Klar, es gab den Fall Jessica in Hamburg. Die Siebenjährige verhungerte 2005, während ihre Eltern trinkend und rauchend in der Kneipe versackten. Seither haben zahlreiche Meldungen von vernachlässigten Kindern die Bürger verstört. Und manchen zu dem Fehlschluss verleitet, man könne vom tragischen Einzelfall auf die große Mehrheit der Hartz-IV-Familien schließen. So durfte der CDU-Politiker Philipp Mißfelder durchaus auf Beifall hoffen, als er verkündete: Die geplante Erhöhung des Sozialgelds für 6- bis 14-jährige Kinder sei nichts anderes als eine indirekte Subvention für die Tabak- und Spirituosenindustrie.

Mißfelders Ignoranz ist gleichwohl empörend. Ein Blick in den Familienreport, den seine Parteifreundin Ursula von der Leyen vergangene Woche vorlegte, hätte seine Vorurteile widerlegt. Die Familienministerin beklagt darin, dass Alleinerziehende in Deutschland kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten. Die Folge: Über 40 Prozent von ihnen seien auf Hartz IV angewiesen. Schließt Mißfelder aus diesem Familienmodell auf einen »liederlichen« Lebenswandel – und auf Alkoholismus? Alleinstehende Mutter gleich schlechte Mutter, die sich um das Wohl ihres Kindes nicht schert? Immerhin stellt der Nachwuchs von Alleinerziehenden die größte Gruppe unter den Hartz-IV-Kindern, die von Juli an etwas mehr Geld bekommen sollen.

Auch diejenigen, die das katholische Familienideal leben, sind vor Mißfelder nicht sicher. Oder haben sie alle nur im Suff die Pille vergessen? Jedes vierte Paar mit drei und mehr Kindern benötigt die staatliche Unterstützung – oft zusätzlich zum Gehalt des Vaters, weil die Mutter nicht mehr mitarbeiten kann. Das stellte auch der jüngste Armutsbericht der Regierung fest, den der Chef der Jungen Union entweder nicht kennt oder ignoriert.

Untersuchungen belegen, dass weit unter zehn Prozent der Hartz-IV-Mütter und -Väter vom Sozialgeld ihrer Kleinen etwas für sich selbst verwenden. Die überwiegende Mehrheit aber zweigt umgekehrt von der eigenen Unterstützung noch etwas für die Kinder ab. Zu Recht fühlen sich diese Eltern verleumdet.

Für Kinder zwischen 6 und 14 Jahren gibt es derzeit etwa 40 Prozent weniger Geld als vor der Einführung von Hartz IV; sie sind seither Säuglingen gleichgestellt. Die Bundesregierung hat inzwischen begriffen, dass Schulkinder doch mehr Bedarf haben als Babys. Wenn sie nicht beschlossen hätte, ihnen von Juli an 35 Euro mehr zu geben, dann hätte das Bundessozialgericht eine Erhöhung angemahnt.

Gegen ein kostenloses Schulessen für arme Kinder, wie Mißfelder es fordert, ist nichts einzuwenden. Schulkinder brauchen trotzdem mehr Geld. Und es muss klar sein: Den vernachlässigten Kindern hilft man nicht, indem man ihren Eltern möglichst wenig finanzielle Unterstützung gibt – die Familien müssen besser betreut werden. Für die vielen Hartz-IV-Kinder hingegen, deren Eltern liebevoll für sie sorgen, bedeutet etwas mehr Geld auch etwas bessere Chancen. Übrigens: Alkoholiker gibt es auch in den besten Kreisen – zum Leid ihrer Kinder.

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