Wenn die Gründe, sich zu fürchten, überhandnehmen, versiegt die Furcht. So war es schon in der Bibel, als die apokalyptischen Reiter die Menschheit heimsuchten, der Zorn Gottes sich als brennendes Meer über die Erde ergoss und das Jüngste Gericht tagte. So ist es auch in der wirklichen Welt, wo es jeden Tag Hiobsbotschaften hagelt, aber keine Panik ausbricht, weil das kollektive Bewusstsein sich gegen diese fantastisch klingenden Tatsachen wehrt und die Zukunftssorgen verdrängt. Dass Zukunft trotzdem stattfindet, daran erinnert uns jetzt Juli Zeh. Corpus Delicti heißt ihr neues Buch und liefert Beweise gegen unsere Furchtlosigkeit. Es ist eine negative Utopie, die den Sinnkrisen der Gegenwart entspringt und uns zwingt, deren Folgen zu bedenken. Indem die Autorin die kommende Geschichte aus der vergangenen und die vergangene aus der kommenden erklärt, lehrt sie ihre Leser das Fürchten.

Alles beginnt mit einem weiten Kameraschwenk über die stille Oberfläche des Planeten, wie er Mitte dieses Jahrhunderts vielleicht aussehen wird. Saubere Städte, umrankt von sauberer Natur und geputzten Industrieruinen. Solaranlagen neben Magnetbahntrassen. Geflutete Tagebaue, deren glatte Oberflächen den entgötterten Himmel spiegeln. Nur Google Earth blickt noch aus der Vogelperspektive auf die Schöpfung herab, und wenn man näher ranzoomt, landet man in einem deutschen Amtsgericht, das soeben einen Fall nachlässiger Gesundheitsvorsorge verhandelt. Eine junge Frau namens Mia Holl hat ihren »Schlafbericht« nicht eingereicht, ihren Blutdruck nicht gemessen und ihre sportliche Leistungskurve absacken lassen. Wegen dieser Pflichtvergessenheit gegenüber sich selbst, die eine Schlamperei gegenüber der Gemeinschaft ist, weil das Selbst als deren kleinste Funktionseinheit ständiger Kontrolle bedarf, wird die Delinquentin zunächst verwarnt.

Corpus Delicti erzählt von der Zurichtung des privaten Körpers im Namen eines Staatskörpers. Handle stets so, dass die Maxime deines Handelns die bestehenden Verhältnisse nicht gefährdet: So lautete der kategorische Imperativ in den totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts, und so wird er im 21. Jahrhundert vielleicht weiterhin lauten. Juli Zeh versucht die Gründe zu benennen, warum auch freie Gesellschaften Unfreiheit erzeugen. Und weil das so schwierig ist, verfährt die versierte Erzählerin diesmal weniger erzählerisch als diskursiv – wie man es als Leser einer Utopie auch erwartet. Seit Thomas Morus haben die Meister des Genres zuungunsten der Form die Idee betont. Nach diesem Prinzip entwickelt auch Juli Zeh ihre philosophische Novelle über eine Welt, wo Perfektion Pflicht und Pragmatismus der Traum ist, wo alle Alternativen diskreditiert sind und die großen Fragen nicht mehr gestellt werden: Wer sind wir? Woher kommen wir? Was erwartet uns?

Die Melancholie, das Gebrechen der Moderne, muss nun bestraft werden

Es stellt sich aber heraus, dass Mia Holl vom Funktionalismus abfällt, dass sie ihre Wohnung verdrecken und den Kilometerrückstand auf ihrem Hometrainer anwachsen lässt – wegen schierer Melancholie, jenes eigensüchtigen Gebrechens der frühen Moderne. Das muss bestraft werden, denn es widerspricht dem Glücksversprechen des saubersten Systems aller Zeiten. In Ermangelung anderer Ideale hat es die Sauberkeit zum Selbstzweck und die Unfehlbarkeit zum Götzen erhoben. Weinen ist nicht erwünscht, weil Zweifel nicht erwünscht sind. Feindlich negative Elemente nannte man Unglückliche wie Mia früher. Weil ihr Bruder sich im Gefängnis erhängt hat, nachdem er seine Unschuld an einem Mord nicht beweisen konnte, versinkt seine früher so angepasste Schwester in Trauer. Trauer aber erscheint ihren Richtern gefährlicher als Suizid, denn da lebt das Unbehagen an einem Dasein ohne Gott, ohne Moral, ohne Sinn fort.

Dass Gefühle als Delikte gelten und dass man anhand des eigenen Körpers überführt werden kann, definiert den Ort der Handlung: Corpus Delicti spielt in einer Gesundheitsdiktatur, die ihre Bewohner mittels implantierter Datenchips überwacht. Hier kontrolliert der Staat die Abwässer jedes Haushalts auf giftige Substanzen wie Nikotin. Hier sind leistungsmindernde Genussmittel wie Alkohol verboten. Man nutzt die zentrale Partnervermittlung, um eine passende DNA kennenzulernen. Endlich soll das Leben keimfrei und die Liebe schmerzfrei sein. Seit die letzte Krankheit ausgerottet wurde, sind Kranke mehr denn je Unpersonen, selbst das Privateste aller Leiden, die Seelenpein, unterliegt öffentlicher Ächtung. Mens sana in corpore sano lautet der Befehl. Man begrüßt einander mit dem Heilsruf Santé!

Manchen Lesern mag eine Reminiszenz an den Nationalsozialismus in einer Erzählung aus dem Jahr 2050 altmodisch vorkommen, weil sie glauben, das Jahrhundert der Diktaturen sei vorbei. Sie halten die Ideologie des »lebensunwerten Lebens« für erledigt und übersehen die naheliegende Ideologie der Effizienz. Juli Zeh will nicht den Ökoterror aus dem Faschismus herleiten, sondern einer körperfixierten Gesellschaft die Augen öffnen, die aus Stolz auf den historischen Sieg der Demokratie blind ist für das Fortwirken des Totalitären. Für die Versprechen der Gentechnik und die kalten Prämissen der Künstliche-Intelligenz-Forschung. Für die Menschmaschinenbauer mit ihrem Optimierungswahn und die Gesundheitsreformer mit ihrer instrumentellen Vernunft: »Wenn wir vernünftig denken«, sagt die Richterin zur Angeklagten, »schuldet die Gemeinschaft Ihnen Fürsorge in der Not. Dann aber schulden Sie der Gemeinschaft das Bemühen, diese Not zu vermeiden. Ist das nachvollziehbar?«