Natürlich ist ein Schriftsteller, der gelegentlich journalistische Arbeiten verfasst, in diesen wiedererkennbar. Wie umgekehrt ein Journalist, der in die erzählende Literatur einwandert, die für ihn typischen Schreibeigenschaften, Haltung, Handschrift, Temperament, im Gepäck hat. Maxim Biller ist, als Kolumnist wie als Romancier, immer Maxim Biller. Dirk Kurbjuweits skeptisches Feingefühl für menschliche Charaktere wird in gleicher Weise den Figuren seiner Romane zuteil wie den Angehörigen der Berliner Politprominenz, die er als Journalist für den Spiegel porträtiert. Und dem Journalisten Mathias Matussek kann man einiges zutrauen, aber keinen 800-Seiten-Roman im Stil Adalbert Stifters.

Insofern sind die Qualitäten, die das Erzähldebüt der 1971 geborenen Berliner Journalistin Johanna Adorján auszeichnen, für Leser des Kulturteils der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung keine allzu große Überraschung. Ob Adorján Kritiken, Feuilletons, Glossen oder Interviews verfasst – der Fluchtpunkt ihres journalistischen Stils ist vermittelnde, eher gelassene denn aufgeregte, eher vereinfachende denn analytisch bohrende Sachlichkeit. Eine fast beiläufige Schreibweise, die auf wohltuende Weise darauf verzichtet, sich besonders in Szene zu setzen oder mit der Interessantheit ihres Gegenstands zu rivalisieren. Dies ist nicht unwichtig zu erwähnen. Denn ebendieser Schreibweise, diesem respektvoll-selbstbewussten Verhältnis zum Stoff, verdankt Johanna Adorjáns erstes Buch, Eine exklusive Liebe, seine Stimmigkeit und seine große Wirkung. Es ist ein sehr berührendes Buch. Und wäre es nicht ohne den geradlinigen, nüchternen Stil der Autorin.

An keiner Stelle entsteht der Eindruck, hier wolle eine Zeitungsfrau der jüngeren Generation mittels ihrer sensationellen Familiengeschichte der Welt beweisen, dass und wie doll sie auch Literatur kann. Zum Glück verzichtet das zwischen historischer Chronik, Familienerzählung und autobiografischer Selbstbefragung changierende Buch auch auf eine literarische Gattungsbezeichnung. Unter dem Titel Eine exklusive Liebe steht weder Roman noch Erzählung, sondern eben gar nichts. Der dokumentarische Charakter des Textes ergibt sich von selbst daraus. An keiner Stelle bleibt überdies verborgen, dass Johanna Adorjáns erzählender Zugriff auf das Lebensschicksal ihrer ungarisch-jüdischen Großeltern letzten Endes journalistischer Natur ist; recherchierend, fragend, auswertend.

Schon der erste Satz klingt in seiner Nüchternheit wie eine Nachricht: »Am 13. Oktober 1991 brachten meine Großeltern sich um.« Damit ist in knappster Form das Wichtigste gesagt. Der Satz ist der faktische und gedankliche Kern des Buches und das Leitmotiv seiner Komposition. Die Erzählung des Tages, den Johanna Adorjáns Großelternpaar im Herbst 1991 als ihren gemeinsamen Todestag bestimmten und mit den hierfür notwendigen, präzis geplanten Verrichtungen verbrachten, rahmt den Text und lenkt seinen Verlauf. Immer wieder kehrt die Erzählung von ihren Exkursen in die historische und die familiäre Geschichte zur Chronologie dieses einen Tages zurück. Vom Erwachen der Großeltern am Morgen in ihrem Häuschen am Rand der dänischen Hauptstadt Kopenhagen bis zur Einnahme der tödlichen, in Wasser aufgelösten Tablettendosis am Abend und zum letzten Einschlafen. Hand in Hand, in frische Nachtwäsche gekleidet, wurde das alte Paar zwei Tage später im Ehebett tot aufgefunden. An der Tür klebte ein Zettel mit dem Hinweis »Bitte keine Wiederbelebungsversuche«. Alles ist perfekt aufgeräumt, alles vorbedacht, vorgeplant, der gemeinsame Freitod alles andere denn eine überstürzte Handlung, sondern im Gegenteil die Umsetzung einer wohlüberlegten Idee. Der Idee eines glücklich gefügten, seit einem halben Jahrhundert Liebe und Leben teilenden Paares, nicht ohne einander sein und deshalb, wenn es an der Zeit ist, gemeinsam gehen zu wollen. Der irritierend knappe Abschiedsbrief der Großmutter drückt die Idee ja präzis aus: »Wir haben zusammen gelebt, wir sterben zusammen. Wir haben euch sehr geliebt. Mami.«

Großvater und Großmutter haben einen Todespakt geschlossen

Der Doppelselbstmord von Vera und Istvan, den beiden ungarischen Juden, die sich 1940 bei einem Hauskonzert in Budapest kennengelernt hatten, die die Liebe zur Musik, zum kulturbürgerlich-kosmopolitischen Lebensmilieu sowie die Gewohnheit des Kettenrauchens bis zum Tage ihres Todes teilten, im Herbst 1956 aus Ungarn nach Dänemark flohen und sich mit eiserner Entschlossenheit in tadellos-aufgeräumte dänische Mitbürger verwandelten – der Doppelselbstmord dieses Paares ist vielleicht ungewöhnlich. Aber, zumal den Zeitpunkt betreffend, nicht unplausibel. Istvan ging es 1991 gesundheitlich sehr schlecht, er war sehr schwach, neben seinem Bett stand ein Sauerstoffgerät, das Ende seiner Zeit, über das er selbst verfügen wollte, war in greifbare Nähe gerückt. Für die rüstige, mehrere Jahre jüngere Vera war sein eben auch ihr Lebensende. Umgekehrt wäre es, dem Pakt nach, den sie offensichtlich geschlossen hatten, genauso gewesen.

Gab es tatsächlich einen solchen Pakt, fragt sich die Enkelin. Und wenn, seit wann? Seit dem Sommer 1945, als Istvan aus dem Konzentrationslager Mauthausen zurückkehrte, durch die Tür der Budapester Wohnung trat und seine Frau begriff, dass ihre schlimmste Furcht, ihn nie wiederzusehen, sich nicht erfüllte? Oder seit dem Tag im Herbst 1956, als das Paar mit den beiden Kindern (der Junge ist der spätere Vater Johanna Adorjáns) und einer Reisetasche das Budapester Krankenhaus verließ, in dem Istvan als orthopädischer Chirurg arbeitete, ins Auto stieg, zur Grenze fuhr, das Auto stehen ließ und ein neues, ein europäisches Emigrantenleben begann? Andere sind geblieben, Vera und Istvan nicht. Andere tragen den Ehegatten zu Grabe und widmen noch ein Jahrzehnt den Enkelkindern. Vera und Istvan trafen eine andere Entscheidung. Weil es ihr Wesen war? Weil ihr Wesen von der Zeitgeschichte in besonderer Weise geprägt war?