Überflieger am Klavier
Der Junge, der auf Eiswürfeln schlief
Der amerikanische Ausnahme-Pianist Kit Armstrong ist erst 16 Jahre alt und eines der seltsamsten Talente der klassischen Musik
Kit Armstrong ist ein besonderer Pianist. Besonders müssen alle Pianisten sein, die es in der Klassikbranche zu etwas bringen wollen: besonders virtuos oder besonders musikalisch, besonders exzentrisch oder besonders jung – und am besten alles zugleich. Aber Armstrong hat etwas, das sonst keiner hat: einen emphatischen Fürsprecher, Alfred Brendel. Der saß im vergangenen Jahr bei seinem Bühnenabschiedsinterview mit der ZEIT in seinem Londoner Arbeitszimmer und schwärmte in den höchsten Tönen von einem jungen Amerikaner taiwanesischer Abstammung, den er in seine Obhut genommen habe. Eine »außerordentliche Vielfachbegabung« sei ihm da untergekommen, einer, der ein ganz Großer zu werden verspreche. Brendel sprach – ganz gegen seine skeptische Art – von einem »richtigen Wunderkind«. Wer daraufhin den Namen Kit Armstrong auf YouTube im Internet eingab, entdeckte ein Video, das den Auftritt eines asiatischen Knaben in der Late-Night-Show von David Letterman zeigt. Ein zehnjähriger Knirps führt da in weißem Hemd und roter Fliege, umjubelt vom Studiopublikum, ein selbst komponiertes Stück vor. Wer also ist dieser Kit Armstrong, der laut Brendel inzwischen die Reife besitzt, die internationalen Konzertpodien zu erobern?
Vergangene Woche debütierte er in Hannover und Hamburg, weitere Auftritte in Deutschland werden im Verlauf des Jahres folgen. Hemd und Fliege aus der Kinderstargarderobe trägt er immer noch, wenn er mit leicht roboterhaften Bewegungen an den Flügel tritt. Kit Armstrong sieht aus wie zwölf, obwohl er bald seinen 17. Geburtstag feiert und bereits ein abgeschlossenes Hochschulstudium in Musik und Mathematik hat. Wundersame Geschichten gibt es viele über ihn. Die erste erzählt seine Mutter schon beim Smalltalk vor dem eigentlichen Interviewtermin. Ihr Sohn, der in Kalifornien aufgewachsen ist, habe nichts gegen das nasskalte Hamburger Wetter, sagt sie, er liebe es kühl. Als Kit im Kleinkindalter fieberte, füllte Frau Armstrong eine Gummiwärmflasche mit Eiswasser und schob sie dem Jungen unter den heißen Kopf. Das tat ihm so wohl, dass er von da an jeden Abend nach der Kühlung verlangte. Bis ins Teenageralter bettete Kit sein Haupt nicht wie andere Menschen auf einem weichen Kissen, sondern auf geschmolzenen Eiswürfeln. Ihre Freunde, sagt Frau Armstrong, hätten die Sache immer damit erklärt, dass das Gehirn des Jungen ein kleines Atomkraftwerk sei, das ständig gekühlt werden müsse.
Als Kindergartenkind las er über Musik – und fing an zu komponieren
Frau Armstrong, eine Investmentbankerin, hat ihr einziges Kind allein großgezogen und ihr Leben auf die Erfordernisse eines Hochbegabten abgestimmt. Als Kit in die Grundschule kam, peilte er parallel dazu schon den Highschool-Abschluss an und war schließlich mit sieben Jahren der Jüngste, der jemals als Student an der Chapman University of California aufgenommen wurde. Ganze Tage, sagt die Mutter, habe sie in ihrem Volvo auf den Freeways mit Taschen voller Lunchpakete zwischen den Unterrichtsorten zugebracht. Der Sohn hört den Geschichten schweigend zu. Man kann an seinem Gesichtsausdruck nicht erkennen, wie sehr ihn solche Gespräche interessieren. Nur ab und zu korrigiert er ein Detail in den Formulierungen der Mutter. Am Tisch des Thairestaurants hat er sofort die kunstvoll in Form einer Seerose gefaltete Stoffserviette auseinandergenommen und auf dem Tisch glatt gestrichen. »Hast du’s?«, fragt die Mutter, der Sohn nickt. Es geht um die Faltstruktur. Kit ist ein Meister des Origami, der japanischen Kunst des Papierfaltens. Den komplexen Bauplan für das Origami-Huhn, das seine Internetseite ziert, hat er sich selbst ausgedacht. 40 Minuten soll es dauern, bis das Tier fertig gefaltet ist.
Wer den Armstrongs gewöhnliche Fragen stellt, darf nicht mit gewöhnlichen Antworten rechnen. Wie kam Kit zur Musik? Als Kindergartenkind wühlte er sich lesend durch dicke Enzyklopädien und begann zu komponieren aufgrund der Informationen in einem Kapitel über Musik. Ein halbes Jahr später kaufte die Mutter ein Klavier, von dem das Kind nicht mehr wegzukriegen war. Gab es musizierende Verwandte oder prägende Konzerterlebnisse? »Wir hatten nicht einmal einen CD-Spieler«, sagt Frau Armstrong. »Ich glaube, das erste Konzert, das ich besucht habe, war mein eigenes«, sagt der Sohn.
Für Kit scheint es im Aneignen von Fähigkeiten nur eine Richtung zu geben – hinab in die Tiefe, ins Supergenaue. Schwindelnd blickt man in die Schächte des Spezialwissens, die er sich gegraben hat. Die Kulturstätten Europas ist die Mutter in klassischer Wunderkindbildungstradition mit ihm abgefahren. »Weißt du noch, das schöne Wagner Museum in Bayreuth?«, fragt Frau Armstrong. Kit: »Ich habe keine Erinnerung. Ich kann mir nur merken, was mich interessiert.« Zwei Hühner hat er bis vor einem Jahr als Haustiere besessen, das eine hieß Nitrogen, das andere Carbon. Kit interessiert sich für Chemie.
Am Abend, im Konzert, erfährt man dann, worauf das ungewöhnliche Brendel-Lob musikalisch gründet: Kit Armstrong spielt Bach, Mozart, Debussy und Mendelssohn. Keine einzige der Klavierzirkusnummern hat er im Programm, mit der Jungstars sonst so gern reüssieren. Sein Bach-Spiel ist von kristalliner Klarheit und gedankenhell im Erfassen der polyfonen Strukturen. Wie eine kostbare Mineraliensammlung breitet er die dreistimmigen Inventionen aus, hier die Linien kantenscharf herausstellend, dort auf ein überraschendes Farbprisma verweisend. Armstrong scheint mehr für sich selbst zu spielen als für das Publikum. Das Bühnentier in ihm ist noch nicht erwacht, wenn es denn überhaupt in ihm schlummert. Beim Applaus zielt sein scheues Kinderlächeln über die Stuhlreihen hinweg ins Leere.
Der gefräßige Markt schnappt schon nach dem leckeren Wunderkind
Armstrongs Spiel gleicht eher einem Teilhabenlassen am Denken in Tönen als einer temperamentsprühenden Aufführung. Freilich blitzgescheit und von großer Einlässlichkeit ist dieses Denken. Jeder Satzcharakter, jeder Tempowechsel, jeder Phrasierungsverlauf scheint dem Interpreten präzise vor Augen zu stehen, bevor er ihn ausformuliert. Jede Pointe sitzt, und die Finger laufen sowieso mit virtuoser Selbstverständlichkeit. Für Mozarts D-Dur-Sonate KV 576 hat er ein bisschen zu lange auf den Eiswürfeln gelegen. Sie klingt noch zu unpersönlich, wie mit dem Lineal gezogen. Und sein eigenes Stück Message in a Cabbage ist nicht viel mehr als neoklassizistische Formspielerei, ein Malen nach den Zahlen, die der Jungkomponist ausgetüftelt und raffiniert ineinander verschachtelt hat. In den Images von Debussy war hingegen schon eher zu vernehmen, dass da ein Interpret heranwächst, der sich von den Noten zu lösen vermag und mit Fantasie abhebt.
Reicht das für eine Superstarkarriere? Armstrongs Management und Alfred Brendel fürchten nichts mehr als das. Langsam wollen sie ihr Talent aufbauen; keinesfalls soll es mit Gel in den Haaren in den Freiluftarenen enden wie Lang Lang. Aber beim Konzert im Hamburger Bechstein Centrum war schon zu spüren, wie der Markt sein gefräßiges Maul aufzusperren und nach dem Leckerbissen zu schnappen beginnt. Die ersten Festivalintendanten waren ebenso anwesend wie die Schallplattenscouts, und die Sensationsjournalisten haben sich die Sprüche vom »Mozart des 21. Jahrhunderts« längst parat gelegt. Zu abenteuerlich ist diese Lebensgeschichte und zu gut sein Klavierspiel, als dass Kit Armstrong unbeachtet bleiben könnte. Vielleicht wird er über den Ansturm mit seinem exzentrischen Gleichmut triumphieren. Vielleicht wird er in falsche Hände geraten und untergehen, bevor er groß herausgekommen ist. Ein besonderer Pianist ist Kit Armstrong allemal.
Das Essen sei ihm wichtig, hat er im Restaurant erzählt. Eine große Mahlzeit brauche er vor jedem Konzert und eine danach. Es war die einzige Auskunft, die er im ganzen Gespräch ungefragt erteilt hat. Immerhin: Das Wunderkind isst – eine gute Grundlage für alles, was nun kommt.
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- Datum 28.2.2009 - 18:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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Der Name Kit Armstrong begegnete mir das erste mal, als ich im vergangenen Jahr ein Interview der ZEIT mit dem Pianisten Alfred Brendel las. Und nun begegnete mir dieser Mensch erneut, an einem Mittwochabend, als ich mir die Vorschau für die kommende Donnerstag-Ausgabe (26.02.2009) ansah.
Seitdem lässt mich die Geschichte dieses Jungen nicht mehr los. Kit lernte mit neun Monaten sprechen, kurz darauf fing er an zu zählen und rechnen. Mit fünf Jahren komponierte er und gab sein Konzertdebüt im Alter von acht Jahren. Mit neun Jahren ging er auf die Universität und machte seinen Highschool-Abschluss nebenbei. Sein Musik- und Mathematikstudium hat er auf der Royal Academy of Music und auf dem Imperial College in London abgeschlossen. Beide Universitäten zählen in ihrem Gebiet zu den besten weltweit. Das und einige Details mehr, kann man der Wikipedia Seite entnehmen.
Meine Reaktion lässt sich in drei Phasen beschreiben: Erst Verblüffung, anschließend großer Neid und darauf folgte die Wut auf einen selbst. "Wird man als Genie geboren?", war eine der zentralen Fragen, die ich mir selbst stellte. Oder ist es der Wille zu leisten? Das Interview und der Artikel zu dem Interview der Süddeutschen Zeitung lassen erahnen, welcher Gigant unter Menschen sich da aufgemacht hat, die Welt zu erobern.
In einem so jungen Alter (16) verwendet Kit eine Sprache, die so präzise, so vielschichtig und knapp ist, dass man das Gefühl hat, von einer Lawine an Potential überfallen zu werden. Wie ist das möglich?
Wie Alfred Brendel es schon andeutete, lässt sich anhand von Kit ungefähr erahnen, in welchem Sphären und Dimensionen Menschen wie Albert Einstein oder Mozart gedacht haben müssen. Sie sind Giganten unter Menschen.
Als Alfred Brendel Kit fragte, was er las, weil er wahrscheinlich wenig Zeit zum lesen habe, sagte Kit darauf: "I read fast."
Wenn man Kits Klavierspiel einmal gehört hat, dann fällt es einem schwer, sich noch andere virtuose Solisten anzuhören. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass man enttäuscht wird.
Kit ist Genie und Wunder zugleich, anders lässt es sich nicht sagen.
Hübsch zu lesen wie sich Menschen von einem sogenannten Genie oder Giganten unter Menschen verunsichern lassen. Leben Sie doch Ihr leben! Vergeuden sie doch keine Zeit mit Neid! Dieses Genie wird auch nur leben weil die anderen es zulassen. Seine Mutter hat ihn gelassen und die Möglichkeiten geboten und er hatte Glück das seine Gehrinstrukturen so sind, das er diese so ernome Leistungen vollbringen kann. Die Welt retten kann er auch nicht. Ob er ein guter Mensch ist und Respekt haben kann vor anderen Menschen wird sich zeigen. Ob er Glück hat und mit seine Fähigkeiten auch zufrieden sein kann beleibt abzuwarten oder ob ihn seine Neugier zu Tode frißt. Wir werden sehen. Und schon wirkt das alles gar nicht mehr so extrem sondern nach einem Menschen der ebenfalls hier auf Erden lebt und sein Glück versucht. Menschen werden nicht unnötig nur weil es andere Menschen gibt mit besseren Gehirnfunktionen. Ersetzbar sind wir alle. Möglicherweise sind alle meine Fußspuren im Schnee vollkommen belanglos und werden von einem meiner jüngeren Nachfolger komplett überdeckt, weil seine größer besser oder sowas ähnliches sind. Vielleicht werden diese auch vergessen. Wer weiß. Was macht das schon wenn meine Freunde mich mögen und wir eine gute Zeit haben. Und ich hier sein kann und vielleicht Zufriedenheit finden kann. Meine Gedanken oder Emotionen werden doch nicht schlecht nur weil ein anderer diese Gedanken oder Emotionen schon vor mir hatte oder weil eine Genie meine Gedanken und Emotionen komplett subsumiert. Ich fühle, denke und bin, dass sollte eigentlich genügen um zufrieden zu werden.
TyRell, ich denke man muss nicht neidisch oder wütend sein.
Das ist ein sehr spezieller Mensch, und für das, was ihm gegeben ist, fehlt ihm anderes.
Roboterhafte Bewegungen, schreibt Herr Spahn, und dass er in sich gekehrt ist und kaum spricht - dafür aber Serviettenfaltungen analysiert.
In der SZ noch deutlicher: Er nimmt den Interviewer zuerst gar nicht wahr. Er gibt seinen Haustieren unpersönliche Namen. Persönliche Fragen langweilen ihn. Das Alter von Menschen interessiert ihn nicht. Er liest wissenschaftliche Bücher, nichts anderes. Seine Interessen gleichen Tunneln, alles daneben lässt ihn gleichgültig.
Im Interview antwortet er extrem kurz, präzise und nimmt alle Fragen wörtlich. Seine logische Brillanz lässt das wie ein geistreiches Duell mit dem Gesprächspartner erscheinen.
An einigen Punkten hat er aber ersichtlich die Implikation der Frage nicht verstanden. Beispiel:
Ob er eine frühere Komposition heute als eitel empfinde, fragt der Interviewer. - "Nein"
Als zu offensichtlich?
"Natürlich erscheint sie mir als offensichtlich. Immerhin habe ich sie geschrieben. "
Solche Umdeutungen passieren mehrfach, sie wirken ebenso witzig wie fremdartig - und sind offenbar völlig ernst gesagt worden.
Der Junge ist ein unfassbar Hochbegabter, keine Frage. Seine irrwitzigen Begabungen sind Begleiterscheinung und kompensieren gleichzeitig das, was er nicht vermag.
Ein spezielles Menschenkind, wirklich.
...
Vituosität ist empfangene Gnade und fleißige Arbeit über viele viele Jahre. Was darunter spielt ist kindlicher Zirkus und Varieté - wenn es gut wirkt, bringt es viel ein.
aber nicht von Künstlern
Aber Armstrong hat etwas, das sonst keiner hat: einen emphatischen Fürsprecher, Alfred Brendel. Der saß im vergangenen Jahr bei seinem Bühnenabschiedsinterview mit der ZEIT in seinem Londoner Arbeitszimmer und schwärmte in den höchsten Tönen von einem jungen Amerikaner taiwanesischer Abstammung, den er in seine Obhut genommen habe.
Naja, ist ja klar, dass Brendel von ihm begeistert ist, wenn er ihn in seine Obhut genommen hat.
Bei mir lösen diese ganzen Hagiografien, dieses ganze Stardom- und Exzellenzeugs langsam nur noch Allergien aus. Warum brauchen Menschen diese Überhöhungen nur? Ich will die Musik hören, je besser desto besser.
Diese masturbation mentale, dieses kleinkindhafte Verzücken, dieses Wolferln angesichts des Unfassbaren dagegen ist einfach schrecklich. Wie hätte Bruno Monseignon (hoffentlich richtig buchstabiert) diese irrsinnig tollen Filme mit Glen Gould machen können, wenn er sich ihm mit der gleichen scheu schweifwedelnden Attitude von unten genähert hätte?
(ver)brauchen wir eigentlich noch, um z. B. der Klassik näher zu kommen. Haben wir die vorherigen überhaupt schon adäquat verarbeitet und kapiert, all die musikalischen Nuancen, die sie interpretativ neu eingespielt haben?
Mein Gott, ein Wunder jagt das andere, vergleichen wir, um zu verstehen? Ich höre schon von Föten, die über ausgeklügelte Sensorik pränatal die Goldberg-Variationen einspielen. Wären nicht sogar Sequenzen des genetischen Codes an instrumentales Equipment andockbar – um quasi Stammzellen-Virtuosität zu programmieren? Ich beanspruche kulturkritisches Patent.
Hübsch zu lesen wie sich Menschen von einem sogenannten Genie oder Giganten unter Menschen verunsichern lassen. Leben Sie doch Ihr leben! Vergeuden sie doch keine Zeit mit Neid! Dieses Genie wird auch nur leben weil die anderen es zulassen. Seine Mutter hat ihn gelassen und die Möglichkeiten geboten und er hatte Glück das seine Gehrinstrukturen so sind, das er diese so ernome Leistungen vollbringen kann. Die Welt retten kann er auch nicht. Ob er ein guter Mensch ist und Respekt haben kann vor anderen Menschen wird sich zeigen. Ob er Glück hat und mit seine Fähigkeiten auch zufrieden sein kann beleibt abzuwarten oder ob ihn seine Neugier zu Tode frißt. Wir werden sehen. Und schon wirkt das alles gar nicht mehr so extrem sondern nach einem Menschen der ebenfalls hier auf Erden lebt und sein Glück versucht. Menschen werden nicht unnötig nur weil es andere Menschen gibt mit besseren Gehirnfunktionen. Ersetzbar sind wir alle. Möglicherweise sind alle meine Fußspuren im Schnee vollkommen belanglos und werden von einem meiner jüngeren Nachfolger komplett überdeckt, weil seine größer besser oder sowas ähnliches sind. Vielleicht werden diese auch vergessen. Wer weiß. Was macht das schon wenn meine Freunde mich mögen und wir eine gute Zeit haben. Und ich hier sein kann und vielleicht Zufriedenheit finden kann. Meine Gedanken oder Emotionen werden doch nicht schlecht nur weil ein anderer diese Gedanken oder Emotionen schon vor mir hatte oder weil eine Genie meine Gedanken und Emotionen komplett subsumiert. Ich fühle, denke und bin, dass sollte eigentlich genügen um zufrieden zu werden.
TyRell, ich denke man muss nicht neidisch oder wütend sein.
Das ist ein sehr spezieller Mensch, und für das, was ihm gegeben ist, fehlt ihm anderes.
Roboterhafte Bewegungen, schreibt Herr Spahn, und dass er in sich gekehrt ist und kaum spricht - dafür aber Serviettenfaltungen analysiert.
In der SZ noch deutlicher: Er nimmt den Interviewer zuerst gar nicht wahr. Er gibt seinen Haustieren unpersönliche Namen. Persönliche Fragen langweilen ihn. Das Alter von Menschen interessiert ihn nicht. Er liest wissenschaftliche Bücher, nichts anderes. Seine Interessen gleichen Tunneln, alles daneben lässt ihn gleichgültig.
Im Interview antwortet er extrem kurz, präzise und nimmt alle Fragen wörtlich. Seine logische Brillanz lässt das wie ein geistreiches Duell mit dem Gesprächspartner erscheinen.
An einigen Punkten hat er aber ersichtlich die Implikation der Frage nicht verstanden. Beispiel:
Ob er eine frühere Komposition heute als eitel empfinde, fragt der Interviewer. - "Nein"
Als zu offensichtlich?
"Natürlich erscheint sie mir als offensichtlich. Immerhin habe ich sie geschrieben. "
Solche Umdeutungen passieren mehrfach, sie wirken ebenso witzig wie fremdartig - und sind offenbar völlig ernst gesagt worden.
Der Junge ist ein unfassbar Hochbegabter, keine Frage. Seine irrwitzigen Begabungen sind Begleiterscheinung und kompensieren gleichzeitig das, was er nicht vermag.
Ein spezielles Menschenkind, wirklich.
genial, ob er wirklich Neues schaffen wird wie Mozart oder Einstein, wird sich erweisen.
Und erst darin erweist sich dann wirkliche Genialität.
Im übrigen scheint sie, diese Höchstbegabung, mit einem gewissen, milden Autismus erkauft.
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