britin ihren »enjoyable trip« mit den Worten beschrieb: »We slipped down to Milan.«

Es weist aber auch zurück in die Anfänge des Autorenpaars selbst und seiner ungewöhnlichen, nun im sechsten »Lesewanderbuch« dokumentierten literarischen Produktion. Die Idee, über Auswanderung zu schreiben, war schon da, als der politische Journalist Jürg Frischknecht 1993 TransALPedes mitinitiierte, einen vier Monate langen Marsch von Wien nach Nizza, der auf die Zerstörung der Alpen aufmerksam machte. Und eigentlich war das Thema Auswanderung schon in den 1970er und frühen achtziger Jahren dabei, als Frischknecht mit Unheimliche Patrioten. Politische Reaktion in der Schweiz zu einem der Experten für (Rechts-)Extremismus zu werden begann.

Das war auch die Zeit, als er die Ursula Bauer kennenlernte, 1975. Angefangen hatte das Projekt spielerisch: »Auf einer Wanderung 1992 drehte sich Jürg plötzlich um und sagte: Schreiben wir ein Buch zusammen?« Ein paar Wintermonate in Ligurien, und danach hatten die Mediendokumentarin und der Journalist ein gutes Stück des ersten Buches geschrieben, das vom Grenzschlängeln (1995) entlang der schweizerischen Südgrenze erzählt. Seither sind im meist zweijährigen Abstand fünf Nachfolger erschienen. 2004 erhielten Bauer/Frischknecht den Binding-Preis für Umwelt und Naturschutz für ihre »Genusswanderführer«, die kritisch und lustvoll, erzählend und serviceorientiert sind.

Die Politik liegt am Weg. Von der Waldstraße nach Rothenbrunnen aus, unten schlängelt sich der Rhein, ist Schloss Rhäzuns zu sehen, von wo aus Schlossherr und Exbundesrat Christoph Blocher die Schweizer Grenzen einwanderungsdicht zu halten versuchte. Dann erreicht man Fürstenau, einen pittoresken Weiler aus wenigen Häusern und einem Schloss inmitten der Apfel- und Birnbäume des Domleschg, der sich mit dem Titel »kleinste Stadt der Schweiz« rühmt und für heute die Endstation darstellt.

Morgen würde es, hätte man mehr Zeit und bessere Schuhe dabei, auf den Splügen gehen. Man käme beim Gasthaus an der Roflaschlucht vorbei, wo die Wirtsfamilie einst versucht hatte, aus dem versteckten Wasserfall Geld zu machen, nachdem man in Amerika die Niagarafälle besucht hatte. Und vielleicht kämen einem irgendwann die Bilder aus dem Film Reise der Hoffnung in den Kopf, in dem Regisseur Xavier Koller die Geschichte einer türkischen Familie aufgreift, die 1988 von Schleppern am Fuß des Splügen ausgesetzt wurde, und versuchte bei Eis und Schnee den Pass zu bewältigen – eine Verzweiflungsaktion, bei der das Kind starb.

Am neunten Tag dann käme man in Como an, und könnte an der Villa Balbiano die Erfolgsgeschichte des Zürcher Industriellen Abegg ablesen, der von der Seidenspinnerei ins Bankgeschäft direkt durchstartete. Vorher aber man hätte man auf der Alpensüdseite Chiavenna erreicht – und wäre, per pedes, angekommen in einem anderen Land und würde vielleicht finden, noch nie wäre man so in den Frühling gestartet.

 
Leser-Kommentare
  1. Schön zu lesen wie die Schweizer die Wanderwege durch die Alpen erleben. Ich möchte gerne mal eine Tipp zu anderen guten Rezensionen von Büchern des Rotpunktverlag Zürich zum Besten geben: http://www.motorradreisefuehrer.de/ ist ein Portal für Reisende, die gerne solche Bücher lesen und zu Fuß oder mit dem Motorrad unterwegs sind. Schauen sie doch mal rein!
    (Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf Schleichwerbung. Die Redaktion/jk)

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