Kunstmarkt Wo liegt die Zukunft des Kunstmarkts? In London versucht es Sotheby’s mit Kunst aus der Türkei

Das Experiment, das Sotheby’s am 4. März in London beginnt, ist ein gewagtes. Zum ersten Mal wird dort in einer Sonderauktion allein zeitgenössische türkische Kunst angeboten. Nun hat zwar vor allem die Istanbul Biennale in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass Kunst aus der Türkei einem breiteren Publikum bekannt wurde. Dass es dafür einen ausgeprägten Käufermarkt geben könnte, war bislang aber nicht bekannt.

Über die Frage, ob im Zeitalter der globalisierten Wirtschaft lokale Märkte noch eine Überlebenschance haben, haben Generationen von Ökonomen gebrütet und sind zu keinem klaren Ergebnis gekommen. Einerseits haben McDonald’s, Coca-Cola, Apple die Welt erobert. Trotzdem scheinen gerade in den vergangenen Monaten, seitdem die Krise den Glauben in die Weltwirtschaft erschüttert hat, regionale Anbieter eine Renaissance zu erleben.

Auch Andy Warhol und Jeff Koons, Damien Hirst und Gerhard Richter sind globale Marken. Ihre Werke sprechen eine internationale Sprache, haben einen hohen Wiedererkennungswert, der nicht von Landeskulturen abhängig ist, und hängen in Singapur und Delhi ebenso an Wohnzimmerwänden wie in Moskau und auf Long Island. Dennoch scheinen schon seit geraumer Zeit die großen Auktionshäuser neben diesen internationalen Superstars auch auf die lokalen Märkte zu setzen. Bei Sotheby’s und Christie’s gibt es in regelmäßigen Abständen Spezialauktionen für skandinavische und für russische, für orientalische und für griechische Kunst – zeitgenössische, nicht antike. Die vor einigen Jahren begonnenen Versteigerungen in Paris haben natürlich einen Schwerpunkt bei Expressionisten und Fauves. Und die in London abgehaltenen Sales für britische Kunst sorgen schon seit Jahrzehnten für stabile Zuschläge – und damit für stabile Einkünfte der globalen Auktionshäuser.

Das Angebot der ersten Turkish Art- Auktion beeindruckt durch Qualität und Vielfalt, vor allem aber durch die Unabhängigkeit der vertretenen Künstler. Erinç Seymen lässt den ottomanischen Sultan Yavuz Selim im Muster eines Kuhfells fast verschwinden und kommentiert so die Spannung zwischen altem Weltmachtanspruch und agrarisch geprägter Gegenwart. Taner Ceylan stellt in einem überlebensgroßen Gemälde einen Boxer mit blutverschmierten Fäusten und ebenso blutigem Gesicht dar und spiegelt damit den Männlichkeitswahn seiner Gesellschaft. Und Elif Uras gibt einer weißen Vase das Aussehen einer Bauchtänzerin. Politische oder religiöse Rücksichten scheinen Künstler in der Türkei heute nicht mehr nehmen zu müssen. Stefan Koldehoff

 
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