BelletristikDas Unglück, mal ganz fidel

In Sibylle Lewitscharoffs Roman "Apostoloff" ist eine große Spötterin am Werk. Sie verwandelt Familienabgründe ins Possenspiel von Eberhard Falcke

Alle glücklichen Familien, behauptete Tolstoj, seien sich gleich, die unglücklichen jedoch unglücklich auf ihre besondere Art. Zu den Besonderheiten des Familienunglücks, von dem Sibylle Lewitscharoffs neuer Roman handelt, gehört vor allem der außerordentlich fidele, ja aufgekratzte Ton, in dem darüber berichtet wird.

Die Umstände der Romanhandlung sind entsprechend. Zwei Schwestern, die längst erwachsenen Töchter der Familie, sausen in flotter Fahrt durch Bulgarien, chauffiert von einem Herrn, der genauso heißt wie der Roman. Dieser Apostoloff legt einen glühenden Patriotismus an den Tag, er lobt die Bulgaren, ihre Vergangenheit und Gegenwart, wohin man auch kommt. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, da er sich nun mal bereit erklärt hat, den beiden Schwestern das Land zu zeigen. Weil die Wirklichkeit nicht gerade auf günstige Weise für sich selbst spricht, muss er mit alten Verklärungen und neuen Schönfärbereien besonders dick auftragen. Zumal sich die Damen, trotz bulgarischer Wurzeln väterlicherseits, für den ostblockeigenen Retrocharme nicht gerade empfänglich zeigen. Sie haben schon Besseres gesehen, nämlich Stuttgart-Degerloch, wo sie geboren wurden, doch auch das war ihnen nicht gut genug.

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Besonders die jüngere Schwester auf der Rückbank sitzt dem armen Apostoloff buchstäblich mit ihren gnadenlosen Kommentaren im Nacken. "Wir haben Bulgarien schon satt, bevor wir es richtig kennengelernt haben", dekretiert sie, kaum dass der Roman und die kleine Reisegesellschaft in Fahrt gekommen sind. Sie hat sich die Rückbank gesichert als Reflexions- und Erinnerungszelle, zugleich aber auch als Erzähl- und Bespöttelungspodest. Dass der Ausblick von dort dürftig ist, kommt ihr nur entgegen. Umso besser kann sie sich der Rolle als Ich-Erzählerin widmen und ebenso eloquent wie rastlos Themen und Einfälle, Beobachtungen und Betrachtungen durcheinanderwirbeln.

Sibylle Lewitscharoff, die ebenfalls in Stuttgart geboren wurde, hat für diesen Roman allem Anschein nach tüchtig in der Kiste mit Familienstoff gekramt. Den bulgarischen Pass ihres Vaters aus den 1940er Jahren zeigt sie in einer skurril-genialischen Collage auf dem Buchumschlag vor. Trotzdem läuft sie der seit ein paar Jahren allzu ungeniert grassierenden Mode des Familienromans nicht geradewegs hinterher, sondern schlägt fröhlich Haken und Räder, ganz zu schweigen von den geschickten, ja virtuosen erzählerischen Ablenkungsmanövern, die streckenweise vergessen lassen, dass es hier um familiäre Wunden und Abgründe geht. Obwohl es, genau genommen, um überhaupt nichts anderes geht, eine wilde Frauenrollenkonkurrenz unter Schwestern inklusive.

Der Kunstgriffe, mit denen Lewitscharoff das bewerkstelligt, sind zwei. Erstens hat sie den Familienroman mit der Reiseerzählung gekreuzt und durchmischt: Die Fahrt durchs Vater-Land Bulgarien liefert den Handlungsfaden. Zweitens benutzt sie eine pompös-burleske Staatsaktion, um das Ganze in Gang zu bringen.

Ein gewisser Herr Tabakoff, ein anderes Mitglied der bulgarischen Auslandsgemeinde, kam nämlich auf die Idee, die Überreste seiner bereits verblichenen Landsleute aus der fremden schwäbischen Erde zurück in die Heimat zu überführen. Da er es zum steinreichen Mann gebracht hat, kann er das Vorhaben mit Glanz, Gloria und eigens errichteter Gedenkstätte verwirklichen. Ein paar niedrigere Beweggründe sind auch dabei, aber der Mann versteht sich auf feudale Gesten. Die Angehörigen der Toten reisen in luxuriösen Limousinen und logieren in den ersten Häusern. So kommen auch die beiden Schwestern nach Bulgarien. Die touristische Rundfahrt im Dacia mit Apostoloff als Cicerone und Chauffeur haben sie auf eigene Faust drangehängt.

Es gibt für die jüngere Schwester auf der Rückbank also viel zu erzählen. Unendlich viel gibt es auch zu bespötteln, zu schmähen, zu attackieren. Alle kriegen hier ihr Fett weg, vor allem der Vater und was mit ihm zusammenhängt, einschließlich seiner palavernden Tochter, die zwar die Diskursherrschaft für sich beansprucht, dabei aber mit sich selbst auch nicht besonders gnädig umspringt. "Oh, ich weiß! Weiß es im geheimen besser, kann mich aber nicht zügeln. … Vaterhass und Landhass sind verquickt und werden auf vertrotzte Weise am Köcheln gehalten. Bulgarien? Vater? Ein Schnappmechanismus."

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