Österreich Viel Berg vor der Hütte
Die Kristallhütte im Hochzillertal ist nur mit Skilift zu erreichen. Sie ist cool wie ein Szenetreff, gemütlich wie eine Wirtsstube und edel wie ein Luxushotel

© djd/Diageo
Im Zillertal können sich Skifans austoben
In der Nacht hat es wieder geschneit. Jetzt wölbt sich ein makelloses Blau über die Berggipfel, die Wolken liegen tief unter uns in den Tälern. Als wären die Dörfer, Straßen und Wälder unter lauter Wattebäuschen verschüttet, als gäbe es nur noch uns auf der Welt. Uns und die Hütte und all die Berggipfel rund um uns herum. Drüben hinter den Kitzbüheler Alpen geht gerade die Sonne auf, alle paar Minuten wechseln die schneebedeckten Berge ihre Farbe, sind kaltblau und weiß und rosa, alles nacheinander und alles gleichzeitig. Vor uns auf dem Tisch wird schon der Frühstückskaffee kalt, weil wir unsere Blicke von dieser Szenerie nicht losreißen können. Da geht die Hüttentür auf, und ein Skifahrer rumpelt in die Stube. Es ist der junge Münchner, der gestern den ganzen Abend mit seinem Laptop am Kamin saß und arbeitete. Er muss lange vor uns aufgestanden sein, die Hütte in der Dämmerung bereits verlassen haben, um als Erster seine Spur in die frisch verschneiten Hänge zu zeichnen. Er hat einen Schwall Schneeluft mit in die Stube gebracht – ein Versprechen auf einen weiteren traumhaften Skitag hier in der Kristallhütte und draußen auf den Pisten.
Die Kristallhütte steht hoch über dem Zillertal, auf einer Kuppe, 2147 Meter über dem Meer, auf Augenhöhe also mit den meisten Gipfeln der Tuxer, der Zillertaler und der Kitzbüheler Alpen. Zu erreichen ist sie im Winter nur per Skilift oder auf Skiern, im Sommer nur nach einem einstündigen Fußmarsch. Von außen unterscheidet sie sich kaum von anderen Skihütten: ein Blockhaus mit flachem Giebel, Balkone unter breiten Vordächern, Sprossenfenster. Doch hinter der hellen Holzfassade steckt ein außergewöhnliches Hotel, ein Spitzenrestaurant, ein Szenetreff, ein solides Tiroler Wirtshaus – alles zugleich. Hier macht der junge coole Snowboarder genauso Urlaub wie der deutsche Bundespräsident. Bei manchen Einheimischen trägt sie deshalb den Titel Präsidentenhütte, offiziell wurde sie mehrfach als »beste Skihütte der Alpen« prämiert.
Begonnen hat alles mit dem Traum von Stefan Eder. Stefan Eder ist der Hüttenwirt, ein sportlicher Mann, Anfang 30, klug, neugierig, offen. Einer, den man eher für einen Geografiestudenten der Innsbrucker Uni hält als für einen Hüttenwirt und der das Gepäck der Gäste noch selbst mit dem Schneemobil von der Seilbahnstation abholt. Die Hotelfachschule hat er besucht, er hat als Kellner und Restaurantleiter im Ausland gearbeitet, und als er zurück ins Zillertal kam, wollte er nicht in das Spitzenrestaurant seiner Eltern mit einsteigen, sondern etwas Eigenes aufbauen. »Ich träumte von einer Skihütte oben in den Bergen, in der man auf nichts verzichten muss, was das Leben schön macht.« Ausgezeichnetes Essen, beste Weine, perfekten Service und Internetanschlüsse in den Zimmern. Er schrieb das Konzept auf und zeigte es den Besitzern des Skigebiets Hochzillertal. Die bauten die Kristallhütte an einem der höchsten Punkte ihres Areals und gaben Stefan Eder einen Pachtvertrag.
Wir könnten 155 Kilometer weit fahren, ohne eine Piste zweimal zu nehmen
Zum Konzept gehörte auch, den Gastraum mit einer riesigen offenen Feuerstelle zu schaffen, wie es sie in keiner anderen Hütte gibt. Zahlreiche Sofas und Sitzbänke stehen um den nach allen Seiten offenen Kamin. Er ist der Mittelpunkt des Hauses. In anderen Hütten hätte man hier sicherlich noch ein Paar Tische gesetzt, um hungrige Skifahrer abzuspeisen. In der Kristallhütte aber geht es ums Zeithaben. Wobei am meisten Zeit natürlich jene Gäste haben, die nicht nur tagsüber einkehren, sondern hier logieren. Während sich andere Skifahrer unten im Tal noch zur Seilbahnstation kämpfen, Skipässe kaufen, Schlange stehen und sich in die Gondeln drängen, trinken wir noch einen Kaffee vor dem knisternden Feuer. Und erst kurz nach zehn, als es in der Hütte und auf der Terrasse voller wird, weil die Tagesgäste anrücken, da holen wir unsere Ski aus dem Keller, schnallen sie direkt vor der Haustür an, machen ein, zwei Schlittschuhschritte und sind schon mitten auf der Abfahrt.
Wir schwingen hinunter zum Panorama-Schlepplift und gleich noch weiter über die steile schwarze Abfahrt zum Schnee-Express, einer Achter-Sesselbahn, die uns wie eine riesige Baggerschaufel aufnimmt und oben auf dem Öfelerjoch wieder auskippt. Dann fahren wir bis Hochfügen. Wir haben die Auswahl unter fünf Seilbahnen, zehn Sesselliften und 20 Schleppliften, und wenn wir wollten, könnten wir 155 Kilometer weit brettern, ohne eine Abfahrt zweimal zu nehmen. Eine gute Stunde noch geht es auf und ab, bis sich der Hunger meldet. Sollen wir in Hochfügen bei Alexander Fankhauser einkehren, dem österreichischen Fernsehkoch, der abends ein Sterne-Restaurant betreibt mitten im Skigebiet, mittags aber in der Wirtshausküche steht und auch zu Wirtshauspreisen nicht unter seinem Niveau kocht? Oder in der Kaltenbacher Skihütte, wo es Wiener Schnitzel vom Hirsch gibt? Beides klingt verlockend, aber es zieht uns an diesem frühen Nachmittag doch wieder zurück in die Kristallhütte.
Abends gibt es gratinierte Heusuppe mit geschmorter Rehschulter
Der Kellner bringt eine Zillertaler Graukassuppe, danach hausgemachte Spinatknödel. Später suchen wir uns ein Plätzchen in der Kristall-Lounge, der Terrasse auf der Südseite der Hütte. Dicke Glasscheiben schützen vor dem Bergwind, jede Menge Schaffelle liegen bereit. Junge Skifahrer haben es sich auf Holzpritschen und Sofas bequem gemacht, liegen entspannt in der Sonne, während aus den Boxen sanfte Chill-out-Musik kommt und freundliche junge Kellnerinnen und Kellner Chai servieren.
Als die Sonne untergeht, leuchten die Berge pfirsichrot. Die letzten Skifahrer brechen auf zu ihrer letzten Abfahrt ins Tal. Es wird ruhig auf der Kristallhütte, gleich sind wir wieder unter uns, wir, die das Glück haben, in einem der acht geräumigen Zimmer unter dem Dach der Kristallhütte schlafen zu können. Vor dem Abendessen werden wir uns zu einem Aperitif am Kaminfeuer treffen. Heute soll es gratinierte Heusuppe geben mit geschmorter Rehschulter, dann einen lauwarm gebeizten Bachsaibling, anschließend ein Confit von der Entenkeule mit Ziegenkäseravioli. Doch bis dahin sind es noch drei Stunden. Gestern haben wir diese Zeit genutzt, um im Whirlpool auf der Terrasse zu entspannen, wir saßen im 38 Grad warmen Wasser und ließen uns einen Grünen Veltliner aus dem Weinviertel servieren, eine von 33 österreichischen Weißweinsorten auf der Karte des Hauses.
Heute gehen wir in die Sauna. Der ideale Abschluss für so einen Skitag! Nach dem Saunagang treten wir hinaus vor die Hütte, stehen nackt und dampfend im Schnee und staunen. Es ist still, nur das leise Knirschen des Schnees unter den Füßen ist zu hören. Über uns leuchten die Sterne im Schwarz des Himmels, und hinter einem Berg geht gerade der Mond auf. Doch dann irrlichtern plötzlich zwei Scheinwerfer den Hang herauf: eine der Pistenraupen, die die Abfahrten für den nächsten Skitag präparieren. Der Fahrer steuert direkt auf uns zu, dreht schließlich kurz vor uns ab und rattert wieder den Berg hinunter. Wahrscheinlich hat er sich nicht einmal besonders gewundert über die zwei nackten, dampfenden Gestalten im Schnee. Seit es die Kristallhütte gibt, ist oben auf dem Berg alles ein bisschen anders.
- Datum 03.03.2009 - 17:45 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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