Großbritannien Die magische Strecke

Im Hafenbecken von Dover proben Schwimmverrückte für die Durchquerung des Ärmelkanals. Sie kämpfen gegen Gezeiten und Feuerquallen. John von Düffel hat sie im Sommer besucht

Der Sand von Shakespeare Beach ist schlammgrau, grobkörnig und glanzlos wie der Rücken eines vorsintflutlichen Tieres, das den Kopf nicht mehr aus dem Wasser hebt. Eisenbahntrasse und Autobahn rauschen dicht vorbei. Shakespeare Beach, das ist ein schöner Name für ein ziemlich hässliches Stück Strand und doch so etwas wie geweihter Boden. Denn hier beginnt der Jakobsweg der Langstreckenschwimmer, ihr größtes Martyrium: die Überquerung des Ärmelkanals von Dover nach Calais.

Ein paar Autominuten entfernt das Hafenbecken von Dover: kein Sand, Steinstrand, Kies. Man taumelt schon, wenn man nur hinunter ans Wasser geht. Die Nordsee lädt nicht gerade zum Baden ein, die eigentliche Verlockung besteht darin, sie zu überwinden. Und doch hält mich die Neugier auf dieses oft verschmähte Meer seit Tagen fest. Wer hier nicht schwimmt, der ist kein Schwimmer.

Die See ist unruhig, aufgewühlt, der Himmel bedeckt, Wolken treiben dahin. Die weiße Fahne oben auf der Felsenburg flattert. »Watch the flag«, sagen die Einheimischen. Wenn sie stramm in der Luft steht, sollte man das Wasser meiden. Doch so schlimm ist es heute nicht. Eher launisch schlägt sie aus, in verschiedene Richtungen, und fällt dann wieder in sich zusammen. Keiner lässt sich davon abhalten zu trainieren. Zoltan, der Kroate, zieht seit zwei Stunden seine Bahnen, zusammen mit seiner Trainerin, einem robbenartigen Wesen, das den Mund nicht aufmacht, allenfalls für einen kurzen Befehl. Sie hat den Ärmelkanal schon zweimal durchschwommen und weiß, wie das geht. Aber sie lächelt nie.

Luther, der Australier, kommt die Kaimauer herunter, begleitet von seinem Coach, der sich die Schirmmütze tief ins Gesicht zieht. Gestern um fünf Uhr morgens waren sie von Shakespeare Beach aufgebrochen zu jener magischen Strecke von England nach Frankreich: dreiunddreißig Kilometer Luftlinie, im Wasser hingegen eine gezeitenbedingte S-Kurve von vierzig bis sechzig Kilometern, ein unwägbares Abenteuer der Tiden, Strömungen und Wetterwechsel. Luther kann schon wieder lächeln und zeigt seine Zähne, ein Baum von einem Kerl mit Schwimmerkreuz und einem Brustkorb, den er aufpumpen kann wie einen Hüpfball. Er ist gescheitert. Nach zehn Stunden und einundfünfzig Minuten. Er war in die Gezeitenfalle geraten. Als Schwimmer, der unter normalen Umständen spielend vier Kilometer in der Stunde schafft, hatte er auf einmal die Strömung gegen sich. Raumgewinn nach zwei Stunden erbittertem Kampf mit dem Meer: einhundert Meter. Eine Meile vor der Küste war Schluss, das Ufer von Calais schon in Sichtweite. Luther grinst mit Tränen in den Augen.

Eine japanische Damenstaffel kommt aus dem Wasser, nach drei Stunden Kältetraining. Das schmächtigste der vier Mädchen zittert erbärmlich, heißer Tee hilft da nicht mehr, ihr Trainer schüttet mehrere Kessel dampfendes Wasser zusammen und übergießt sie damit. Das Zittern hört auf. Die Älteste in der Mannschaft ist in ihrem wirklichen Leben Investmentbankerin in Tokyo und nicht zum ersten Mal hier. Stolz zeigt sie mir die roten Striemen auf ihrem Rücken. Vor zwei Tagen ist sie in einen Schwarm von Feuerquallen geraten. Als ich das Gesicht verziehe, schüttelt sie den Kopf. Nein, nein, es sei nicht so schlimm gewesen, sagt sie in vorzüglichem Oxford-Englisch, es habe endlich einmal auf andere Weise wehgetan.

Es ist eine kleine, eingeschworene Schwimmergemeinschaft, die sich während der Sommermonate in den Wohnwagenparks und Hotels in und um Dover versammelt. Alle haben sie jahrelang für den Tag ihrer Querung gelebt und trainiert. Dover mit seinen viel besungenen weißen Klippen ist vom traurigen Schicksal der englischen Seebäder keineswegs verschont geblieben. Nach ihrer großen Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende und einer kleinen Renaissance in den sechziger, siebziger Jahren folgte der Verfall: Der Ferntourismus lockte mit Sonne und makellosen Stränden, die mit dem Schlammrücken von Shakespeare Beach wenig gemein hatten. Inzwischen kommen wieder mehr Feriengäste: die, die sich die Ferne nicht mehr leisten können, und die Schwimmer mit ihrer Mission.

Als ich ins Wasser wate, kommt mir Brian entgegen, ein Original des Ortes, weit über sechzig, rotgesichtig, Sommersprossen und Narben am ganzen Körper. Darüber, ob er jemals selbst den Ärmelkanal durchschwommen hat, kursieren unterschiedliche Gerüchte. Aber er war bei unzähligen Querungen und Querungsversuchen als Beobachter im Beiboot mit von der Partie. Ob es ihn nicht manchmal langweile, anderen Menschen einen halben Tag lang oder mehr beim Schwimmen zuzusehen, wollte ich bei unserer ersten Unterhaltung wissen. Brian hat den Kopf schräg gelegt und geantwortet, es werde nie langweilig, einem Menschen bei dem Besten zuzuschauen, was er vermag.

Die See, die mit kurzen, kabbeligen Wellen an meine Brust schlägt, ist nicht wärmer als dreizehn Grad, die Lufttemperatur beträgt maximal sechzehn. Ich beiße die Zähne zusammen. Brian, nach seinem täglichen Schwimmausflug am ganzen Leib krebsrot, sieht, wie ich friere, und lacht: »Wenn dir kalt ist, zieh ’ne Badekappe über!« Auf seiner signalgelben Gummikappe stehen die verwaschenen Initialen der Channel Swimming Association, CSA, die das Treiben der Ärmelkanalschwimmer überwacht. Sie hat auch die strengen Regeln dafür aufgestellt, was als Querung gilt und was nicht. Hilfsmittel wie Neoprenanzüge oder Flossen sind verboten. Der wahre Schwimmer startet nur mit Badehose, Schwimmbrille und, natürlich, Badekappe im Morgengrauen von Shakespeare Beach. Einzige Annehmlichkeit: eine Handvoll Melkfett zum Einschmieren von Hals, Achseln, Schenkeln, damit sie sich nicht im Salzwasser wund scheuern. Ich mache Brian zuliebe ein entschlossenes Gesicht, strecke die Arme aus und tauche ein.

Der erste Mensch, der den Ärmelkanal durchschwamm, war Captain Matthew Webb. Er brauchte zweiundzwanzig Stunden. Nach seiner erfolgreichen Überquerung am 24. August 1875 befand sich England im Ausnahmezustand. Der Ärmelkanal schien auf einmal durch Menschenkraft allein bezwingbar. Als ein Reporter von Webb wissen wollte, wie er sich fühle, antwortete der Schwimmgigant, es gehe ihm gut. Er habe nur einen leichten Muskelkater in den Beinen wie zu Beginn der Kricketsaison. Tatsächlich konnte Webb nach seinem Schwimm-Marathon eine Woche lang kein Hemd tragen. Um seinen Hals hatte sich ein tiefroter Ring blanken Fleisches gebildet. Später hat man ein Schmierfett nach ihm benannt.

Webb war die gesamte Strecke im Bruststil geschwommen, das Kraulen war noch nicht erfunden. Gut fünfzig Jahre dauerte es, bis 1926 die erste Querung im Freistil gelang – durch eine Frau. Gertrude Ederle, eine Amerikanerin deutscher Abstammung, schaffte die gesamte Strecke in vierzehn Stunden und einunddreißig Minuten. Damit unterbot sie den damaligen Rekord der Männer um zwei Stunden. Der Preis, den sie dafür zahlte, war hoch. Durch die unentwegten Wellenschläge nahm ihr Gehör nachhaltig Schaden. Gertrude Ederle litt seitdem an Gleichgewichtsstörungen und wurde zeitlebens von Nervenzusammenbrüchen heimgesucht.

Inzwischen sind viele dem Beispiel von Captain Webb und Gertrude Ederle gefolgt, Rekordjäger, Schwimmverrückte, Wasserpilger. Doch die Strecke ist dadurch nicht kürzer oder ungefährlicher geworden. Nach Zählung der CSA haben es nicht einmal siebenhundert Menschen überhaupt geschafft, weitaus weniger, als bisher auf den Mount Everest geklettert sind. Und manche kehren nie mehr zurück, wie jener ehrgeizige Schweizer, der ohne jedes Anzeichen von Erschöpfung neben seinem Beiboot durch die Wellen tauchte und plötzlich nach einem kleinen Schaumwipfel verschwunden war. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Nach den ersten Bahnen durchs Hafenbecken ist die Kälte nur noch ein vages Prickeln auf meiner Haut. Die Nordsee überrascht mich mit ihrer Geschmeidigkeit, ihrer Frische, ihrem feinen Salzgeschmack – nicht wie das lauwarme Spaghetti-Wasser des Mittelmeers, in dem man beim Schwimmen schwitzt. Am Ende des Hafenbeckens geben die Kaimauern den Blick frei auf die herbe Schönheit grauschwarzer Wellen, deren Schaumkronen mir in wildem Spiel um die Ohren fliegen. Überwindung verwandelt sich in Glücksgefühl, der Klammergriff der Kälte in eine angenehme Taubheit. Doch auch die kann trügerisch sein. Bei Schwimmern, die zu dünn sind für den Kanal, die nicht die richtige Fettschicht haben, beschränkt sich der Kreislauf zunehmend auf die inneren Organe, das kalte Blut aus den Extremitäten wird kaum noch bis zum Herz gepumpt, und wenn, dann verursacht es schmerzhafte Kältestöße. Wenn diese Schwimmer nach ihren Trainingsrunden aus dem Wasser kommen, haben sie kein Gefühl mehr in den Beinen. Einige müssen regelrecht herausgezogen werden.

Als ich nach anderthalb Stunden aus dem Hafenbecken kraxele, sitzt Brian noch am Kai, vor sich eine Thermoskanne mit heißem Tee, den er mit irgendetwas Hochprozentigem »verdünnt« hat. Er bietet mir einen Schluck von seinem Spezialgrog an, ich setze mich neben ihn und schaue aufs Wasser. Wenn nur die Kälte nicht wäre. Unterkühlung ist einer der häufigsten Gründe für den Abbruch eines Querungsversuchs. Bei einigen Schwimmern wurde eine Kerntemperatur von einunddreißig Grad gemessen. Bei dreißig Grad beginnt das Sterben.

Ich frage Brian, ob eine Chance besteht, dass es wärmer wird. Wir reden übers Wetter, die Fahne auf der Felsenburg im Blick. Selbst nach ein paar sonnigen Tagen, meint Brian, erreicht das Wasser hier nicht mehr als achtzehn Grad, außerdem ist die Wetterlage über dem Kanal notorisch unbeständig. »Also, kauf dir eine Badekappe«, wiederholt er seinen Rat. – Achtzehn Grad, denke ich, das halte ich vielleicht zwei, drei Stunden aus, aber niemals zehn oder zwölf. Brian sieht mich von der Seite an, er scheint zu wissen, was in mir vorgeht. »Die Temperatur hat auch ihr Gutes«, sagt er tröstend: »Für Haie ist das Wasser des Ärmelkanals in der Regel zu kalt.«

Informationen:  Channel Swimming Association, 381 New Ashby Road, Loughborough, Leicestershire, England LE 11 4 ET, Tel./Fax 0044-1509/ 55 41 37. www.channelswimmingassociation.com

John von Düffel, geboren 1966, lebt als Schriftsteller und Dramaturg in Hamburg. Gerade erschien bei DuMont, Köln, sein Buch »Wovon ich schreibe«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service