Wenn Papa nicht mit Scheinchen winkt
Spezial: »Privatschulen und Internate« Zeit Nr. 8
Ich mache dieses Jahr am Otto-Hahn-Gymnasium Böblingen, der wahrscheinlich hässlichsten Schule des Landkreises Böblingen, mein Abitur. Es ist kein Schloss, sondern ein tristes Gebäude. Die Overhead-Projektoren und sonstige technische Einrichtung sind das Einzige, was ans Mittelalter erinnert. Hier gibt es keine Pädagogen mit »schillerndem Lebenslauf« und keinen Japanisch- und Arabisch-Unterricht. Doch eine »seelenlose Staatsschule« würde ich das Otto-Hahn-Gymnasium Böblingen dennoch nicht nennen.
Zwar sind die Eltern der Schüler nicht in der Lage, monatlich 2300 Euro für eine Privatschule zu bezahlen, doch sie engagieren sich für die Schule, um ihren Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, zum Beispiel durch Organisation eines Wirtschaftspatenprojekts und eines Mittagstischs. Obwohl unsere Lehrer nicht für eine Vollzeit-Betreuung bezahlt werden, habe ich beispielsweise eine Lehrerin, die uns bei der Gründung unserer Schülerfirma unterstützt hat. Wir haben mit »Image.BB« nicht nur den Landes- und Bundeswettbewerb des Projekts JUNIOR des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln gewonnen, sondern auch den Europawettbewerb 2008 in Stockholm.
Deswegen meine ich, dass Sie vielleicht auch einmal über ganz »stinknormale« Schulen berichten sollten, denn dort läuft vieles gut, und zwar durch aufrichtiges Engagement und nicht, weil Papa mit den Scheinchen winkt. Ich finde es schlimm, dass in den Chancen zu oft Artikel über Internate und Privatschulen erscheinen, nur weil diese fleißig in Ihrer Zeitung werben. Das hat nichts mit »Chancen« zu tun, denn wenn ich an das Wort »Chance« denke, klingt für mich immer auch der Begriff »Chancengleichheit« mit, und die ist nicht gegeben, wenn Eltern indirekt dafür bezahlen, dass ihre Kinder gute Noten kriegen.
Claudia Zumpe, Böblingen
- Datum 26.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.02.2009 Nr. 10
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